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Studie zur Schülerpartizipation„Oft fragt man sich: Was mache ich hier eigentlich?“

Die Arbeit der Schülervertretung nimmt in Ausführungen zu demokratischer Schulkultur eine zentrale Stellung ein. Während die politische und pädagogische Bedeutung von Schülerpartizipation also weitgehend anerkannt ist, ist wenig darüber bekannt, was die ausführenden Akteure für Vorstellungen zu diesem Thema haben. Entsprechend stellt sich die Frage, was Schülervertreter*Innen eigentlich selbst unter Mitbestimmung verstehen. Eine Interviewstudie mit Thüringer Schülervertreter*innen.

10.04.2020 - Ilka Maria Hameister - wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Didaktik der Politik der Friedrich-Schiller-Universität Jena

Schülerpartizipation – wurde zu diesem Thema gefühlt nicht schon alles gesagt? Bei einem Blick auf die Fülle an programmatischen Entwürfen zu Handlungsempfehlungen und Qualitätsstandards der Ratgeber- und Fachliteratur auf diesem Feld, könnte man zunächst diesen Eindruck gewinnen. Während die darin enthaltenden externen Expert*Innenperspektiven aus der Wissenschaft und der praktischen Professionserfahrung sicherlich hochrelevant sind, stellt sich gleichzeitig die Frage, welche Zielbeschreibungen und -begründungen von gremiumsbasierter Schülermitbestimmung von den Schülervertreter*Innen selbst verfolgt werden.

Wie blicken die Schüler*Innen selbst auf ihre Mitwirkungstätigkeit? Um diese Frage zu ergründen, wurden im Rahmen einer Staatsexamensarbeit eine Interviewstudie mit Thüringer Schülersprecher*Innen entwickelt und in unterschiedlichen Schulformen angewendet. Die Aussagen der interviewten Personen wurden anschließend
mithilfe der Methode der qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet. Dabei wurde deutlich, dass sich bei ihren Aussagen unterschiedliche Bezugshorizonte für die Begründung, Erklärung und Beschreibung von Schülerpartizipation ausmachen ließen, die bei den jeweiligen Interviewpartner*Innen unterschiedlich dominant
ausgeprägt waren.

Die erste Auslegung von Schülerpartizipation lässt sich durch das Muster einer „prosozialen Orientierung“ beschreiben: Die Motivation für die Arbeit in den Schülergremien wird hier aus einem Gefühl der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft und einem sozialen Verantwortungsbewusstsein gezogen. Als Aufgaben der
Schülervertretung werden dabei vor allem das Motivieren der Mitschüler*Innen für ein gelebtes Miteinanders genannt, aber auch die Verfügbarkeit als Ansprechpartner*In für die Sorgen und Probleme der Mitschüler*Innen hervorgehoben. Partizipation dient nach dieser Lesart primär der Mediation zwischen unterschiedlichen Akteuren, der Verbesserung von Beziehungen und dem Schutz der Schülerschaft vor übersteigerten Interessen oder Erwartungen anderer Akteure im Kontext von Schule.

Die „bildungszentrierte Orientierung“ hingegen zieht die Motivation für die Arbeit als Schülervertreter*In vor allem aus intrinsischen Motiven, aus der Möglichkeit sich selbst zu verwirklichen und aus dem Zuspruch von außen. Das Amt des Schülervertreters wird als Bildungsanlass für sich selbst und für die Mitschüler*Innen gesehen, indem man als Schülersprecher*In eine Vorbildwirkung entfaltet und die Schülerschaft in politischen Belangen aktiv weiterbilden kann.

Eine andere Stoßrichtung weist die „organisationale Orientierung“ auf: Hierunter fallen Aussagen von Schülervertreter*Innen, die angeben, dass sie sich zur Wahl stellen lassen haben, weil sie die Strukturen in der Schule verbessern wollten und eine Verantwortung gegenüber der Schule als Gesamtsystem spüren. Als Aufgaben werden hierbei primär die Organisation von Sitzungen und Veranstaltungen sowie die Veranlassung und Begleitung struktureller Schulentwicklungsmaßnahmen gesehen. Die Mitbestimmungsleistung der Schülervertretung wird hier als Beitrag zur Qualitätsentwicklung und zur Herstellung und Aufrechterhaltung von Ordnung in der Schule
verstanden.

