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Lehrerin an der Deutschen Höheren Privatschule Windhoek

In der früheren deutschen Kolonie Namibia hat Annette Wilms drei Jahre lang als Lehrerin für Biologie, Erdkunde und Deutsch gearbeitet. Viele Schüler an der Deutschen Schule in Windhoek sprechen neben Deutsch auch Englisch und Afrikaans.

05.01.2013 - Annette Wilms

Von Januar 2005 bis Juli 2008 war ich als Bundesprogrammlehrkraft (BPLK) in Namibia an der Deutschen Höheren Privatschule Windhoek (DHPS) tätig. Aufgrund der nordrhein-westfälischen Altersgrenze für die Verbeamtung von 35 Jahren habe ich im Juli 2008 meinen Dienstvertrag vorzeitig beenden müssen, da ich eine Einstellung in den Landesschuldienst von NRW anstrebe. An der DHPS unterrichtete ich in den Klassenstufen 5 bis 10 in Biologie, Erdkunde (SI/II) und Deutsch (SI).Von 2005 bis 2006 war ich Mitglied des Lehrerbeirats und ab 2006 habe ich die Fachleitung für Erdkunde innegehabt.

Kriminalität beeinträchtigt die Lebensqualität

Der schulische Einsatzort Windhoek besitzt im Vergleich zum landesweiten Durchschnitt eine gut ausgebaute und organisierte Infrastruktur. Die Einkaufs- und Versorgungsmöglichkeiten der etwa 240 000 Einwohner zählenden Hauptstadt entsprechen mit Ausnahme des öffentlichen Verkehrsnetzes einem europäischen Oberzentrum. Es existieren verschiedene kulturelle Angebote und (Weiter-) Bildungsmöglichkeiten (z.B. University of Namibia (UNAM), Goethe-Zentrum, Franco Namibian Cultural Centre (FNCC)). Die Mehrheit der namibischen Staatsangehörigen europäischer Herkunft konzentriert sich in Windhoek, was sich unter anderem im Warenangebot widerspiegelt. Mit der deutschsprachigen „Allgemeine Zeitung“ und speziellen Radiosendungen des NBC ist zudem die deutsche Sprache regelmäßig in den landesweiten Medien vertreten. Obwohl Namibia nach Südafrika das höchste Pro-Kopf-Einkommen im südlichen Afrika erwirtschaftet, bestehen gravierende wirtschaftliche Probleme, die sich in einer hohen Arbeitslosenquote von etwa 40% und einem großen Einkommensgefälle manifestieren. Der informelle Dienstleistungssektor (Haushaltshilfen, Gartenarbeiter usw.) ist sehr stark ausgeprägt und bietet vor allem den nicht oder nur gering ausgebildeten Bevölkerungsgruppen ein Grundeinkommen. Eine hohe HIV-Infektion der Bevölkerung von landesweit ca. 20% und der damit verbundene Zuwachs der sogenannten AIDS-Waisen, stellt Namibia zusätzlich zur verbreiteten Armut zunehmend vor enorme gesellschaftliche Herausforderungen, deren Bewältigung sich auch auf die wirtschaftliche Zukunft des Landes auswirken werden. Kriminalität, vor allem Einbrüche und Diebstähle, aber auch gewalttätige Raubüberfälle mit Waffeneinsatz, setzen die Lebensqualität in der Hauptstadt und in der näheren Umgebung herab. Sämtliche Freizeitaktivitäten beschränken sich in der Regel auf den privaten Bereich bzw. können nur in eigens dafür etablierten Institutionen durchgeführt werden. Im Stadtbild zeigt sich die eingeschränkte Sicherheitslage durch die Installation von Sicherheitsanlagen (Mauern, Elektrozäunen etc.), die Privatgrundstücke wie Staatseigentum umgeben.

