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Analyse„Soziale Ungleichheit ist ein Lernprodukt.“ Diskriminierung in Thüringer Erstlesebüchern

2019 hat begonnen und es geht gleich richtig los. Im Frühjahr 2018 untersuchte die Arbeitsgruppe LSBT*I* der GEW Schulbücher der Sekundarstufe auf die Darstellung sozialer Vielfalt (siehe tz Juni 2018). Infolge der aufgezeigten Mängel wurde an die Schulbuchverlage Klett, Cornelsen und Westermann eine Checkliste verschickt, die eine Orientierung gibt, wie Diversität bei der Konzeption von Schulbüchern besser berücksichtigt werden kann.

13.02.2019 - Landesausschuss Diversity

Der Landesausschuss Diversity nimmt dies zum Anlass, um den vielfaltssensiblen Blick auch für Vorschul- und Grundschulmaterialien zu schärfen. Denn diese prägen sehr früh das Weltbild ihrer Adressat*innen – und können damit auch Vorurteile reproduzieren. Die Geschlechterforscher*in Christin Richter untersuchte im Zuge dessen Thüringer Erstlesebücher hinsichtlich rassistischer und sexistischer Sprache und Darstellungen. [1] Sie unterzog folgende Lernmittel einer Untersuchung: die „Karibu Fibel“ des Westermann Verlags (2009), das „Tinto Erstlesebuch“ (grüne Ausgabe) des Cornelsen Verlags (2012) und die „Bücherwurm“ Fibel vom Ernst Klett Verlag (2013).

Die Ergebnisse können als erwartbar ernüchternd formuliert werden: Kinder werden nach wie vor eindeutig geschlechtlich codiert, vornehmlich durch die Farbe ihrer Kleidung und ihre Frisur. Während zwar zunehmend darauf geachtet wird, dass Mädchen und Jungen nicht nur geschlechterstereotypen Interessen nachgehen, werden den Erwachsenen in den Fibeln klare Rollen zugewiesen: Der Vater erscheint durchgängig als der starke Elternteil, der jenseits von Hausarbeit zu existieren scheint, wohingegen die Mutter häufig im Setting Hausarbeit und Einkauf gezeigt wird (siehe Bild aus dem „Bücherwurm“ Seite 139). Sie ist auch diejenige, die den verständnisvollen Part des Elterndaseins einnimmt. Die Fibeln kennen zwar neben der klassischen Kleinfamilie auch Alleinerziehende oder Patchworkfamilien. Regenbogenfamilien oder andere Konstellationen sucht man allerdings vergebens.

Menschen mit Migrationshintergrund und in anderen Ländern werden häufig klischeehaft und zu oft distinguierend dargestellt - anhand von Kleidung, Aussehen oder Berufen wird ihre vermeintliche Andersartigkeit ausgedrückt. Beispielsweise werden Kinder aus anderen Regionen der Erde in vermeintlich traditioneller Kleidung ihres Landes oder Stammes gezeigt. Grundsätzlich werden die westlichen Industrienationen kulturell homogener, fortschrittlicher und zivilisierter dargestellt als Entwicklungsregionen oder andere Kontinente wie Afrika – im „Tinto“-Erstlesebuch z.B. wird Weihnachten mit Trommeln in der Savanne gefeiert. Auch ein großer Handlungsbedarf besteht in Bezug auf die Darstellung von Behinderung in den Büchern – zu oft erfolgt der Zugriff über Leistungsansprüche, die behinderte Menschen vermeintlich nicht erfüllen (siehe z.B. „Bücherwurm“ Seite 71).

Es zeigt sich, dass auch Lernmittel der Vor- und Grundschule eines diversitätskritischen Blickes wert sind, da in diesen bereits Einstellungen und Stereotype etabliert werden, die letztlich zu Ungleichwertigkeitsideologien führen können. Mit den Worten Maureen Maisha Eggers‘, Professorin für Kindheit und Differenz: „Soziale Ungleichheit ist ein Lernprodukt“. Diskriminierungssensibilität muss deshalb auch in dieser Altersgruppe großgeschrieben werden.

Checkliste für die Darstellung sozialer Vielfalt
Sprache
  • Werden geschlechtsneutrale Formulierungen anstatt nur des generischen Maskulinums verwendet?
  • Werden generalisierende Aussagen über Personen (etwa „Männer sind..., Frauen sind ...“) vermieden?
  • Werden diskriminierende Äußerungen vermieden?
  • Wird mit Eigendefinitionen statt Fremdzuschreibungen gearbeitet? (z.B.: „Frauen, die sich in Frauen verlieben, bezeichnen sich häufig als lesbisch“)
Abbildung
  • Werden Menschen mit verschiedenen Merkmalen abgebildet? (Alter, Hautfarbe, Kleidung)
  • Werden Figuren in vielfältigen Situationen gezeigt jenseits von Stereotypisierungen (z.B. ein Hausmann, eine Fußballerin, ein Tänzer, eine Pilotin)?
  • Werden Formen des Miteinanders in ihrer real gelebten Vielfalt gezeigt? (Bsp. Patchwork-Familien, alleinerziehende Eltern, Regenbogenfamilien)
Kontextualisierung
  • Wird Vielfalt beiläufig und selbstverständlich thematisiert und nicht etwa in einem Exkurs oder Sonderthema?
  • Werden einseitige Verknüpfungen vermieden? (z.B.: nicht-heterosexuelle Lebensentwürfe vorrangig im Kontext mit HIV, Missbrauch oder Pädophilie; nicht-weiße Menschen ausschließlich im Migrationskontext oder als Bewohner*innen anderer Kontinente; intergeschlechtliche Menschen im Kontext von Erbkrankheiten)
  • Werden diskriminierte Gruppen nicht nur in der Opferrolle dargestellt, sondern werden auch positive Identifikationsmöglichkeiten geschaffen? (z.B. jüdisches Leben nicht nur im Kontext der Shoa, Lesben und Schwule nicht nur als Verfolgte oder Benachteiligte)
Inhalt
  • Erfolgt eine wertschätzende und gleichwertige Erwähnung sozialer Vielfalt? Wird also auf Normierungen verzichtet? (z.B. „richtige Familien“, „abweichende Religionen“)
  • Werden emanzipatorische Kämpfe und soziale Bewegungen thematisiert? (Civil Rights Movement, Frauenbewegungen, LSBTI-Bewegungen)
  • Wird Sexualität in ihren vielseitigen Funktionen und Aspekten thematisiert? (Bedürfnis nach Nähe und Bindung, Ausdruck von Zuneigung und Intimität, Selbstbestimmung, soziale Machtverhältnisse u.a.)


[1] Über die Untersuchung wurde in der tz vom Oktober 2018 bereits berichtet. Leider schlichen sich in den Text Fehler ein, weshalb er korrigiert noch einmal abgedruckt wird.
[2] Maisha Maureen Eggers: Gleichheit und Differenz in der frühkindlichen Bildung - Was kann Diversität leisten? URL: heimatkunde.boell.de/2012/08/01/gleichheit-und-differenz-der-fruehkindlichen-bildung-was-kann-diversitaet-leisten

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