GEW Thüringen
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Lieber Peter,

für dein Engagement im Kreisverband Altenburger Land und der GEW Thüringen gebührt Dir mein und unser herzlicher Dank. Ich mag nicht nachrechnen, wie viele Stunden Du in den Kampf um bessere Arbeitsbedingungen gesteckt hast, jede Stunde war es wert.

08.06.2016 - Kathrin Vitzthum

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

der öffentliche Abschied von Peter Schindler lässt mich mit einigen Fragezeichen zurück, über diese will ich hier schreiben.

Peter schreibt, Aufgabe der GEWerkschaft wäre ausschließlich, sich für besseres Einkommen und gute Arbeitsbedingungen, Tarifverträge und Höhergruppierungen/Beförderungen einzusetzen – mehr nicht. Ich gebe ihm in diesem Punkt zum Einen Recht. Dies ist die vornehmliche Aufgabe einer Interessenvertretung im Gewande einer Gewerkschaft. Zum Anderen aber bin ich überzeugt, dass die Aufgabe einer Gewerkschaft weit darüber hinaus weist. Gewerkschaften existieren nicht im luftleeren Raum, Arbeitsverhältnisse spiegeln gesellschaftliche Verhältnisse wider, reproduzieren sie gar. Die Arbeit von Pädagog*innen unterliegt gesellschaftlichen Entwicklungen, mal wird mehr soziale Kompetenz gefordert, mal mehr Förderung von Mädchen in technischen Fächern, dann wieder mehr wirtschaftliches Wissen oder inklusive Kompetenz. Je nach gesellschaftlicher Gemengelage,nach politischen Schwerpunktsetzungen werden die Prioritäten im Bildungswesen bestimmt, verschoben, korrigiert.

Das ist eine immense Herausforderung für jeden Einzelnen, jede Einzelne,die im Bildungsbereich arbeitet. Gleichwohl funktioniert Gesellschaft nur so gut, wie die Institutionen der Bildung sich diesen Herausforderungen stellen. Diesen Prozess der Aushandlung mitzugestalten,ist, meiner Ansicht nach, auch eine Aufgabe von Gewerkschaften.Wir haben die Chance und die Pflicht, gesellschaftliche Prozesse zu begleiten, kritisch zu hinterfragen und für die in diesem Berufsfeld Tätigen auch erträglich und auskömmlich zu gestalten.

Mehr als Interessenvertretung

Ich bin seit sechzehn Jahren in der Gewerkschaftsbewegung aktiv, als gewerkschaftspolitische Erwachsenenbildnerin länger als als GEW-Vorsitzende.Ich bin überzeugt davon, dass Gewerkschaften nicht nur Interessenvertreterinnen der Arbeitnehmer*innen sind, sondern ein politisches, kulturelles und soziales Mandat haben. Jenseits von Parteigrenzen können Gewerkschaften aus der Sicht der abhängig Beschäftigten gesellschaftliche Herausforderungen bewerten und Kraft ihrer Mitglieder auch mitbestimmen und gestalten. Diese Chance haben wir, wir nutzen sie selten.

Frühere gewerkschaftliche Forderungen nach „Samstags gehört Vati mir“ und später die „35-Stunden-Woche“ berührten mehr als das Tarifthema Arbeitszeit. In diesem Zusammenhang wurden gesellschaftliche Konzepte verhandelt: Familienbild, Selbstbestimmung, Zeit für gesellschaftliche Teilhabe. In diese Auseinandersetzungen haben sich die Gewerkschaften, vor allem die IG Metall, lautstark eingebracht und am Ende Erfolge verzeichnen können.

Den Sozialstaat mitgestalten

Die heute immer und immer wieder geführte Debatte um die Erhöhung des Renteneintrittsalters ist ebenfalls nicht ausschließlich ein tarifliches Thema, dem man allein mit Tarifverträgen zur Altersteilzeit begegnen könnte. Die Frage der Rente berührt unser Selbstverständnis als Sozialstaat, unsere solidarische Verantwortung und Zukunft der Erwerbsarbeit. Welche Auswirkungen auf beispielsweise Bildung hat es, wenn Menschen immer länger immer fitter, geistig flexibel und mobil sein müssen? Wie müssen dann Arbeitsbedingungen aussehen,wenn immer ältere Menschen in Kitas und Schulen arbeiten sollen?

Der Vorwurf, Andersdenkenden keinen Raum zu geben, wiegt schwer.Zur Meinungsfreiheit gehört nicht nur, eine Meinung zu haben und sie anderen zur Kenntnis zu geben, sondern auch zu ertragen, dass diese Meinung auf Widerstand stößt. Erst daraus entsteht ein Diskurs,eine Debatte, vielleicht sogar ein gemeinsamer Weg. Ich bedauere, dass wir in der GEW Thüringen diesen Weg des Diskurses oft nicht konsequent gehen. Aber in rechte Ecken gestellt wird niemand, nur weil er/sie sich kritisch zu gesellschaftlichen Entwicklungen äußert. Ich hätte mir gewünscht, dass Du, und ja, jetzt spreche ich Dich direkt an, Dich nicht nur auf die Nichtbehandlung strittiger Anträge beschränkt hättest, sondern genau die Auseinandersetzung gesucht hättest, die uns allen ermöglicht, einen differenzierten Blick auf die zu bewältigenden Situationen zu werfen.

Nun mag man behaupten, Gewerkschaften hätten sich politisch neutral zu verhalten und Wahlergebnisse als gegeben hinzunehmen. Doch da hilft durchaus ein Blick in die Satzung der GEW. Die Fundamente unserer Arbeit sind Solidarität und Gleichberechtigung ohne Blick auf Herkunft, Geschlecht, Religion, Kultur. Gesellschaftliche Entwicklungen, die dieses Fundament in Frage stellen und öffentlich angreifen, kann keine Gewerkschaft unerwidert geschehen lassen.Gegen Ausgrenzung, Diskriminierung, Gewalt gegen Menschen müssen Gewerkschaften ihre Stimme erheben.

Um es klar zu sagen: Tarifpolitik und gesellschaftliches Engagement für Solidarität sind für mich zwei Seiten einer Medaille. Das eine gegen das andere aufzuwiegen, führt nicht weiter, sondern spitzt die Kämpfe um soziale und gesellschaftliche Teilhabe auf Kosten der Schwächeren weiter zu.Über die Wege lasst uns streiten, nicht aber über die Grundlage unseres Tuns: Mitmenschlichkeit.

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