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Mein finnisches Bildungserlebnis

Rainer Devantié hat neun Jahre an der Deutschen Schule in Helsinki gearbeitet, die längste Zeit als stellvertretender Schulleiter. Dabei hat er Einblick in das Geheimnis des finnischen Bildungserfolgs bekommen.

04.04.2014 - Rainer Devantié

Bildung in Finnland – Respekt, Wertschätzung und Ressourcen

Helsinki im Sommer, es ist angenehm warm, zwei meiner drei Kinder haben in der ersten Ferienwoche ein Musikiileiri, eine musikalische Sommerschule. In der Pause geht die junge Lehrerin mit ihren 15 kleinen Schülerinnen in einen nahegelegen Park. Die Kinder haben alle ein Schüsselchen und einen Löffel dabei. Nach kurzer Zeit kommen zwei kräftige Frauen mit einem großem Topf, in dem sich Suppe oder manchmal auch Puuro, der finnische Haferbrei, befindet. Alle Kinder im Park bekommen eine kostenlose Mahlzeit, einzige Bedingung ist, dass sie eine Schüssel dabei haben.

So erleben die Kinder schon früh, dass die Gesellschaft sie versorgt, wahrnimmt und wertschätzt. Unsere jüngste Tochter geht in einen finnischen Kindergarten, sie hat einen Ganztagesplatz von 8.00 bis 17.00 Uhr. Wir müssen fünf Minuten zu Fuß zu dem Kindergarten laufen, der Platz kostet für uns in der höchsten Kategorie 254e. Darin enthalten ist die komplette Verpflegung für den ganzen Tag und die Kosten für alle weiteren Aktivitäten, sei es Schlittschuhlaufen oder Schwimmen.

Kein Kind darf zurückbleiben

Einmal im halben Jahr werden wir Eltern zu einem Entwicklungsgespräch eingeladen, in dessen Verlauf der Entwicklungsstand des Kindes besprochen wird und Erziehungsschritte für Kindergarten und Zuhause besprochen werden. Bei diesem Gespräch ist, ganz selbstverständlich und kostenfrei, ein Dolmetscher dabei, den nicht wir als Eltern mitbringen müssen, sondern den die Kindergartenleitung bei einer zentralen Stelle bestellt und der für Migranten kostenlos in ihrer Muttersprache gestellt wird. So erleben auch wir - wenn auch nur als Migranten auf Zeit in Finnland - Wertschätzung unserer Sprache und Kultur gegenüber. Wir haben nicht das Gefühl, dass wir als Ausländer in ständiger Bringschuld dem Einwanderungsland gegenüber sind. Vielmehr auch hier Respekt und Wertschätzung, diesmal nicht dem Kind, sondern den Eltern gegenüber.

Die deutsche Schule in Helsinki ist Anlaufpunkt für viele deutsche Bildungsreisende, die oftmals zu uns kommen, da an der DSH auch viele Segnungen der finnischen Bildungsphilosophie umgesetzt worden sind, angefangen vom gemeinsamen kostenlosen Mittagessen, von der Gesundheitsfürsorge über die Schülerbetreuungsgruppe bis hin zum kostenlosen und schulinternen Fördersystem bei Schulschwierigkeiten. Interessante Gespräche schließen sich meist an einen von mir oder anderen Mitgliedern der Schulleitung gehaltenen Vortrag an. Dann geht es häufig um die Frage nach dem Geheimnis der finnischen Methode, die sie zum PISA-Primus macht.

Was ist der Kern des finnischen Bildungserfolges? Was bedeutet es im Alltag, wenn der Fokus der Bildung nicht auf Selektion ausgerichtet ist, sondern die Bildungseinrichtungen dem Credo folgen: Kein Kind darf zurückbleiben?

