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CoronapandemieNot der Näherinnen nimmt zu

Die Corona-Krise trifft auch die Näherinnen der Kleidung, die in Deutschland verkauft wird. FEMNET-Mitarbeiterin Marijke Mulder über die Not der Frauen in den weltweiten Textilfabriken – und wie Lehrkräfte für das Thema sensibilisieren können.

20.05.2020 - Interview: Martina Hahn, freie Journalistin

  • E&W: Frau Mulder, was bedeutet die Corona-Krise für die Frauen, die in Billiglohnländern Kleidung nähen?

Marijke Mulder: Die Frauen haben doppelte Angst: vor einer Ansteckung und um ihre Jobs. Sie leben von der Hand in den Mund, viele sind verschuldet – wovon sollen sie ohne Lohn leben? Viele Unternehmen, die ihre Geschäfte in Deutschland während des Lockdown schlossen, haben ihre Aufträge an Zulieferfirmen storniert.

  • E&W: Schon seit Jahren leiden die Näherinnen massiv. Was konkret läuft in der Textilproduktion schief?

Mulder: In vielen Textilfabriken werden Arbeitsrechte verletzt. Die Näherinnen verdienen extrem wenig und müssen oft Überstunden leisten, mitunter unbezahlt. Häufig können sie sich nicht einmal das Notwendigste kaufen. Dafür müsste der Lohn etwa in Bangladesch von derzeit umgerechnet 50 auf 250 Euro erhöht werden. Gewerkschaften werden vielerorts unterdrückt, Frauen von den Vorgesetzten sexuell belästigt.

  • E&W: Gibt es solche Missstände nur in Asien?

Mulder: Nein, auch in Osteuropa und in den neuen Produktionsländern wie Äthiopien. Es ist das alte Problem, nur in neuer Jacke! Äthiopien hat zwar baulich sicherere Fabriken hochgezogen. Aber auch dort verdienen die Frauen umgerechnet gerade einmal 35 Euro im Monat. Davon kann keine Familie leben! Selbst in Italien gibt es in Städten wie Prato Viertel mit Textilfabriken, in denen nur chinesische Arbeiterinnen und Arbeiter nähen, für einen miesen Lohn. Und in Rumänien oder Bulgarien sind die Löhne in den vielen Textil- und Schuhfabriken gemessen an den Lebenshaltungskosten noch niedriger als in Asien.

Foto: FEMNET/Gentschow
  • E&W: Wie weit ist Kinderarbeit verbreitet?

Mulder: Die meisten Länder verbieten Kinderarbeit heute. Allerdings gilt das Verbot nur für Jugendliche unter 15 Jahren. Kinderarbeit hat sich jetzt auf Heimarbeit verlagert. In Indien und Indonesien weben viele Minderjährige an Webstühlen Stoffe oder kleben zu Hause Schuhe zusammen. Das mag in Ordnung sein, solange sie ihren Eltern nur helfen und trotzdem in die Schule gehen können. Das ist aber oft nicht der Fall. Diese Kinder finden kaum aus der Armutsfalle heraus.

  • E&W: Primark & Co. geloben seit Jahren Besserung. Ist etwas passiert?

Mulder: Da muss man sehr genau hinsehen! Fakt ist: Die Unternehmen stehen unter Druck. Wer Menschen- und Arbeitsrechte in den Lieferketten ignoriert, hat ein Imageproblem! Deshalb behaupten die meisten Textilhändler, diese Rechte zu garantieren. Aus unserer Sicht jedoch passiert viel zu wenig. Bei den ökologischen Standards sind viele Textiler zwar strenger geworden, aber die sozialen Kriterien kippen leicht hinten runter. In Indien etwa sind die Löhne zuletzt wieder gesunken. Und wie sich die Corona-Krise auf diese Erzeugerländer auswirkt, ist offen. Ich bin da wenig optimistisch.

  • E&W: Wie ehrlich sind die nachhaltigen Kollektionen einzelner Textilhändler?

Mulder: Gar nicht ehrlich. Das Prinzip von Fast Fashion, möglichst billig, möglichst viel zu verkaufen, funktioniert nur auf Kosten der Schwächsten! Solange H&M, Primark & Co. nur einen winzigen Teil ihrer Kollektion auf nachhaltig und grün trimmen, das Gros des Sortiments aber weiter ausbeuterisch herstellen lassen, grenzt das an Betrug! Leider blenden sie damit Käufer, unter denen viele Jugendliche sind. Ich denke zwar, dass das Thema bei den jungen Leuten angekommen ist. Allerdings darf man nicht unterschätzen, wie wichtig Modemarken für sie sind – die „richtige“ Marke bringt ja ein bestimmtes Standing!

  • Fair Fashion Guide, Fact Sheets zu Arbeitsbedingungen in den Fabriken und Flyer „Aktiv werden für Faire Mode“ stehen als Download auf femnet.de zur Verfügung bzw. können über diese Internetadresse bestellt werden.
  • FEMNET hat einen Corona-Nothilfefonds für die Arbeiterinnen in den Textilfabriken eingerichtet.
  • Anfragen zu FEMNET-Workshops an Schulen über marijke.mulder@femnet.de. Gefördert werden die Workshops über Engagement Global und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.
  • Weitere Infos für Lehrkräfte: saubere-kleidung.de; brot-fuer-die-welt.de/100millionen; lieferkettengesetz.de. Bildungsmaterial „Arbeitsrechte in Textilfabriken“ für Schulen unter brot-fuer-die-welt.de.
  • E&W: Wie können Lehrkräfte junge Leute für das Thema sensibilisieren?

Mulder: Indem sie ihnen zeigen, dass das Ganze nicht nur ein Problem weit weg in Asien ist, sondern dass wir alle Kleidung aus ausbeuterischer Arbeit nutzen und tragen. Lehrkräfte und Schüler könnten etwa schauen, was im eigenen Kleiderschrank hängt – und jeder bringt ein Teil mit in die Schule. Sie könnten auch Altes gemeinsam upcyceln oder eine Kleidertauschparty veranstalten. Oder sie entwickeln Kampagnen, wie sie ihren Bürgermeister, das Schulamt oder den Klinikchef vor Ort dazu bringen, nur noch fair erzeugte Berufsbekleidung oder Heimtextilien zu kaufen. Lehrkräfte können im Unterricht auch Filme über die Zustände in den Sweatshops zeigen, „True Cost“*etwa ist ein guter, aber auch schockierender Film. Daher ist es wichtig, dass solche Unterrichtsmodule begleitet und die Fragen und Sorgen der Schülerinnen und Schüler ernst genommen und beantwortet werden.

  • E&W: Kann FEMNET den Lehrkräften dabei helfen?

Mulder: Ja, mit Materialien und Rat. Unsere Multiplikatorinnen gehen an die Schulen, diskutieren dort mit den Schülerinnen und Schülern, machen mit ihnen konsumkritische Stadtrundgänge, helfen beim Projektmanagement oder veranstalten Workshops. Die können 90 Minuten, zwei Tage und auch länger dauern. Das hilft vor allem Lehrkräften, die nicht im Thema stecken, dieses aber im Unterricht aufgreifen wollen.

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