GEW Thüringen
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Landesvorsitzende Kathrin Vitzthum: Inklusion geht alle an

Die Aprilausgabe der tz widmet sich der Inklusion an Thüringer Schulen, einem Thema, dass umstrittener derzeit nicht diskutiert werden könnte.

04.04.2016 - Kathrin Vitzthum, Landesvorsitzende

Es ist wichtig, dass wir diese Debatte offen führen, diese tz ist dabei ein Baustein. Und ebenso wichtig ist es, dass wir hinter der Beschlusslage der GEW in ihrer Gesamtheit nicht zurückstehen, sondern die Anerkennung von Vielfalt ernst- und die Mitverantwortung für ein inklusives gesellschaftliches Leben übernehmen.

  • Was die GEW bisher gemacht hat

Die GEW hat in ihren Gliederungen auf Bundes- und Landesebene zahlreiche Beschlüsse zur Inklusion gefasst, Gelingensbedingungen beschrieben und eingefordert. Immer war das Ziel, die Bedingungen der Pädagog*innen zu verbessern, um die bestmögliche Förderung eines jeden Kindes mit seinen individuellen Begabungen zu erreichen. Ein Bildungssystem, das seit jeher eher auf Selektion, denn auf Einbindung gesetzt hat, steht dabei selbstverständlich vor einer großen Umwälzung. Das mehrgliedrige Schulsystem und die noch weitgehend flächendeckende Existenz von Förder- oder Sonderschulen erschweren in ihrer Struktur eine inklusive Gestaltung des Schulalltags1. Es bestimmt oft auch das pädagogische Handeln und es bestimmt oft auch den pädagogischen Blick auf das individuelle Leistungsvermögen der Kinder und Jugendlichen.

  • UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet – Inklusives Schulgesetz

Die Länder sehen sich nach der Unterzeichnung der 2009 von Deutschland ratifizierten UN-Behindertenrechtskonvention in der Pflicht, das Menschenrecht auf Bildung für alle in ihren Schulgesetzen umzusetzen. Auch Thüringen hat bereits 2003 den gesetzlichen Rahmen zur individuellen Förderung und zum Gemeinsamen Unterricht geschaffen. Derzeit erarbeitet das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport eine Gesetzesvorlage für ein Inklusives Schulgesetz. Das erregt unter einigen Pädagog*innen Skepsis, sehen sie doch beinah täglich, wie schwer die Umsetzung der Inklusion fällt. Vor allem die personelle und sächliche Ausstattung und die sonstigen Rahmenbedingungen, z. B. die Erstellung von sonderpädagogischen Gutachten erst nach der Schuleingangsphase, machen es Lehrerinnen und Lehrern oft schwer, den hehren Anspruch inklusiver Bildung umsetzen zu können (und angesichts der teils fragwürdigen Bedingungen auch umsetzen zu wollen).

  • Erfolge sind durch die Bereitschaft der Pädagog*innen zu verzeichnen

Und dennoch liebe Kolleginnen und Kollegen: Würde das Land Thüringen nicht den Gemeinsamen Unterricht eingeführt haben und würde das Land die Förderschulzentren nicht zu Netzwerken ausbauen - wir würden auch heute noch viele Kinder aussortieren, aufs Nebengleis stellen, letzlich Chancen auf eine gleichberechtigte Teilhabe verweigern. Dabei sind doch auch Erfolge zu verzeichnen. Körperliche Beeinträchtigungen sind schon lange kein Grund mehr, Kinder in Förderschulen zu beschulen. Viele Schulen haben die notwendigen baulichen Veränderungen unter teils großen Anstrengungen verwirklicht. Die individuelle Schuleingangsphase ermöglicht es Kindern mit einem langsameren Lerntempo, in der Schule und im Lernen Fuß zu fassen und Lernen als etwas Posititives zu erleben, das Erfolge schafft. Die soziale Kompetenz aller steigt, wenn Neugier, Verständnis, Rücksichtnahme zur selbstverständlichen Lernaufgabe werden. All die positiven Effekte, die sich in der inklusiven Bildung zeigen, liegen zunächst an der Bereitschaft der Pädagog*innen, auch gegen widrige Bedingungen, jedem Kind das zukommen zu lassen, was es braucht. Dafür gilt es, Danke zu sagen.