Gemeinsam Essen – Grundlagen schaffen

Jede Einrichtung in Finnland, die sich um Kinder kümmert, muss nicht nur Räume und pädagogisches Personal zur Verfügung stellen, sondern die Kinder haben auch Anspruch auf Verpflegung. Alle Schüler der DSH bekommen ein kostenloses Mittagessen in unserer Mensa. Dieses Essen muss nicht die Schule bezahlen, sie bekommt das Geld von der Stadt Helsinki. Von klein auf sind die Kinder so gewohnt, dass sie sich ihr Essen selbständig am Buffet holen, gemeinsam mit ihren Klassenameraden und den Lehrern essen und am Ende Geschirr und Tablett wieder abgeben.

Täglich gibt es frischen Salat, Milch und Wasser zu den Mahlzeiten, die Mensamitarbeiterinnen achten darauf, dass das Essen ausgewogen und wohlschmeckend ist. Täglich gibt es Hinweise, wie die ideale Zusammensetzung des Essens aussehen sollte. Das gemeinsame Essen trainiert so sinnvolle Ernährungsgewohnheiten, aber auch soziale Fähigkeiten, die wiederum die Grundlage für zufriedenstellenenden Unterricht sind.

Die Gesundheitsfürsorgerin – Vorsorge, Rat und Verständnis

Während des Unterrichtes meldet sich ein Schüler mit Kopfschmerzen. Der Lehrer schickt den Schüler zur Gesundheitsfürsorgerin. Nach einiger Zeit taucht der Schüler wieder auf, in der Hand hat er ein Formular der Gesundheitsfürsorgerin. Dort steht, dass der Schüler krank sei und nach Hause gehen darf. Die Gesundheitsfürsorgerin habe bereits mit den Eltern gesprochen. Das Kind werde abgeholt. An jeder Schule arbeitet eine solche Gesundheitsfürsorgerin. Sie ist nicht Angestellte der Schule, sondern der Gemeinde.

Sie sorgt sich um den Gesundheitszustand der Schüler, führt Reihenuntersuchungen der Klassen durch, verabreicht Impfungen und ist Ansprechpartnerin in allen gesundheitlichen Fragen. Sie darf zudem Atteste schreiben und Schüler zu Fachärzten und Krankenhäuser überweisen. Im Schulalltag ist das für Schüler wie Lehrer eine große Hilfe und Entlastung. Zudem hat sie das Ohr viel direkter an den Problemen und Bedürfnissen der Schüler und kann oft auch bei schwereren Erkrankungen wie Anorexie oder Bulimie frühzeitig eingreifen.

Die Lernmittelfreiheit – Investition in die Zukunft

Alle Lernmittel, angefangen von Büchern über Hefte bis hin zum einzelnen Radiergummi, sind in den Klassen 1-9 frei. Eltern müssen dafür nichts bezahlen. Jedes Buch, was angeschafft wird, bekommen die Kinder umsonst in die Hand. Teilweise dürfen sie die Bücher jedoch nicht behalten, sondern müssen sie in gutem Zustand am Ende des Jahres wieder abgeben. Bei Verlust oder Beschädigung des Buches müssen die Eltern des Kindes das ersetzen. Die Bestände verwaltet in Absprache mit den Fachleitungen eine Sekretärin, sodass keine zusätzliche Arbeit für die Lehrer entsteht.

Autonomie von Schule – Vertrauen statt Kontrolle

Das Sozialprestige der Lehrer in Finnland ist sehr hoch. Die Eltern, aber auch die Behörden vertrauen darauf, dass sie gut ausgebildete Lehrer haben, die ihr Handwerk verstehen. Lehrer zu werden ist in Finnland eine Auszeichnung. Nur zehn Prozent der Bewerber werden zu einem Lehramtsstudium zugelassen. Die Schulinspektion, wie sie gerade in Deutschland wieder verstärkt eingeführt wird, ist in Finnland bereits 1995 abgeschafft worden. Das heißt nicht, dass jede Schule unkontrolliert vor sich hin werkeln darf. Den Schulen wird ein vielfältiges Evaluationsinstrumentarium zur Verfügung gestellt, mit dem sie selbst feststellen können, an welcher Stelle Entwicklungsbedarf vorliegt.