Als vierter Auslegungsmöglichkeit von Schülerpartizipation wurde eine „politische Orientierung“ in den Interviews sichtbar. Hierbei wird der Schritt zu aktiven Mitbestimmungstätigkeiten aus einem demokratischen Anspruch heraus begründet. Aufgaben wie die Vertretung der Interessen der Schüler*Innen, das Aufrechterhalten eines selbstverwaltetenGremiensystems der Schülerschaft und die Informationsvermittlung zwischen unterschiedlichen Ebenen und Funktionsträgern werden in den Vordergrund gestellt. Schülerpartizipation dient nach dieser Auslegung der Aggregation, Artikulation und Integration von Interessen der Kinder und Jugendlichen sowie der anschließenden Mobilisierung. Außerdem wurde darauf hingewiesen, dass die Mitbestimmung eine Kontrollfunktion gegenüber den Entscheidungen der Lehrerschaft und Schulleitung bietet und durch die Stimmkraft der Schülerschaft gemeinsame Beschlüsse zusätzlich legitimiert werden können.

Aus der Interviewstudie wird deutlich, dass das Partizipationsverständnis der befragten Schülervertreter*Innen als ein komplexes und differenziertes Geflecht von subjektiven Vorstellungen zu charakterisieren ist und die Akteure ihre Tätigkeit als einen Beitrag zur Gestaltung der Beziehungs-, Lern-, Organisations- und Machtebene von Schule verstehen. Dies illustriert, dass sie eine hochanspruchsvolle Rolle innerhalb des Systems Schule einnehmen. In den Äußerungen der Interviewten werden entsprechend immer wieder Konflikte beschrieben, die damit einhergehen.

So finden sich in den geführten Interviews Passagen zu:

  • Konflikten mit dem eigenen Mandats- und Repräsentationsverständnis: „und dann zerbreche ich mir den Kopf: Stimme ich jetzt dafür ab, was für die Schüler am besten ist oder für alle, die daran beteiligt sind. Das ist übel.“
  • Konflikten mit Mitschüler*Innen, die nicht gewillt sind, der Beteiligungs- und Lernaufforderung der Schülervertreter*Innen zu folgen: „die finden das dann mega nervig, wenn ich schon wieder was von denen will.“
  • Konflikte innerhalb der Schülervertretung, wenn bspw. einige Personen den politischen Konflikt in der Interessensvertretung fordern, während andere den Aufbau harmonischer Beziehungen verlangen: „die Anderen wollen zum Teil krawallbürstig unbedingt Forderungen pushen, aber wir müssen doch eine gute Atmosphäre mit den Lehrern aufbauen. Davon haben alle viel mehr“.
  • Und natürlich auch Konflikte mit der Schulleitung und dem Lehrkörper, die u.a. auftauchen, wenn in der Kommunikation nicht zwischen der Schülerrolle und der Schülervertretungsverantwortung differenziert wird: „Das Schüler-Lehrer-Verhältnis ist ganz oft so prekär […] vom Respektverhalten; aber das es möglich sein sollte, wenn man dann im Gremium sitzt das ein bisschen objektiv zu betrachten.“
  • Oder ihnen nicht auf Augenhöhe begegnen: „manche [Lehrer] erkennen unsere Bedeutung wirklich an und andere sehen es immer noch als „Witzveranstaltung.“

Es wird also deutlich, dass das Amt des Schülersprechers bzw. der Schülersprecherin eine herausfordernde Aufgabe für die Schüler*Innen darstellt, die es als solche auch von den Mitschüler*Innen, dem Lehrkörper und der Schulleitung anzuerkennen gilt. Über die Anerkennung hinaus, müssen der Schülervertretung strukturell verankerte Möglichkeiten geboten werden, sich im Amt weiterzubilden zu können und Ansprechpartner zu finden, die sie dabei unterstützen. So sieht beispielsweise das Bremische Schulverwaltungsgesetz für die Mitglieder der Schülervertretung im Allgemeinen (§ 47) und die Delegierten der Schulkonferenz im Besonderen (§ 33) die Bereitstellung von Qualifizierungsangeboten durch schulische oder außerschulische Fortbildungen vor. Gleichzeitig ist es unerlässlich, dass den Vertreter*Innen in der Schule auch die Gestaltungs- und Mitentscheidungsräume zur Verfügung gestellt werden, um entsprechende Fähigkeiten anwenden zu können.

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