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Internationales Webinar Lehrkräfte und digitale Bildung in Zeiten von Covid-19

Weltweit sind Schulen wegen des Corona-Virus geschlossen. Lehrkräfte sind aufgefordert, ihren Unterricht neu zu gestalten und digital zu kommunizieren. Wie gut sind sie und ihre Schülerinnen und Schüler darauf vorbereitet?

02.04.2020 - Barbara Geier und Manfred Brinkmann

Immer mehr Lehrkräfte setzen laut TALIS-Untersuchungen der OECD zwar digitale Technologien im Unterricht ein, betonen zugleich aber auch die wichtige Rolle kollegialer Zusammenarbeit dabei: 87 Prozent der Befragten gaben an, dass sie auf den Austausch mit anderen Lehrenden angewiesen seien, um effektiv mit modernen Informations- und Kommunikationstechnologien zu arbeiten. Ein solcher Kontakt ist  jedoch in Zeiten von Schulschließungen und Ausgangsbeschränkungen wegen des Coronavirus sehr erschwert oder kann nur per Telefonkonferenz stattfinden. 

Das ist ein Ergebnis der Analyse, die der Direktor der OECD-Bildungsabteilung in Paris, Andreas Schleicher, bei  einem internationalen Webinar mit dem Titel „Teacher Professionalism in the Face of Covid-19“ (Lehrkräfteprofessionalität angesichts von Covid-19) vorstellte. Zum Ende der zweiten Woche der Schulschließung in Deutschland und vielen anderen Ländern hatte die TUAC, das gewerkschaftliche Beratungsgremium der OECD, Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter aus der ganzen Welt zu der Onlineveranstaltung über die Folgen der Corona-Krise auf die Bildungssysteme eingeladen. TALIS steht für Teaching and Learning International Survey.

Fehlende Ausstattung und Ausbildung

Weitere Erkenntnis: In einer Zeit, in der Unterricht sich überwiegend auf digitale Medien stützen muss, wird das Fehlen adäquater Ausrüstung genauso offenbar wie der Mangel an Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte. Nach Angaben von Schleicher nutzten vor Beginn der Coronavirus-Krise nur gut die Hälfte aller Lehrerinnen und Lehrer digitale Technologien für ihre Arbeit: Einige integrieren diese fest in ihren Unterricht, andere setzen sie für Projekt- und Recherchearbeit ein, wieder andere nutzen sie sporadisch oder gar nicht. Dies hängt von der technischen Ausstattung, den finanziellen Möglichkeiten der jeweiligen Bildungseinrichtung zum Kauf von Lizenzen und dem individuellen Zugang der Lernenden zu Hard- und Software genauso ab wie von der Aus- und Weiterbildung der Lehrenden. Lehrkräfte, die in ihrer Ausbildung mit IT zu tun hatten, wenden diese auch häufiger im Unterricht an.

Krise verstärkt soziale Ungleichheit

Die TALIS-Untersuchungen zwischen 2013 und 2018 betonen aber nicht nur die Bedeutung kollegialer Zusammenarbeit. Viel weitgreifender sei der mangelnde Kontakt mit Schülerinnen und Schülern, hieß es. Bestehende soziale Ungleichheiten spiegelten sich im Zugang oder Nichtzugang von Schülerinnen und Schülern zu  digitalen Medien wider. Kinder aus sozial benachteiligten Familien seien in dieser Krisenzeit nicht nur durch häufig prekäre häusliche Lernumgebungen benachteiligt, sondern auch durch den unzureichenden Zugang zur Wissensvermittlung. Für Lehrkräfte können Unterricht und Lernkontrollen zwar auch elektronisch funktionieren, die persönliche Interaktion zwischen Lehrenden und Lernenden einzeln oder in der Gruppe fallen jedoch weg.

Neue Unterrichtsformen und professionelle Zusammenarbeit

Die TALIS-Analysen verweisen ferner auf eine Verschiebung der Aufgaben und eine Zunahme der Belastung von Lehrerinnen und Lehrern angesichts von Covid-19. Der isolierte heimische Unterrichtsraum stelle alle Beteiligten vor nicht gekannte Herausforderungen. Für die Lehrkräfte seien die bürokratischen Tätigkeiten weitgehend auf null gefahren, während Vorbereitungs- und Korrekturzeiten steil angestiegen seien. Vielen fehle der regelmäßige Austausch mit Kolleginnen und Kollegen. Sehr belastend sei in der Krise auch die psychologische Beratung der Schülerinnen und Schüler sowie die Rolle als Anlaufstelle für Sorgen, Fragen oder gar Angriffe von Eltern: Wie geht es weiter? Welche Auswirkungen werden die Schulschließungen auf das Bildungswesen haben, welche für den Beruf der Lehrerin und des Lehrers? Wird es zu anderen Unterrichtsmethoden kommen?

„Online-Schulungsressourcen wurden vor der Krise kaum zur beruflichen Weiterentwicklung genutzt. Das ändert sich jetzt massiv.“ (Andreas Schleicher)

Schleicher gab sich jedoch optimistisch: „Online-Schulungsressourcen wurden vor der Krise kaum zur beruflichen Weiterentwicklung genutzt. Das ändert sich jetzt massiv. Gleiches gilt auch für die Teilnahme an virtuellen professionellen Netzwerken. Effektive Unterrichtsmethoden und professionelle Zusammenarbeit gehen Hand in Hand.“

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