Beispielsweise führt die DS Helsinki jedes Jahr die STAKES-Befragung in dem 8. und 9. Jahrgang durch. Die Befragung wird vom Sozial- und Gesundheitsministerium durchgeführt und den Schulen die eigenen und Vergleichswerte der Schulen in Helsinki zur Verfügung gestellt. Mithilfe der Umfrage erwirbt die Schule umfassende Kenntnisse über das Leben und Fühlen der Schüler, in und außerhalb der Schule. Abgefragt werden Ernährungsgewohnheiten, Erfahrungen mit Drogen und Suchtmitteln, Zufriedenheit mit Elternhaus und Schule, Stress mit Hausaufgaben. Entwicklungsschwerpunkte und Erfordernisse können auf der Grundlage der Untersuchung so gemeinsam mit Schülern, Eltern und Lehrern diskutiert und Veränderungen eingeleitet werden. Zur Autonomie der Schule gehört natürlich auch, dass sie ihr Personal selbst aussuchen und einstellen kann. Dies ist zwar viel Arbeit für die einzelnen Schulen, sorgt aber auf lange Sicht für Zufriedenheit aufseiten der Schule und der Mitarbeiter, da sich jeweils die richtigen Partner gewählt und gefunden haben.

Gemeinsam lernen – gemeinsam lehren

Bereits Anfang der 70iger Jahre ist die grundbildende Gemeinschaftschule in Finnland eingeführt worden. Das heißt, alle Kinder gehen gemeinsam in eine Schule bis einschließlich zur neunten Klasse. Innerhalb der Klassen sind die Niveaukurse ebenfalls abgeschafft worden. Diese bewusste Entscheidung für das Lernen in heterogenen Gruppen hat für das Lehren und Lernen natürlich erheblich Konsequenzen. Damit aber die Lehrer mit den Aufgaben des Unterrichtens in heterogenen Lerngruppen nicht überfordert sind, gibt es ein System des Stützens und Helfens.

An der DSH unterstützt die Schülerberatungsgruppe, bestehend aus der Grundschulleiterin, der finnischen Schulleiterin, der Psychologin, den beiden Sonderpädagogen sowie der Sozialarbeiterin und bei Bedarf der Gesundheitsfürsorgerin die Lehrer. Regelmäßig werden die Klassenleitungen eingeladen, mögliche Probleme besprochen und gemeinsame Strategien entwickelt. Auch die Schüler können jederzeit mit den Sozialarbeitern, der Psychologin und der Gesundheitsfürsorgerin sprechen, da sie ganztägig an der Schule arbeiten.

Autonomie von Schule – Vertrauen statt Kontrolle

Das Sozialprestige der Lehrer in Finnland ist sehr hoch. Die Eltern, aber auch die Behörden vertrauen darauf, dass sie gut ausgebildete Lehrer haben, die ihr Handwerk verstehen. Lehrer zu werden ist in Finnland eine Auszeichnung. Nur zehn Prozent der Bewerber werden zu einem Lehramtsstudium zugelassen. Die Schulinspektion, wie sie gerade in Deutschland wieder verstärkt eingeführt wird, ist in Finnland bereits 1995 abgeschafft worden. Das heißt nicht, dass jede Schule unkontrolliert vor sich hin werkeln darf. Den Schulen wird ein vielfältiges Evaluationsinstrumentarium zur Verfügung gestellt, mit dem sie selbst feststellen können, an welcher Stelle Entwicklungsbedarf vorliegt.

