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„Kleine Germanen“ Nicht ohne Risiko

Der Film „Kleine Germanen“ bietet die Chance, sich im Unterricht gründlich und von verschiedenen Seiten dem Thema Rechtsextremismus zu nähern. Er zeigt aber auch, dass die Neue Rechte gelernt hat, sich im Kuschel-Schafspelz zu zeigen.

18.02.2020 - Frauke Haß, Pressesprecherin Deutsches Filminstitut, Frankfurt am Main

Elsas Eltern sind berufstätig. Da hat sie Glück, dass ihr geliebter Opa gerne mit ihr spielt. Am liebsten Soldatenspiele. Elsa posiert dafür in einer Wehrmachtsuniform und benutzt eine echte Pistole. Elsa wächst als kleines Nazi-Mädchen heran, das sich schließlich von ihren rechts denkenden Eltern abwendet, weil die ihr nicht konsequent genug sind. Als Jugendliche tut sie sich mit dem Ausländer verprügelnden Thorsten zusammen, den sie später heiraten wird.

Elsas Geschichte bildet als ästhetisch anspruchslose Animation den Rahmen des Dokumentarfilms Kleine Germanen. Der Film lenkt den Fokus auf die Kinder der Neuen Rechten, die wenig Aussichten haben, aus dem rechten Milieu herauszufinden. Gegengeschnitten werden zu Elsas Geschichte neben reichlich verkitschten Bildern von kleinen Kindern auch Kommentare und Erläuterungen von Rechtsextremismus-Kennern sowie Interviews mit Vertretern der Neuen Rechten.

Der Film ist ausdrücklich für den Unterricht gedacht. Arbeitsblätter bieten Themenstellungen für die Arbeit in Kleingruppen an und geben Denkanstöße für Diskussionsrunden. Matthias-Film bietet eine DVD (59 Euro) für den Unterricht an, mit zahlreichen Arbeits- und Infoblättern zu Themen wie „Die Neue Rechte“, „Erziehungsmethoden“ oder „Angst und Autorität“.

Tiefe Einblicke

Und die sollte man auch nutzen, da der Einsatz des Films in der Schule nicht ohne Risiko ist. Denn groß ist der Raum, der den rechten Ideologen unwidersprochen eingeräumt wird. Die Dokumentarfilmer Frank Geiger und Mohammad Farokhmanesh haben sich entschlossen, diese einfach reden zu lassen, nicht zu diskutieren und nichts in Frage zu stellen. Interessant ist das auf jeden Fall. Selten erhält man solch tiefe Einblicke in die Denke der Neuen Rechten. Man müsste aber besser sagen: in den marketinggeschulten PR-Sprech der Neuen Rechten. Denn was Protagonisten wie Götz Kubitschek und seine Frau Ellen Kositza da minutenlang von sich geben, klingt fürs ungeschulte Ohr nicht gleich verstörend, etwa wenn Kositza sich mit unschuldiger Miene erinnert, wie sie es sich in der Schule zur Gewohnheit gemacht habe, „Sachen, die einem vorgekaut wurden, (…) zu hinterfragen“.

Hier gibt sich keiner die Blöße, mit Schaum vor dem Mund Hassreden gegen Ausländer oder Juden zu schwingen. Ganz ruhig sitzen sie da in ihren hübschen Wohnzimmern und breiten ihr leutselig verpacktes Weltbild aus. Man muss schon genau hinhören, wenn Kubitschek heimelig schwäbelnd fragt: „Soll dieses Volk seine Kontinuität wahren? Durchhalten als eigentümliches Volk oder ist es damit vorbei?“ Perfide stellt Ricarda Riefling (NPD und Ring Nationaler Frauen) in den Raum: „Jetzt muss man sich mal überlegen, man kommt in die Pfalz und kriegt keinen Saumagen mehr, weil er Leute diskriminiert.“ Sagt wer?

Pädagogische Begleitung nötig

An Beispielen wie diesen zeigt sich, dass der Film jede Menge hochinteressanten Diskussionsstoff bietet, aber pädagogisch eng begleitet werden muss, um nicht in die Fallen der rechten Strategen zu laufen. Etwa wenn die ehemalige NPD-Funktionärin Sigrid Schüßler zwar kichernd angibt, dass sie immer wieder mal wegen Volksverhetzung vor Gericht stehe, sich dann aber harmlos präsentiert: „Ich bin Mutter von vier Kindern, das ist mein Hauptberuf, das nehme ich sehr ernst, Kinder in der heutigen Zeit positiv durchs Leben zu begleiten.“ Wie die Wahrheit aussieht, zeigt der Gegenschnitt auf eine Kundgebung 2015 in Düsseldorf, auf der Schüßler über „Homokult“, „Lügenpresse“ und „ekelhafte Frühsexualisierung“ geifert.

Auch sie nimmt die Chance wahr, sich selbst als kritischen Geist gegen den Mainstream darzustellen, wenn sie behauptet: „Ich habe das Gefühl, dass mir Angebote gemacht wurden, andere Sichtweisen zu sehen und vielleicht zwei, drei Schritte weiterzudenken als nur an der Oberfläche zu bleiben.“ Solche Szenen bieten Schülerinnen und Schülern die Gelegenheit zu lernen, zwischen Schein und Sein zu trennen. Die Zeit sollte man sich dann aber auch nehmen.

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