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Früher Start in die SommerferienSchulschwänzen mit Elternsegen

Um günstigere Flüge buchen zu können, nehmen Eltern ihre Kinder schon Tage vor Beginn der Ferien aus der Schule. Das ist zwar nicht erlaubt, doch manche Lehrkraft hat vor dieser Form des Schulschwänzens mittlerweile kapituliert.

19.07.2019 - Christoph Ruf, freier Journalist

Im Mai 2018 gelangte der Memminger Allgäu-Airport zu ungewohnter überregionaler Prominenz. Mitarbeiter der Flughafen-Polizei hatten ein paar Tage vor Beginn der Pfingstferien Familien mit Kindern in der Abflughalle kontrolliert. Und dabei festgestellt, dass viele von ihnen nicht hier hätten sein dürfen – sondern in ihrer Schule, die sie nicht vom Unterricht befreit hatte. Kurz darauf ergingen bei den zuständigen Landratsämtern zehn Anzeigen gegen die Eltern der Kinder. Der öffentliche Aufschrei war groß. Die „Welt“ argumentierte, in Zeiten, in denen Tausende Fahrraddiebstähle nicht aufgeklärt würden, sei solcherlei Fahndungseifer bei einem „Kavaliersdelikt“ grotesk. Viele Eltern schäumten über die vermeintliche Herzenskälte von Schulpolitikern, die Familien den verdienten Urlaub vermiesen wollten.

Die Debatte darüber, ob von Eltern abgesegnetes Schulschwänzen nun tatsächlich ein „Kavaliersdelikt“ ist oder nicht eher ein unsoziales und egoistisches Verhalten dieser Eltern, ist seither nicht abgerissen. In einschlägigen Foren halten sich Befürworter und Gegner der strengen bayerischen Praxis die Waage. Diejenigen Eltern, die auf „Welt“-Linie liegen, argumentieren oft pragmatisch. An vielen Schulen finde doch schon Tage vor der Zeugnisvergabe keine Wissensvermittlung mehr statt. Warum sollten sie also nicht die günstigeren Flugtickets vor dem Ferienbeginn buchen, wenn für ihr Kind in der Schule stattdessen tagelang Filme schauen und Eis essen auf dem Lehrplan stehe.

„Diese Argumentation kenne ich aus dem Bekanntenkreis“, sagt die bildungspolitische Sprecherin der baden-württembergischen Grünen, Sandra Boser. „Aber wahrer wird sie deswegen nicht.“ Wandertage und gemeinsame Aktionen stärkten schließlich die Klassengemeinschaft. „Und wie sollen sich die Kinder fühlen, die in die Schule müssen, während manche Mitschüler schon am Strand liegen?“

„Die Konsequenzen tragen die Eltern, die meinen, sie gäben ihren Kindern ein gutes Vorbild, wenn sie auf Lügen setzen, um sich Vorteile zu verschaffen“ (Edith Drescher)

Edith Drescher, Direktorin des Pforzheimer Hilda-Gymnasiums, hat die Erfahrung gemacht, dass viele Eltern verständnislos reagieren, wenn sie ihnen die Absolution dafür verweigert, am Mittwoch statt am Samstag in den Urlaub aufzubrechen. Bei denjenigen, die offen zugeben, dass es ihnen dabei nur um die günstigeren Konditionen geht, sei die Empörung besonders groß, wenn sie ihre Haltung darlegt. „Da heißt es dann, ich müsse doch honorieren, dass sie ehrlich gewesen seien und keine Krankheit ihres Kindes erfunden hätten.“ Sie wisse von Kollegen, die in solchen Fällen nachgeben.

Beliebt sei die Behauptung, man habe sich bei den Daten vertan. Höhere Weihen verleiht sie dem verlängerten Urlaub aber auch dann nicht. „Ich verweise darauf, dass es ihr Problem ist, wenn sie am Flughafen erwischt werden.“ Und das passiert durchaus, denn nicht nur in Bayern ruft die Flughafenpolizei bei der Schulleitung an, um nachzufragen, wie es mit der Befreiung stehe. „Ich sage den Beamten immer die Wahrheit. Die Konsequenzen tragen die Eltern, die meinen, sie gäben ihren Kindern ein gutes Vorbild, wenn sie auf Lügen setzen, um sich Vorteile zu verschaffen“, stellt Drescher klar.