Beispielsweise führt die DS Helsinki jedes Jahr die STAKES-Befragung in dem 8. Und 9. Jahrgang durch. Die Befragung wird vom Sozial- und Gesundheitsministerium durchgeführt und den Schulen die eigenen und Vergleichswerte der Schulen in Helsinki zur Verfügung gestellt. Mithilfe der Umfrage erwirbt die Schule umfassende Kenntnisse über das Leben und Fühlen der Schüler, in und außerhalb der Schule. Abgefragt werden Ernährungsgewohnheiten, Erfahrungen mit Drogen und Suchtmitteln, Zufriedenheit mit Elternhaus und Schule, Stress mit Hausaufgaben. Entwicklungsschwerpunkte und Erfordernisse können auf der Grundlage der Untersuchung so gemeinsam mit Schülern, Eltern und Lehrern diskutiert und Veränderungen eingeleitet werden. Zur Autonomie der Schule gehört natürlich auch, dass sie ihr Personal selbst aussuchen und einstellen kann. Dies ist zwar viel Arbeit für die einzelnen Schulen, sorgt aber auf lange Sicht für Zufriedenheit aufseiten der Schule und der Mitarbeiter, da sich jeweils die richtigen Partner gewählt und gefunden haben.

Gemeinsam lernen – gemeinsam lehren

Bereits Anfang der 70iger Jahre ist die grundbildende Gemeinschaftschule in Finnland eingeführt worden. Das heißt, alle Kinder gehen gemeinsam in eine Schule bis einschließlich zur neunten Klasse. Innerhalb der Klassen sind die Niveaukurse ebenfalls abgeschafft worden. Diese bewusste Entscheidung für das Lernen in heterogenen Gruppen hat für das Lehren und Lernen natürlich erheblich Konsequenzen. Damit aber die Lehrer mit den Aufgaben des Unterrichtens in heterogenen Lerngruppen nicht überfordert sind, gibt es ein System des Stützens und Helfens. An der DSH unterstützt die Schülerberatungsgruppe, bestehend aus der Grundschulleiterin, der finnischen Schulleiterin, der Psychologin, den beiden Sonderpädagogen sowie der Sozialarbeiterin und bei Bedarf der Gesundheitsfürsorgerin die Lehrer. Regelmäßig werden die Klassenleitungen eingeladen, mögliche Probleme besprochen und gemeinsame Strategien entwickelt. Auch die Schüler können jederzeit mit den Sozialarbeitern, der Psychologin und der Gesundheitsfürsorgerin sprechen, da sie ganztägig an der Schule arbeiten.

Probleme werden fachgerecht und schnell gelöst

Praktisch bedeutet das Folgendes: Ich unterrichtete in einer dritten Klasse Deutsch für Anfänger. Ich hatte eine Schülerin, bei der ich mir unsicher war, ob sie vielleicht Legasthenikerin sein könnte. Also bat ich die Sonderpädagogin mit sprachheilpädagogischer Ausbildung um Hilfe. Sie testete die Schülerin und stellte fest, dass sie keine Legasthenikerin sei, aber trotzdem spezieller Förderung bedürfe, um fehlende Kenntnisse im Schriftspracherwerb nachzuholen. Dafür entwickelte sie ein Programm und arbeitete zwei Mal in der Woche parallel zu meinem Deutschunterricht mit dem Kind, bis es dieses Defizit aufgeholt hatte. So werden Probleme für alle Beteiligten fachgerecht, ohne großen zeitlichen Aufwand für die Eltern und Lehrer, innerhalb des Schulhauses gelöst.

Die Schüler selbst erleben sich dabei selbst oft nicht als defizitär oder problematisch, da die gesamte Unterstützungsmaßnahme im Rahmen der Klasse und des normalen Unterrichtes bleibt. Zu diesem umfassenden Stützsystem gehören auch die Klassenassistenten. In verschiedenen Grundschulklassen arbeiten Assistenten, die zusätzlich zum Lehrer in der Klasse sind und mit einzelnen Schülern, auf Anweisung der Lehrer vertiefende Übungen machen oder auch mit Kleingruppen zugewiesen Aufgaben erledigen. Dies fordert vom Lehrer zunächst ein größeres Engagement, da er nun immer auch überlegen muss, welche Aufgaben der Assistent übertragen bekommt, aber nach einiger Zeit ist das gemeinsame Arbeiten eingespielt und der Lehrer wird deutlich entlastet.