  • Welche Rahmenbedingungen braucht die Inklusion?

Doch der Erfolg von Inklusion darf nicht allein vom Engagement der Pädagog*innen2 abhängig gemacht werden. Der erhoffte Erfolg braucht Rahmenbedingungen, die es den Lehrenden und Erziehenden ermöglichen, Schulalltag, Unterrichtseinheiten, Lernbedarfserfassung und Leistungsbewertung an den individuellen Bedarfen und Begabungen auszurichten. Genau diese Rahmenbedingungen sind in Thüringen nicht überall und nicht flächendeckend gegeben.

  1. Es fehlt an Zeit: für Vorbereitung, für Absprachen, für Weiterbildung und Reflexion.
  2. Es fehlt an Personal: um schwierige Situationen im Klassenzimmer auf mehreren Schultern zu verteilen.
  3. Es fehlt an Rückzugsräumen in den Schulen: für Kinder und Pädagog*innen.
  4. Es fehlt an einer inklusiven Pädagog*innenbildung und Neueinstellungen: um neue Ideen in die Klassenzimmer zu bringen.

Können wir das Rad zurückschrauben? Wollen wir das wirklich? Können wir umkehren und noch einmal von vorne anfangen? Ich denke, liebe Kolleginnen und Kollegen, wir können es nicht. Aber wir können eben auch nicht verlangen, weiter zu eilen ohne eine Verschnaufpause einzulegen. Wir müssen schauen, wo wir gerade stehen, Reserven auffüllen und vielleicht neue Wege einschlagen.

Wir haben die Gelingensbedingungen ausführlich beschrieben und zu wenig dafür gekämpft, dass sie umgesetzt werden. Wir müssen unseren Blick genau darauf werfen, wie wir eine bessere Ausstattung für die Inklusion auch endlich erhalten, statt nur zu sagen: So geht es nicht. Euch zuliebe und in Verantwortung für die Kinder müssen wir gemeinsam kämpfen, dass Bildung auch finanziell endlich den Stellenwert erhält, der ihr in den Sonntagsreden immer attestiert wird. Dazu gehört auch, dass wir konkret sagen, wie es besser gemacht werden muss.

Engagieren wir uns also aktiver für bessere Rahmenbedingungen, damit inklusive Schulen zum Gewinn für alle Kinder und für alle Pädagog*innen werden! Aber stellen wir uns auch offen und konstruktiv der Aufgabe, ein Menschenrecht zu verwirklichen.

 

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1 - Häufig wird die Forderung nach einem inklusiven Schulsystem als Urteil über die Arbeit von Förder- und Sonderschulpädagog*innen und als pauschale Kritik über Konzepte von Förder- und Sonderschulen im Umgang mit förderbedürftigen Kindern und Jugendlichen missverstanden. Die Debatte um die Umstrukturierung der Förder- und Sonderschulen ist jedoch kein Angriff auf die Profession und die Qualität der Arbeit.

2 - Prof. Rainer Benkmann, Uni Erfurt, im tz-Interview 1/2013: „Nicht nur in Thüringen sind wir überreformiert. Wenn vor diesem Hintergrund jetzt noch der inklusive Unterricht „übergestülpt“ wird, heißt die innere Reaktion: „Bitte nicht das auch noch!“. Das ist eine mehr als verständliche Reaktion. […] Wir brauchen eine Schule, wo es viel mehr Unterstützungskräfte für den regulären Lehrer, die reguläre Lehrerin gibt. Es gibt Länder, wo Sonderpädagog/innen und Schulpsycholog/innen zu einer Schule gehören. Je nach sozialräumlicher Lage der Schule müssten auch Gesundheitspfleger/innen, Therapeut/innen und Sozialarbeiter/innen an den Schulen beschäftigt sein. Multiprofessionelle Schulteams könnten viel auffangen. Schule braucht einfach mehr personelle Ressourcen.“

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