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Lärm in BildungseinrichtungenLärm ist kein Naturgesetz

21 Jahre lang arbeitete Petra G. (Name geändert) in einer Kita. Tag für Tag achtete die 51-Jährige auf die ihr anvertrauten Kinder, aber zu wenig auf sich. Petra G. wurde krank - und gab ihren Job auf, als Ärzte ihr sagten: Lärm kann schaden.

13.05.2020 - Stephan Lüke, freier Journalist

So wie Petra G. ergeht es vielen Erzieherinnen und Erziehern. Davon ist nicht nur Bodo Köhmstedt, Referatsleiter Bildungseinrichtungen (Abteilung Prävention) bei der Unfallkasse Rheinland-Pfalz, überzeugt. „Viele haben nur das Wohl der Kinder im Blick.“ Bis es mitunter zu spät ist – wie bei Petra G. Laut der Studie „Strukturqualität und Erzieherinnengesundheit in Kindertageseinrichtungen (STEGE)“ empfinden 73 Prozent der pädagogischen Fachkräfte in Kitas ihre Arbeit grundsätzlich als körperlich anstrengend. 94 Prozent von ihnen und 88 Prozent des Leitungspersonals nennen Lärm als größten Belastungsfaktor.

Die Mütter der Untersuchung, Prof. Susanne Viernickel und Prof. Anja Voss, hatten in dem Forschungsprojekt der Alice Salomon Hochschule (ASH) in Berlin zwischen 2010 und 2012 die Zusammenhänge von strukturellen Rahmenbedingungen und der Gesundheit des pädagogischen Personals in Kindertageseinrichtungen untersucht. Sie kamen zu der Erkenntnis, dass mit den Berufsjahren und dem Alter die Zahl der pädagogischen Fachkräfte, die sich vom Lärm stark bis sehr stark belastet fühlen, deutlich steigt.

Bauliche Maßnahmen helfen

Doch Lärm sei kein Naturgesetz, mahnt Köhmstedt. Er betont: „Inzwischen gibt es zahlreiche Maßnahmen, die den Lärm sowohl in Neu-, aber auch in Altbauten deutlich reduzieren können.“ Ein Blick in eine Musterkita belegt sein Statement. Schauen wir ins rheinland-pfälzische Neuwied. Genauer in die Kita Kinderplanet im Stadtteil Heimbach-Weis. Diese ist bundesweit der erste Prototyp einer Kindertageseinrichtung, in den die Erkenntnisse und Erfahrungen aus den abgeschlossenen Projekten Ergonomisches Klassenzimmer und ErgoKiTa der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) eingeflossen sind. Und auch der Blick auf die Lärmbelastung kam bei der Gestaltung nicht zu kurz.

Das Institut für Arbeitsschutz (IFA) der DGUV erhob den Status quo der Belastungen vor dem Projektstart und kam zu dem Ergebnis: zu hoch. Und das, obwohl zuvor schon das Anbringen von Holzwolle-Leichtbauplatten eine Verbesserung gebracht hatte. Eine wirkliche Überraschung stellte das Ergebnis für die Experten nicht dar. Schließlich handelte es sich um einen Bau aus den 1980er-Jahren – aus einer Zeit also, als man an vieles dachte, nicht aber an Lärmschutz. Niedrige Decken kennzeichneten die für vier Gruppen mit jeweils 25 Kindern geplanten Räumlichkeiten. Kein Wunder: Das Gebäude sollte eines Tages, wenn sich die geburtenschwachen Jahrgänge auch auf die erforderliche Zahl von Kitas und Kita-Plätzen auswirken würden, in Wohnhäuser umgewandelt werden. Schließlich ahnte damals niemand, dass die Kitas fast 40 Jahre später auch Ort der Betreuung von Kindern ab dem vollendeten ersten Lebensjahr sein würden.

Niedrige Decken bedeuten weniger Raumvolumen. Perfekt für Geräusche – sie können sich ungehindert auf Erzieherinnen, ihre wenigen männlichen Kollegen und die Kinder auswirken. Denn Ohren sind sensibel. Während sich beispielsweise das Auge stärkerem Lichteinfall mit einer Verengung der Pupille anpasst, besitzt das Ohr keinen natürlichen Schutzmechanismus. So kann der Schall ungehindert ins Ohr eindringen.

Boris Helmig (39), Erzieher, Kita am See in Berlin-Weißensee

„Wenn es sonntags geregnet hat und keiner draußen war, denkst du am Montag schon: Hilfe, das geht von der Lautstärke her gar nicht. Dann gehe ich mit den Kindern erstmal in den Sportraum. Wenn es mir als Erzieher zu laut wird, muss ich selbst etwas dagegen tun. Von einem Vierjährigen erwarte ich nicht, dass er sich selbst regulieren kann. Man kann den Kindern zum Beispiel mit einer Lärmampel, die bei einer gewissen Dezibelzahl von Grün auf Gelb auf Rot schaltet, klarmachen: Ihr seid gerade so laut, dass es schädlich für euer Gehör ist. Das kommt bei ihnen an. Grundsätzlich sind wir in meiner Kita aber gut aufgestellt: Wir sind zwei Erzieher für eine Gruppe von 14 Kindern, das muss man in Berlin suchen. Ab dem 15. Kind steigt der Lärmpegel wahnsinnig, weil sich die Mädchen und Jungen gegenseitig hochschaukeln und Konflikte lauter austragen. Das nehme ich zwar selten bewusst als Stress wahr, mein Körper aber offenbar schon: Privat höre ich keine laute Musik mehr, da ertrage ich nur noch Zimmerlautstärke.“

Leise und verständlicher

Schon Mitte der 1990er-Jahre hatten sich David MacKenzie und David Airey von der Heriot-Watt-Universität Edinburgh mit der Akustik in 70 englischen und schottischen Grundschulen beschäftigt. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass durch eine raumakustische Behandlung der Geräuschpegel um neun bis zehn Dezibel gesenkt werden kann.