Stützunterricht – Aufgabe der Schule

Sollte ein Schüler trotz der verschiedenen oben beschriebenen Maßnahmen noch individuellen Stützunterricht benötigen, so wird dieser von der Schule organisiert. Es gibt eine Lehrerin, die diesen Unterricht koordiniert. Sie hat einen Pool von Nachhilfelehrern, die in allen benötigten Fächern die Schüler unterstützen können. In Absprache mit den Lehrern bekommen die Schüler zunächst nach dem Unterricht eine gewisse Anzahl von Stunden, um ihre Defizite aufzuholen. Neben dieser ganz individuellen Förderung bietet die DS Helsinki seit diesem Schuljahr vier Mal in der Woche Fachwerkstätten an, in denen die Schüler mit Hilfe von Abiturienten Deutsch und Mathematik üben können. Diese organisierte Nachhilfe ist keine Besonderheit der Deutschen Schule, sondern finnisches Bildungsprinzip. Das zeigt sich schon daran, dass es in Finnland keine privaten Nachhilfeschulen gibt. Für sie gibt es keinen Markt, da die Schulen selbst diese Aufgabe übernehmen.

Zum Schluss: Das Geheimnis der finnischen Bildung

Etliche Bildungsreisende, die zuvor in finnischen Schulen hospitiert haben, sind verstört. Der Unterricht sah ganz normal aus, teilweise habe es sogar wie Frontalunterricht gewirkt, der Lehrer habe stark auf sich zentriert gearbeitet. Auffällig sei allerdings die Ruhe in der Schule gewesen, die Schüler hätten alle recht gelassen gewirkt. So oder ähnlich erstaunt berichten uns die Bildungsreisenden und auch wir haben bei Besuchen in finnischen Schulen diese Erfahrung gemacht. So liegt dann das Geheimnis der finnischen Bildung nicht dort, wo es die deutsche Didaktik und Bildungsforschung seit Jahren sucht: in speziellen Unterrichtssituationen, Gruppenarbeits- oder kooperativen Lernformen.

Die Kenntnis von schülerorientierten Unterrichtsmethoden ist das Handwerkszeug, welches jeder Lehrer beherrschen und perfektionieren sollte. Aber ohne ein vernünftiges System, das den Kern der Bildung, die Beziehung von Lehrern und Schülern, im Blick hat, ist jede noch so schöne neue Methode bald abgenutzt und die Suche nach der nun wirklich optimalen Methode geht weiter. Das Geheimnis des finnischen Erfolges ist die Summe all der beschriebenen Maßnahmen. Es gibt keine spezielle finnische Unterrichtsmethode, das finnische Bildungssystem als solches ist die Erklärung für den Bildungserfolg.Wenn man kein Kind zurücklassen will, muss man auch die Lehrer mitnehmen, ihnen mit Wertschätzung und Vertrauen begegnen und ihnen mit Rat, Personal und Ressourcen zur Seite stehen.

(Der Beitrag ist in ähnlicher Form erschienen in: Domisch/Klein: Niemand wird zurückgelassen. Eine Schule für alle. Hanser 2012, S. 209ff)

Mittsommerabschied

Die Möbel sind verpackt, die Freunde sind verabschiedet, das alte Auto für den Gegenwert eines I-Phones verkauft. Damit wir in Ruhe Abschied von unserer Wahlheimat Finnland nehmen können, fahren wir mit einem großen Containerschiff vom Osthafen Helsinkis in 36 Stunden von Finnland zurück nach Deutschland und fliegen nicht. Ein letzter Blick zurück fällt auf die von der Sonne beschienen Schärenlandschaft. Wir sind voller Dankbarkeit für neun erfüllte Jahre, aber auch voller Wehmut, weil diese erfüllte Zeit nun zu Ende ist und wir nicht nur an Erfahrung reicher zurückkehren, sondern auch ärmer, da wir unsere finnischen Freunde zurücklassen müssen.