Viele Schüler sprechen auch Englisch und Afrikaans

Bei der Deutschen Höheren Privatschule Windhoek handelt es sich um eine Begegnungsschule mit 1010 Schülerinnen und Schülern (2006). In der Primarstufe (Klasse 1 bis 6) und der Sekundarstufe I (Klasse 7 bis 9) existiert in der Regel eine vierzügige Klassenorganisation. Pro Jahrgang gehört eine Klasse zur sog. „Neuen Sekundarstufe“. Diese Klassen lernen Deutsch als Fremdsprache und erhalten ansonsten englischsprachigen bzw. verstärkt deutschsprachigen Fachunterricht. Es werden zwei Schulabschlüsse an der DHPS angeboten: Landeseigener Schulabschluss „Namibian Senior Secondary Certificate“ (NSSC-Examen) und Deutsche Internationale Abiturprüfung. Beide Abschlüsse berechtigen zum Universitätsbesuch in Südafrika, was die deutliche Mehrzahl der Schüler und Schülerinnen anstrebt. Darüber hinaus existiert ein bilinguales französisch-deutsches bzw. französisch -englisches Unterrichtsangebot in der Vorschule und Primarstufe. Das Lehrerkollegium ist mit 96 Lehrkräften (davon 19 ADLK und 3 BPLK) als groß zu bezeichnen. Die Schüler und Schülerinnen besitzen mehrheitlich die namibische Staatsbürgerschaft. In der Regel besitzt mindestens ein Elternteil einen deutschen Hintergrund, so dass die Muttersprache dieser Kinder deutsch ist. Viele Schüler sprechen neben Deutsch auch Englisch und Afrikaans, wobei das alltäglichen Nebeneinander der Sprachen häufige Fehler erklären kann. Zudem verwenden die deutschstämmigen Schüler und Schülerinnen in ihrer Alltagssprache auch etliche Begriffe der als Südwesterdeutsch bezeichneten Sprachvariante, was eine zusätzliche Fehlerquelle darstellen kann. Der sozialen Herkunft nach stammen diese Schüler und Schülerinnen aus der weißen, namibischen Mittelschicht. Knapp 20% aller Schüler besuchen die sogenannte „Neue Sekundarstufe“. Die Schüler und Schülerinnen erhalten vornehmlich englischsprachigen Fachunterricht und lernen Deutsch als Fremdsprache. Ihre Muttersprache ist zumeist Afrikaans oder eine afrikanische Stammessprache, z.B. Oshivambo, Otjiherero oder Damara. Während die Eltern vor einiger Zeit noch überwiegend der Unter- bzw. unteren Mittelschicht entstammten, zeigt sich mittlerweile vor allem an den Schülern des englischsprachigen Primarstufenzweigs eine Herkunft aus aufstrebenden Mittelschichtsfamilien. Nach wie vor wird jedoch immer noch ein Großteil aller Anträge auf Schulgeldermäßigung von den Schuleltern des englisch-sprachigen Schulzweigs gestellt. Die Schwierigkeiten beim Einsammeln kleinerer Geldbeträge (z.B. für gemeinsame Klassenaktivitäten) gibt im Schulalltag einen Einblick in die häufig prekäre finanzielle Lage dieser Familien. Deutsche Kinder, die in Deutschland geboren und gemeinsam mit ihren Eltern (befristet) ausgewandert sind, bilden mit etwa 20% am Gesamtanteil nur einen kleinen Teil der Schülerschaft. In der Regel entstammen sie der gut situierten Oberschicht.

Kooperative Atmosphäre an der Schule

Die DHPS besitzt eine gymnasiale Schulstruktur mit Elementen einer integrierten Gesamtschule in Deutschland. Innerhalb der Schülerschaft besteht ein breites Spektrum an Leistungsfähigkeiten. Die Möglichkeit auf Antrag einen Haupt- oder Realschulabschluss zu erreichen, trägt dem Rechnung. Die Leistungsmotivation der Schüler ist meist gut. In Anpassung an das namibische Schulsystem messen die Schüler und Schülerinnen vor allem dem Frontalunterricht mit einer hohen Faktendichte eine größere Bedeutung bei, als Unterrichtsphasen, die selbstständiges Lernen, Transferleistungen sowie Diskussionen im Unterrichtsgespräch betonen. Lange Übungs- und Wiederholungsphasen werden von ihnen regelmäßig eingefordert. Durch den stetigen Wechsel von Auslandsdienst- und Bundesprogrammlehrkräften sind die Ortslehrkräfte der DHPS sehr an die jährlichen Neuzugänge aus Deutschland gewöhnt und ausgesprochen um eine Integration in das Lehrerkollegium bemüht. Die Schulleitung bietet Einführungsseminare an, die u.a. über Besonderheiten der Schule (z.B. zur Sprachsituation in Namibia) informieren und versorgt darüber hinaus „die Neuen“ gewissenhaft mit Informationsmaterial zu allen Bestimmungen, Schulordnungen und sonstigen organisatorischen Fragen an der DHPS. Überhaupt habe ich die Schulleitung (vermittelte Schulleiter aus Deutschland wie Ortskräfte) als ausgesprochen offen und ansprechbar für Fragen und evt. Probleme erlebt. Die Zusammenarbeit zwischen Schulleitung und dem Schulverein als Träger der Privatschule schien meines Erachtens kooperativ zu sein. Die namibischen Kollegen selbst sind eine unschätzbare Hilfe für sämtliche Fragen zum Einleben in den namibischen Alltag. Ich bin auf ein großes Interesse und eine enorme Hilfsbereitschaft gestoßen, die mir das Einleben sehr erleichtert hat. Im schulischen Bereich habe ich die meisten Kollegen als sehr aufgeschlossen und engagiert erlebt. Der Austausch von persönlichen Unterrichtserfahrungen und Materialien wurde gerne angeboten wie angenommen. Der Umgang untereinander ist kooperativ und respektvoll, wobei Konflikte zumeist schnell angesprochen und in der Regel auch gelöst werden

