GEW Thüringen
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CoronaOffener Brief an das Thüringer Bildungsministerium

verfasst vom Lehrerbildungsausschuss der FSU Jena, dem Referat für Lehrämter des Studierendenrates (StuRa) der FSU Jena und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Thüringen

08.02.2021 - GEW Thüringen, Lehrerbildungsausschuss der FSU Jena, Referat für Lehrämter des Studierendenrates (StuRa) der FSU Jena

Sehr geehrte Herr Minister Holter,
sehr geehrte Frau Staatssekretärin Dr. Heesen,

seit Dezember häufen sich Rückmeldungen Studierender, für die sich aufgrund der aktuellen Pandemie Probleme im Rahmen des I. Staatsexamens ergeben.

Studierende des ersten und zweiten Prüfungsabschnitts sehen sich vor bisher ungeahnten Herausforderungen in ihrer Examensvorbereitung. Zudem stellt die anhaltende Pandemielage einen hochgradigen psychischen Belastungsfaktor dar, der zur grundsätzlich hohen Belastung einer lebensentscheidenden Prüfungssituation hinzukommt. Bisher vorgebrachte Bedenken und Lösungsvorschläge an das Landesprüfungsamt seitens der Studierenden sei es durch sie selbst, ihre studentisch-hochschulpolitische Vertretung, den Lehrerbildungsausschuss und andere Stellen der FSU oder die GEW wurden in wenigen Sätzen abgewiesen. Nun besteht ein erhöhter Handlungsbedarf und eine zügige Problemlösung im Sinne der Studierenden der FSU.

Nachfolgend und in Abstimmung mit der von der FSU erhobenenen Forderungen möchten wir Sie auf drei dringliche Probleme hinweisen. Wir bitten Sie, schnellstmöglich für Abhilfe zu sorgen.

Erster Prüfungsabschnitt (mündliche und schriftliche Prüfungen)

I. Präsenzprüfungen

Der Prüfungszeitraum für schriftliche Prüfungen beginnt am 8. Februar 2021. Die schriftlichen Prüfungen im Bereich Lehramt sollen trotz Pandemie in Präsenz abgenommen werden. Das führt zu hohen Teilnahmezahlen. Grundsätzlich ist darauf aufmerksam gemacht worden, dass die Prüfungen nicht notwendigerweise in Präsenz abgenommen werden müssen. Für Prüfungen, die die FSU in Eigenverantwortung durchführt, wird dringend zu digitalen Formaten geraten. 

Das Festhalten an einem vierstündigen Prüfungsverfahren in Präsenz für die schriftlichen Examensprüfungen seitens des LPA stößt bei den Unterzeichnenden auf Unverständnis. Ein Beispiel nach Berechnungen des Referates für Lehrämter: Laut Prüfungsplan des LPA soll es am 01.03.2021 in den Bildungswissenschaften eine Prüfung mit 79 Personen im Hörsaal 1 und am 03.03.2021 im Fach Sport eine Prüfung mit 50 Personen im HS 3, jeweils in der CarlZeiss-Straße geben.

Eine Umsetzung erscheint auch vor dem Hintergrund gültiger „Corona-Verordnungen“ mehr als fragwürdig.

Gegen eine Prüfungsabnahme in Präsenz spricht außerdem die vom Hersteller empfohlene Tragedauer für FFP2-Masken. Hier müsste die vierstündige Prüfung für 30 Minuten unterbrochen werden. Problematisch ist das Tragen der Maske insbesondere für Brillentragende, die während des Schreibens mit beschlagenden Gläsern zu kämpfen hätten. Verschiedene Lehrstühle der FSU Jena haben kreative und studierendenfreundliche Lösungen gefunden, indem sie weitestgehend auf Präsenzprüfungen verzichten. Das schützt die Gesundheit der Studierenden und der Lehrenden.

In Anbetracht des Gesundheitsschutzes der Studierenden – die ja auch Risikogruppen angehören können – und der Gesamtgesellschaft (Verhinderung neuer Infektionsketten) sollten sich Prüfungen größerer Gruppen, die über vier Stunden in einem Raum abgehalten werden, von selbst verbieten.

Gemeinsam fordern wir den Verzicht von Präsenzprüfungen.