Besonders schwer fällt der Abschied unseren drei Töchtern. Die beiden älteren, 12 und 15 Jahre alt, haben den größten Teil ihres Lebens in Finnland verbracht, unsere jüngste Tochter ist in Finnland geboren und kennt Deutschland nur von Besuchen. Alle drei haben die schwierige Sprache sehr gut gelernt. Die beiden großen haben ihre feste Peergroup an der deutschen Schule. Sie haben alle schulischen Angebote, insbesondere das vielfältige Musikangebot fleißig genutzt, sind öffentlich aufgetreten, haben sich bei Jugend musiziert, einem Musical, der Band- und der Theater AG der Schule ausgetobt. Die Jüngste ist seit ihrem ersten Lebensjahr in einen finnischen Kindergarten gegangen, hat sie fürsorgliche Erziehung des finnischen Staates in überschaubaren Gruppen mit zwei Erzieherinnen für 15 Kinder erfahren dürfen. Durch die gute Spracharbeit im Kindergarten ist sie zweisprachig aufgewachsen, finnisch im Kindergarten und deutsch zuhause. Alle drei freuen sich aber nun an Bord des Schiffes auf Deutschland, weil „man da deutsch spricht und alles versteht“. Aber die großen Schwestern ahnen wohl bereits beim letzten Blick zurück, dass der Abschied von Helsinki, der Abschied von ihrer Kindheit und ihrer eigentlichen Heimat ist.

Willkommen

Auch wir Eltern sind wehmütig, aber wir sind auch sehr gespannt, was nun kommen wird. Denn wir kehren bewusst nicht dorthin zurück, wo wir hergekommen sind, nämlich nach Köln. Wir lieben Köln und unsere Freunde dort, aber es zieht uns zu zwei Schulprojekten, die uns am finnischsten im deutschen Schulsystem erscheinen: Wir wollen gerne an der Laborschule (Klasse 1-10) bzw. dem Oberstufenkolleg (Klasse 11-13) arbeiten. Uns interessieren nach neun Jahren finnischer Bildungserfahrungen diesen ganz besonderen Bildungseinrichtungen, beides Versuchsschulen des Landes NRW. Meine Frau hat an der DS Helsinki viele Jahre als Lehrerin und Museumspädagogin gearbeitet und kann nun ihre Erfahrungen an der Laborschule einbringen. Ich habe zunächst drei Jahre als Deutsch- und Geschichtslehrer und Theaterpädagoge und dann sechs Jahre als stellvertretender Schulleiter an der DS Helsinki gearbeitet. Nach einigem Hin und Her, denn ich gehöre eigentlich zur Bezirksregierung Köln, darf auch ich den Regierungsbezirk wechseln und am Oberstufenkolleg beginnen. Und das ist wohl ein wichtiger Hinweis für alle, die zurückkehren und sich selbst eine andere Stelle suchen. Diesen Prozess sollte man nicht auf den letzten Drücker beginnen, sondern sich und den Instanzen ein wenig Zeit einräumen, ansonsten kann so ein Vorhaben auch misslingen.

Ein weiterer Grund spricht – neben den genannten attraktiven Schulen – für Bielefeld. In Köln auf dem freien Mietmarkt eine bezahlbare große Wohnung oder gar ein Haus für eine fünfköpfige Familie zu finden, ist zumal vom Ausland aus, fast unmöglich. Schon vor unserem Weggang nach Finnland wohnten wir im Speckgürtel von Köln, in Bergisch Gladbach, da wir es nach einem Jahr der intensiven Suche aufgeben hatten, in Köln eine schöne und bezahlbare Wohnung zu finden.

Auch das war in Bielefeld denkbar einfach, dank der Wohnungsangebote im Internet konnte ich während eines eintägigen Bielefeld-Aufenthaltes im Mai sechs Objekte besichtigen und das schönste auswählen und anmieten. Die-sehr schöne und großzügige Wohnung liegt unterhalb der mittelalterlichen Sparrenburg und war ohne Maklercourtage zu mieten.