Projektarbeit in der Namibwüste

Ein besonderer Höhepunkt meiner schulischen Tätigkeit aus dem Fachbereich Biologie ist die Begleitung der 6. Klassen zur einwöchigen Unterrichtsfahrt in die Namibwüste gewesen. Organisiert vom Namib Desert Environmental Education Trust (NaDeet) leben hier zwei Klassen eine Woche lang in einem einfach eingerichteten Camp mitten in der Namibwüste. Es handelt sich hierbei nicht um eine Freizeitveranstaltung, sondern um eine echte Unterrichtsfahrt. Der Klassenraum ist die Namibwüste. Unterrichtsziel ist es den nachhaltigen Umgang mit begrenzten Ressourcen in der Wüste zu leben. Dazu stehen sparsamer Wasserverbrauch, Nutzung von Solarenergie, Müllrecycling bzw. Müllvermeidung im Mittelpunkt des Wüstenalltags und damit des Unterrichts. Darüber hinaus lernen die Kinder selbstverständlich Flora und Fauna der Namibwüste auf Exkursionen kennen und begreifen vor Ort ökologische Zusammenhänge. Im normalen Unterricht werden die Lerninhalte der Fahrt vor- sowie nachbereitet. Grundlage aller Fächer sind im Übrigen die Lehrpläne Baden-Württembergs, die an die landestypischen Eigenheiten angepasst wurden. Hervorzuheben ist außerdem das Girl-Child Projekt der Schule, das ich ab 2007 mitbetreuen durfte. Es handelt sich dabei um eine Schülergruppe der Klassenstufen 9 bis 13, die durch ihre Sammel- und Spendenaktionen (Sammeln von Hygiene- und Toilettenartikeln, warmen Decken und Wintersachen etc.) bedürftige Einrichtungen im ehemaligen Township und heutigem Brennpunkt und Armenviertel Katutura unterstützt. Neben materiellen Spenden besuchten die Schülerinnen und Schüler zuletzt einmal monatlich einen Kindergarten bzw. ein Waisenhaus. Dabei ging es vor allem um den persönlichen Kontakt zu den Kindern und es wurden dazu im Vorfeld Aktionen (Bewegungs- und Geschicklichkeitsspiele, Singspiele, Malaktionen etc.) vorbereitet. Die Schüler zeigten in ihren Vorbereitungen und in der Durchführung ein sehr großes Engagement und wurden durch ihren großen Erfolg bestätigt. Die jungen Menschen in ihrem Einsatz zu unterstützen, war mir eine Freude und erlaubte mir einen ungeschönten Einblick in das Leben von Menschen, denen ich in meinem sonstigen Alltag nicht begegnen konnte. Gerade diese beiden Projekte sind es, die ich zusammenfassend als eine große persönliche Bereicherung für mich bezeichnen möchte.

Eingliederung in Deutschland

Da ich mit meiner Rückkehr aus Namibia erstmalig fest in den innerdeutschen Schuldienst eingestiegen bin, kann ich nur einen Eindruck aus meinen ersten Schulwochen wiedergeben.Ich arbeite jetzt in Nordrhein-Westfalen an einem Gymnasium, das sich in den Voraussetzungen relativ wenig von der DHPS in Namibia unterscheidet. Hier wie dort habe ich eine gute Ausstattung und äußerst lernwillige Schüler und Schülerinnen angetroffen, die in der Regel auf Unterstützung aus dem Elternhaus zurückgreifen können. Anders als in Namibia begegneten die deutschen Kollegen „mir Neuen“ allerdings bislang mit einer größeren Vorsicht und Zurückhaltung. Ich bin aber recht zuversichtlich, dass mit etwas mehr Zeit die aktuellen Hemmschwellen abgebaut werden können. Ein Wunsch von mir ist es, meine Kontakte und Erfahrungen in Namibia zu nutzen, um das Projekt der Girl-Child Gruppe der DHPS zu unterstützen. Ich möchte dazu gerne einen Arbeits-kreis sozial engagierter Schüler und Schülerinnen an meiner neuen Schule aufbauen, der durch Informations- und Spendenaktionen seinen Beitrag dazu leistet.

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