Zweiter Prüfungsabschnitt (wissenschaftliche oder künstlerisch-praktische Hausarbeit)

II. Schreibzeitverlängerung

Das TMBJS hat eine generelle Schreibzeitverlängerung im zweiten Prüfungsabschnitt von 28 Tagen gewährt. Diese Entscheidung begrüßen wir ausdrücklich. Aufgrund der PandemieSituation haben alle Studierenden gleichermaßen und pauschal diese Schreibzeitverlängerung erhalten.

Nicht berücksichtigt wurden bei dieser Verlängerung besondere Umstände, die zusätzlich Grund für eine weitere Verlängerung sein müssen. So ist eine unbürokratische, einfache und schnelle Lösung für Studierende bspw. mit Kind nicht gegeben. Statt einer pragmatischen und damit zügigen Lösung wird der ausdrückliche Nachweis verlangt, dass eine Notbetreuung durch Kitas oder Schulen nicht erfolgt. Derlei Nachweise bestätigen in der gegenwärtigen Situation eigentlich nur Offensichtliches. Eine Notbetreuung wird allenfalls in Ausnahmefällen ermöglicht.

Auch zu einer Verrechnung von Krankheitstagen mit der pauschalen Schreibzeitverlängerung darf es nicht kommen.

Gemeinsam fordern wir weitere Einzelfallentscheidungen zur Berücksichtigung individueller Problemlagen und die Genehmigung aller Anträge auf Schreibzeitverlängerungen nach allen Regeln des Ermessens und der Kulanz.

III. Bereits im Dezember haben wir darauf hingewiesen, dass die Kürzung von vier Abgabeterminen in den kommenden beiden Semestern auf nunmehr zwei Abgabetermine für die Examensarbeit einen massiven Eingriff in die Studierfreiheit und Planungssicherheit der Studierenden bedeutet. Grund dafür soll die personelle Unterbesetzung im Landesprüfungsamt für Lehrämter sein.

Mit der Streichung zweier Termine verzögert sich die Bewerbung für und der Eintritt in den Vorbereitungsdienst für das folgende Schul- oder Schulhalbjahr für betroffene Studierende. Dies dürfte nicht im Sinne des Bildungsministeriums sein, konterkariert dies doch das mit den vier Einstellungsterminen verfolgte Ziel. Vor dem Hintergrund des enormen Personalbedarfs können wir uns das nicht leisten.
Das Land möchte mehr Anwärter*innen, mehr Lehrkräfte für Thüringen gewinnen. Hierfür muss die organisatorische Struktur und Kapazität erhalten bzw. ausgebaut werden. Zwar erfolgte eine Abordnung an das Landesprüfungsamt, jedoch ohne den gewünschten Effekt zu zeitigen. Nach wie vor: Es gibt lediglich zwei Abgabetermine. Damit können die Lehramtsstudierenden der FSU Jena in diesem Jahr ihr I. Staatsexamen nur unter massiv eingeschränkten Bedingungen ablegen.

Auch wenn wohl kein rechtlicher Anspruch besteht, möchten wir dennoch um endgültige Abhilfe bitten.

Vorschläge zur Problemlösung liegen dem Ministerium vor. Gerne sind die Unterzeichnenden bereit hierzu ins Gespräch zu kommen. Bislang wurde auf konstruktive Vorschläge seitens des Referates für
Lehrämter (FSU), des Zentrums für Lehrerbildung (FSU) und des Lehrerbildungsauschusses (FSU) leider nur abschlägig reagiert.

Wir hoffen sehr, dass Sie sich schnellstmöglich der genannten Probleme annehmen und für alle Beteiligten zu einer angemessenen Lösung gelangen. Vor allem für die Prüfungen in Präsenz muss zügig eine Lösung gefunden werden.

All dies dient unserem gemeinsamen Ziel: Sich dieser Tage für den pädagogischen Nachwuchs einzusetzen, ist die beste Werbung dafür, hier ausgebildete gute Lehramtsstudierende in Thüringen zu halten.

 

gez. Kathrin Vitzthum     
Landesvorsitzende der GEW Thüringen

gez. Jana Bonn
Referentin für Bildung der GEW Thüringen

gez. Prof. Dr. M. Perkams
Vorsitzender des Lehrerbildungsausschusses (FSU)

gez. Katjana Burkhadt    gez. Paul Krüger
Referatsleitung des Referats für Lehrämter der FSU