„Wir Eltern beklagen den permanenten Unterrichtsausfall, da wäre es ja grotesk, wenn wir Schulschwänzen das Wort reden würden.“ (Carsten Rees)

Der E&W-Redaktion ist das Beispiel einer Grundschule in Schleswig-Holstein bekannt, deren Schulleiter interessierten Schülern vor den Sommerferien ohne Rückfrage nach den Gründen freigibt. In einem anderen Fall stellte er Kinder eines ihm bekannten Ehepaares für drei Schultage frei – sodass zusammen mit einem beweglichen Feiertag und dem Wochenende eine zusammenhängende Woche für Skiferien entstand. Die Eltern hatten sich bitterlich darüber beklagt, dass es im Norden keine Skiferien gebe. Ohne die betroffene Schule zu nennen, konfrontierte E&W das schleswig-holsteinische Bildungsministerium mit dem Fall. Dessen Sprecher Thomas Schrunck betont, dass „eine mehrtägige Befreiung allenfalls bei Todesfällen, Krankheit oder anderen persönlichen und familiären Ereignissen möglich ist – sicherlich nicht, um preiswertere Tickets für den Urlaub zu ergattern“. In einem ähnlichen Fall laufe derzeit eine disziplinarrechtliche Prüfung.

Juristisch ist sowohl ein strenges Vorgehen gegen Schulleitungen als auch gegen Eltern unanfechtbar, wenn diese die gesetzliche Schulpflicht ignorieren. Der Vorsitzende des Landeselternbeirats Baden-Württemberg, Carsten Rees, hält das auch für richtig. „Wir Eltern beklagen den permanenten Unterrichtsausfall, da wäre es ja grotesk, wenn wir Schulschwänzen das Wort reden würden.“

„Ich finde es jedenfalls unverhältnismäßig, wenn an manchen Flughäfen drei Tage vor Ferienbeginn Polizeikontrollen stattfinden, während bei Kindern, die über Wochen und Monate der Schule fernbleiben, viel zu wenig interveniert wird.“  (Ilka Hoffmann)

Bliebe die Frage, wann die Schule tatsächlich „geschwänzt“ wird. Liegt ein „triftiger Grund“ vor, liegt es nämlich in allen Bundesländern im Ermessensspielraum der Schulleitung, ob sie einem Antrag der Eltern stattgibt oder nicht. Drescher nennt ein Beispiel. „Ich habe gerade das Kind einer vierköpfigen Familie für einen Tag befreit. Eines der Kinder macht ein Freiwilliges Soziales Jahr bei unserer Partnerschule in Tansania, Eltern und Schwester wollen es besuchen.“ Für Drescher ein triftiger, da schulbezogener Grund, dem sie stattgab. Immer mit dem Zusatz, dass das „einmalig und ausnahmsweise“ erfolgt. „Jemandem aber frei zu geben, damit er einen günstigeren Flug bekommt, ist ein völlig falsches Signal in Zeiten, in denen man darüber diskutiert, wie man Schulverweigerung eindämmen kann.“

GEW-Vorstandsmitglied Ilka Hoffmann würde sich derweil darüber freuen, wenn genau darüber eine breite gesellschaftliche Debatte stattfände: „Ich finde es jedenfalls unverhältnismäßig, wenn an manchen Flughäfen drei Tage vor Ferienbeginn Polizeikontrollen stattfinden, während bei Kindern, die über Wochen und Monate der Schule fernbleiben, viel zu wenig interveniert wird, weil in der aufsuchenden Sozialarbeit und bei der Polizei die Ressourcen fehlen.“ Bei einem Jugendlichen, dessen Eltern Schule gleichgültig ist oder der aufgrund von Versagensängsten nicht in den Unterricht geht, sei nämlich in letzter Konsequenz die Bildungskarriere gefährdet.

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