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Sentieri Partigini – Wandern auf italienischen Partisan*innenwegen

Ich durfte rund um den 25. April, dem italienischen Tag der Befreiung von der nazifaschistischen Besatzung durch die Deutschen, an einer Wanderreise auf den Wegen der Partisan*innen im Reggianer Apennin teilnehmen. Hier mein gekürzter Bericht:

16.06.2016 - Daniel Claus - Lehramtsstudent an der FSU Jena

Unsere 100 Personen große Reisegruppe traf sich am 21.04. in Reggio Emilia um den darauf folgenden Tag 60 Kilometer in den Reggianer Apennin hinauf zu fahren. Genau auf der Straße hinauf zum Cereto Pass, welche den Deutschen 1944 als wichtige Nachschublinie zur südlicher gelegenen „Gotenlinie“ diente, der Grenze zum Gebiet, welches von den Alliierten befreit wurde.

„Willi“ – der erste Zeitzeuge

Im kleinen Ort Busana erwartete uns eine Einführung in die Geschichte der Resistenza und nach einem gemeinsamen Essen, ein erstes Zeitzeugengespräch. Giacomo Notari, heute 90 Jahre alt, war unter dem Kampfnamen „Willi“ aktiv. Er kommt mit seiner Frau im noch eigens gesteuerten PKW in den Garten unseres Hotels und berichtet uns, was er erlebte. Er war Teil der kommunistischen Garibaldi Brigade. Doch bevor er die schwierige Entscheidung traf in den Widerstand zu gehen, prägten ihn die Jahre des Faschismus. Viel erzählter über die damaligen schwierigen Lebensbedingungen vor dem Krieg. Schwere Arbeit, wenig Essen, lange Winter in denen durch tiefen Schnee zur Schule gelaufen werden musste. Dem stand die faschistische Propaganda entgegen, welche den Italienern besagte, das Volk zu sein, welches die Welt erobern sollte. Zur Zeit der deutschen Besatzung attackierte er mit anderen immer wieder deutsche Nachschubtransporte zur Gotenlinie.

Er erzählt dies alles bedacht und vor allem nicht als Heldengeschichte. Seine Ausführungen werden zum Ende hin immer dynamischer, als er auf die heutige Situation aufmerksam macht und vor Fremdenfeindlichkeit, Hass und dem stetigen Schüren von Ängsten warnt. Es gäbe auf dieser Welt und vor allem in seinem Land genug an Nahrung und Wohnraum. In seinem Apennindorf gäbe es viel Leerstand und kaum Nachwuchs. Tief beeindruckt traten wir danach die erste Wanderung an, welche an jenem Punkt startete, wo „Willi“ mit anderen einen deutschen Transport mit Granaten bewarf, üblicherweise waren die Partisan*innen zu solchen kurzen Kommandoaktionen gezwungen.

Wanderungen über ehemals „verbrannte Erde“

Die folgenden Tage sollten wir weitere Partisan*innen-Pfade begehen und dabei immer wieder auf Zeitzeug*innen treffen, die auch um die 90 Jahre alt sind. Bis vorein paar Jahren kamen sogar noch einige mit auf die Wanderungen. Heute reicht es „nur“ noch für ein gemeinsames Abendessen. Eines zog sich durch die Gespräche hindurch,dass alle ihre Erinnerungen noch in das Heute einbinden und vor neuen Kriegen und zu mehr Verständigung mahnen. Auf den Wanderungen rund um den Cereto Pass bewegen wir uns durch Sassalbo und Mommio, Orte, die für die deutsche Taktik der verbrannten Erde stehen. Hier wurden Massaker an der Zivilbevölkerung durchgeführt,da entweder Partisan*innen in der Nähe entdeckt wurden oder auch nur vermutet wurden. Mehrfach werden für ein Zeitzeugengespräch und Grußworte der Gemeindevertreter*innen und der Vertreter*innen des Partisanenverbandes ANPI für uns ein Gemeindezentrum,eine Kirche oder gar ein Theater geöffnet. Wir wurden stets herzlich empfangen und sollen die Geschichten weitererzählen. Geschichten von schwerwiegenden Entscheidungen einzelner Personen, Geschichten von brennenden Dörfern, Geschichten der Enttäuschung über ausbleibende Reparationen oder wenigstens Anerkennung der Verbrechen durch die BRD.

Stolz auf die antifaschistische Tradition

Mir kommen auf der Wanderung immer wieder Gedanken hoch, welche die aktuelle politische Situation bei uns betreffen. Wir müssen mit ansehen, dass sich in ganz Europa rassistische und neofaschistische und protofaschistische Auswüchse etablieren. Wer dagegen offensiv vorgeht wird im Zweifel kriminalisiert. Wer sich der Verantwortung annimmt, diese zu stoppen, gerät schnell mit dem Gesetz in Konflikt. Personen, welche sich klar als Antifaschist*innen bezeichnen, haben es in Deutschland leider nicht leicht. Oftmals wird man als ewiggestrige/r Kommunist*in abgestempelt. In der Emilia-Romagna sieht das anders aus, hier ist man stolz auf die antifaschistische Tradition und versucht diese zu pflegen, auch über den 25.04. hinaus! Ein Baustein dazu sind die Sentieri Partigiani, welche übrigens in aller Regel auch mit Wandermarkierungen versehen sind und regelmäßig gepflegt werden.

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