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GastkommentarSoziale Netzwerke: Online "dabei" sein

Digitale Medien dienen nicht nur dazu, Antworten auf Lebensfragen zu finden und mit Gleichaltrigen adäquat zu kommunizieren. Häufig sind sie auch Mittel und Weg, sich gegenüber Erwachsenen, egal ob Eltern oder Lehrkräften, abzugrenzen.

08.03.2017 - Stefan Aufenanger, Professor für Medienpädagogik am Institut für Erziehungswissenschaft der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz

Für viele Erwachsene ist die Netzwelt, in der sich Mädchen und Jungen bewegen, vielleicht etwas Unheimliches, zumindest etwas Beunruhigendes. Anstatt sich mit Freunden vor Ort zu treffen, Bücher zu lesen oder sich sozial zu engagieren, tummeln sie sich lieber in virtuellen Welten, bekämpfen sich in Computerspielen, "befreunden" sich auf Facebook mit unzähligen Menschen, verabreden sich fast nur über WhatsApp - mit Beginn der Pubertät meist etwas Alltägliches. Wer aktuelle Forschungen darüber liest, wie Zwölf- bis 19-Jährige neue Medien nutzen, stellt fest, dass digitale Kommunikationsformen deren soziales Leben bestimmen: Zirka 90 Prozent der Heranwachsenden besitzen Smartphones und teilen sich Gleichaltrigen vor allem über WhatsApp, Instagram und Twitter mit.

Die Plattformen sozialer Netzwerke nehmen also viel Raum und Zeit im Alltag Pubertierender ein. Sie wollen immer aktuell wissen, was die anderen aus der Peergroup gerade machen, welche Themen "in" sind, wo es "hip" ist, sich abends zu treffen - und wer mit wem im Moment gerade befreundet ist. Besonders mit der beginnenden Pubertät spielen Cliquen und Szenen eine große Rolle, da sie helfen, sich zu orientieren und neue Lebenswelten zu entdecken. Klar: "Wer bin ich" bzw. "wer möchte ich sein?", haben sich Jugendliche auch früher in der Pubertät gefragt. Ältere Generationen haben das möglicherweise in ihrer Jugend traditionell durch Initiationsriten (z.B. Konfirmation), durch Integration in politische oder soziale Gruppen, durch Engagement in Sportvereinen oder der freiwilligen Feuerwehr beantwortet.

"Digitale Medien befriedigen das Bedürfnis nach Kommunikation und Aktualität."

 

Mit dem Aufkommen der Massenmedien, vor allem dem Fernsehen, haben sich die Kreise, in denen Jugendliche nach Werten und Orientierungen suchen, erweitert. Vor allem digitale Medien bieten dafür auf ihren Kanälen vielfältiges und sehr unterschiedliches "Material" sozusagen symbolisch an, aus dem sich die jugendliche Identitätssuche "bedienen" kann - egal, ob es dabei um Geschlechterrollen oder moralische Normen geht. In dem Drang, auf YouTube oder anderen Plattformen zu "surfen" drückt sich nichts anderes aus, als das Bedürfnis eines jungen Menschen, sich mit dem, was ihn im Augenblick stark beschäftigt, auseinanderzusetzen. Oft werden dabei entweder die eigenen Probleme in Medienfiguren oder -geschichten projiziert, gleichzeitig ist es möglich, sich von den eigenen Problemen zu distanzieren. Oder aber sich mit fiktiven Charakteren zu identifizieren, um die eigene Persönlichkeit besser zu verstehen. Das alles läuft größtenteils unbewusst ab. Der "Ritt" durch mediale Welten geschieht aber deswegen nicht "zufällig", sondern wird von Themen und Problemen des Nutzers gesteuert.