Unsere Kölner Freunde warnten uns zwar eindringlich vor dem reservierten Ostwestfalen, aber zum einen kann uns nach so langer Zeit im kühlen Norden, wo die Menschen doch eher zurückhalten sind, auf dem Gebiet nicht mehr viel schrecken, zum anderen zeigen unsere ersten Erfahrungen, dass auch Ostwestfalen freundliche Menschen kennt. Natürlich werden wir im protestantischen Bielefeld den Karneval vermissen, aber von diesem sind wir nach neun karnevalsfreien Jahren im protestantischen Helsinki bereits entwöhnt. Nur unsere älteste Tochter kann sich noch lebhaft an die Umzüge in Köln während der tollen Tage erinnern, auf denen die Kinder in Bonbonbergen versanken. Für die beiden anderen sind das nur noch Erzählungen und Bilder aus einer unbekannten Welt, die kaum sehnsüchtige Gefühle hervorrufen. 

Rückkehrertagung

Mitte August, in der letzten Ferienwoche in NRW, fand die Jahrestagung für Rückkehrerinnen und Rückkehrer aus dem Auslandsschuldienst im MSW in Düsseldorf statt. Als Finnlandrückkehrer ist der Maßstab, was technische Ausstattung und pädagogische Ausgestaltung von Schule angeht, recht hoch. Andere, die aus ärmeren Regionen, wie z:B. Albanien oder Rumänien zurückgekehrt sind, sind zunächst einfach begeistert, dass das Licht angeht, wenn man den Schalter betätigt oder das im Winter die Heizung funktionieren wird. Bei allen war der Tenor jedoch gleich, es war gut, im Ausland unterrichtet und gelebt zu haben. Keiner schloss eine zweite Auslandsvermittlung für sich aus. Wie viel sich in unsere Abwesenheit im Schulsystem in NRW geändert hat, erfuhren wir während dieser Tagung. Umfassend wurden wir von den Experten der Bezirksregierungen über Inklusion und Individualisierung im Unterricht, die geänderten Schulstruktur und die kompetenzorientierten Lehrpläne informiert. Diese Veranstaltung fand ich äußerst sinnvoll und informativ, weil sie mich kompakt auf den Stand der Dinge gebracht hat, ich sehr unkompliziert Ansprechpartner in Bezirksregierung und Ministerium kennengelernt habe bzw. wieder getroffen habe. Anderen Bundesländern sei diese Form der Rückkehrerbegrüßung zur Nachahmung empfohlen.

Herbst

Mittlerweile ist bereits Herbst und die ersten Monate in Bielefeld liegen hinter uns. Das, was meine Frau und ich uns gewünscht haben, unsere vielfältigen Bildungserfahrungen aus Finnland in Schulprojekte in Deutschland einbringen zu können, scheint in Erfüllung zu gehen. Die beiden Schulen, die wir uns ausgesucht haben, haben uns mit großem Interesse aufgenommen. Wir setzen das aus Helsinki gewohnte Schulleben, die gesamte Familie an einem Arbeitsort, auch hier fort, denn auch unsere Jüngste geht seit August nun in die Vorschule der Laborschule.

Für unsere großen Kinder ist die Situation vermutlich ein wenig schwieriger, sie sind viel mehr zwischen den Welten hin-und hergerissen. In den Herbstferien waren wir wieder in Finnland. Wir haben die Deutsche Schule und Kollegen wiedergesehen, sind mit Freunden aufs Mökki (Landhaus) gefahren, waren in der Sauna und im schon sehr kalten See, haben viele Pilze gefunden und unser Heimweh mit dieser Reise ein wenig besänftigt. Wir Erwachsenen haben uns von Finnland verabschiedet, unsere Zukunft liegt nun zunächst in Bielefeld.

Unsere älteste Tochter jedoch wollte nicht ihr Heimweh besänftigen, sondern die Zukunft in ihrer finnischen Heimat planen. Sie wird, wenn alles klappt, zumindest einen weiteren Teil ihrer Schullaufbahn in Finnland verbringen. Auch das ist eine Folge des langen und prägenden Auslandsaufenthaltes.

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