Digitale Medien befriedigen das Bedürfnis nach Kommunikation und Aktualität. Zu wissen, was andere machen und denken, was "in" und was "out" ist, bedeutet, "dabei" zu sein. Denn die Identitätsaufgabe der Pubertät ist unter anderem, sich in soziale Gruppen zu integrieren und den eigenen Weg zu finden. WhatsApp - oder derzeit Snapchat - bieten die Chance, beides gleichzeitig zu tun. Zum anderen erfüllen neue Medien noch ein anderes Verlangen, nämlich das der Selbstpräsentation. Sich einer Außenwelt mitzuteilen, sich in bestimmter Art und Weise "zu zeigen" und damit auszutesten, wie komme ich an, erhält bei dem riesigen Youtube- und Instagram-Publikum eine neue Dimension. Pubertierende Mädchen und Jungen erzählen online aus ihrem meist realen Alltag, zugleich versuchen sie mit einer Selbstpräsentation - wie sie sich sehen oder wie sie sein möchten -, aus diesem auszubrechen.

Aus Sicht Erwachsener vielleicht ein banales und langweiliges Ereignis. Aus Perspektive Jugendlicher eine Chance, Einblick in andere Lebenswelten zu bekommen und sich selbst auch anders wahrzunehmen. Genau hier aber liegt das Problem im Verhältnis zu den Älteren. Erwachsene erinnern sich wahrscheinlich oft nicht mehr daran, dass sie in ihrer Jugend die gleichen Sinnsucher waren wie ihre Kinder oder Schüler. Sie sind damals nur andere Wege gegangen. Sicher, die Frage, ob die "Sinnangebote" digitaler Medien überhaupt angemessen sind und Jugendliche in ihrer Entwicklung wirklich fördern, ist berechtigt und nicht einfach zu beantworten. Jugendliche setzen sich wie alle Nutzer aktiv mit Medienangeboten auseinander und übertragen das, was ihnen zusagt, in ihren Alltag - zumindest für eine gewisse Zeit.

Digitale Medien, dienen allerdings nicht nur dazu, Antworten auf Lebensfragen zu finden und mit Gleichaltrigen adäquat zu kommunizieren. Häufig sind diese auch Mittel und Wege, sich gegenüber den Erwachsenen, egal ob Eltern oder Lehrkräften, abzugrenzen. Das wird jungen Menschen aber nicht leicht gemacht: Selbst bei Facebook können sie nicht mehr ausschließlich unter sich sein, die Älteren sind längst in diese Welten eingedrungen. Und auch beim Wechsel zu WhatsApp blieben Jugendliche nicht lange für sich: Viele Familien nutzen inzwischen WhatsApp-Gruppen zum innerfamiliären Austausch. Das heißt, Jugendliche müssen sich stets neue virtuelle Nischen suchen, die für die Erwachsenen nicht so leicht zugänglich sind. Eltern und Lehrkräfte fühlen sich jedoch oft durch den fast abhängigkeitsorientierten und dauerhaften Gebrauch der Smartphones & Co. provoziert. Doch Mütter und Väter sind bei diesem Thema auch nicht immer ein gutes Vorbild.

Klar, in all den beschriebenen Szenarien gibt es Risiken - zum Beispiel bei Computerspielen -, die zu unberechenbaren Aktionen oder Suchtverhalten führen können. Auch das gehört zum Sich-Ausprobieren bei der schwierigen Suche nach Identität. Genauso wie die Lust an der schnellen Kommunikation, der Hang, überall dabei zu sein ohne anwesend sein zu müssen, sich in sozialen Plattformen als ein Star oder eine Heldin zu präsentieren. Erwachsene sollten diese digitale Jugendkultur aufmerksam beobachten, aber auch als etwas Eigenes respektieren. Sie sollten im Rückblick auf ihr eigenes Jungsein nur dann eingreifen, wenn Gefährdungen im Anmarsch sind.

Und sie können gewiss sein: Spätestens am Ende der Schulzeit, im Übergang zum Beruf oder zum Studium warten neue Herausforderungen der Selbstfindung, die vielleicht wieder digital angegangen werden, aber dann eine andere Dimension haben: etwa neue Partner zu finden oder ein neues Berufsleben aufzubauen. Wenn wir verstehen wollen, was Medienrezeption für die Identitätsfindung Jugendlicher bedeutet, sollten wir diese als Teil einer aktiven Suche begreifen. Dann könnten wir als Erwachsene auch ruhig etwas gelassener auf die "digitale Pubertät" reagieren - und nicht alles gleich dramatisieren.

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