Zurück von der Insel, rein in die Kita Kinderplanet. Nachträglich wurden dort auf Anraten der Architekten Akustikdecken eingezogen, die den Lärmpegel bereits deutlich senkten. Im parallel konzipierten und 2015 eröffneten Neubau wurden diese von vornherein berücksichtigt. Die Anforderungen an die Raumakustik wurden, wie es im Amtsdeutsch so schön heißt, entsprechend der DIN 18041 „Hörsamkeit in kleinen bis mittelgroßen Räumen“ berechnet. Übersetzt bedeutet das: Durch die regelmäßige Einhaltung dieser Norm insbesondere bei Neu- und Umbauten wird die sprachliche Kommunikation für alle Beteiligten besser und einfacher. Will heißen, um sich zu verständigen, muss die Stimme nicht Orkanstärke erreichen und damit als schädlicher Lärm empfunden werden. „Kommt doch bitte zum Essen“, klingt dann eher wie eine freundliche Einladung als ein gebrüllter militärischer Befehl.

Es kann also leiser und verständlicher in der Kita zugehen. Zugleich richteten die Fachleute in Neuwied ihr Augenmerk auch auf die technische Lüftungsanlage, wissend, wie sehr sich selbst ein leises, aber monotones Brummen auf das Gehirn und damit die Gesundheit der Menschen negativ auswirkt. In der Kita Kinderplanet setzt man seither auf mehrere kleinere statt ein großes Gerät und versteckte die Lüftungsanlage hinter Zwischenwänden.

Im Neubau entstanden vier auf Krippenkinder zugeschnittene Gruppenräume, direkt daneben Schlaf-, WC- und Waschräume. Erstere bieten Platz zum Essen, sodass die Krippenkinder hier in Ruhe essen können. Das durch die Erweiterung verlorengegangene Außengelände fängt eine bespielbare Dachterrasse auf. Ihr stoßdämpfender Belag dient gleichzeitig als Lärmschutz für die darunterliegenden Räume.

Michaela Matthies (55), Erzieherin, Bambini Oase in Berlin-Prenzlauer Berg

„Ich bin ein temperamentvoller Typ, ich jage die Kinder auch mal mit der Trommel durch den Garten und bin dann lauter als sie. Ab und zu sagen wir den Mädchen und Jungen auch: Jetzt dürft ihr mal richtig schreien. Stressig wird es für mich dann, wenn alle durcheinanderreden und -rennen, und ich ein Kind, das zu mir kommt, nicht mehr verstehen kann. Oder wenn ein Spiel so ausartet, dass nur noch mit dem Kochlöffel auf die Schüssel geschlagen wird. Zum Glück verstehe ich mich mit meiner Kollegin ohne Worte, in solchen Situationen zieht sie sich dann zum Beispiel auch mal mit den Kindern zurück.

Zwischendurch runterzukommen, ist für die Kinder ja genauso wichtig wie für uns. Auch bei den Mädchen und Jungen gibt es sensiblere, die sich schon mal die Ohren zuhalten. Aber ich arbeite seit meinem 16. Lebensjahr in dieser Kita, ich bin also so groß geworden. Ob ich das als Quereinsteigerin mit 40 Jahren noch so händeln könnte, weiß ich nicht. Zuhause bin ich viel geräuschempfindlicher: Da stört mich schon ein tropfender Wasserhahn.“

Ungesunde Kombination

Oft reichen einfache Maßnahmen, um die Gesundheit und das Wohlbefinden der Beschäftigten in Kitas – aber auch der Kinder – zu steigern. Bei Kita-Besichtigungen stellen Köhmstedt und sein Team immer wieder fest, dass in vielen Gruppenräumen irgendwo in der Ecke ein Rekorder steht, aus dem beispielsweise in der Vorweihnachtszeit „Aus der Weihnachtsbäckerei“ ertönt. In Verbindung mit Kinderlachen, -singen, -weinen, Musikinstrumenten, Spielsachen, Unterhaltungen der Erwachsenen und Kleinen sowie von draußen hereindringenden Geräuschen (Straßen- und/oder Flugzeuglärm) eine ungesunde Kombination.

Trittschalldämmung oder Akustikrollen unter den Servierwagen wirken sich positiv aus. Aber auch der Teppich in der Spielzeugkiste, der den Aufprall der hineinfliegenden Gegenstände dämpft. Ähnliches gilt für die Regale. Leichte Dämpfung – große Wirkung. Köhmstedt: „Oft sind sich die Akteure in den Einrichtungen, aber auch deren Träger dessen nicht bewusst. Es ist wie bei so vielem im Leben eine Frage der Haltung und des Wissensstandes.“

„Halt“, mag in diesem Moment manch ein Finanzchef bei Trägern und Kommunen rufen: „Unsere Kassen sind leer!“ Dem will Köhmstedt gar nicht widersprechen. Aber er sagt auch: „Es gibt Gesetze, und ihnen kann sich niemand mit dem Argument Geld einfach entziehen.“ Er wünscht dem Personal, insbesondere jenem mit Leitungsfunktion, „etwas aufmüpfiger“ zu werden und sich nicht mit den Worten „haben wir nicht …“ abspeisen zu lassen. Dass Verbesserungen nicht überall und in vollem Umfang direkt umzusetzen sind, ist ihm bewusst: „Es reicht ja schon, wenn zugesagt wird, die gesundheitsfördernden Maßnahmen im kommenden Haushalt zu berücksichtigen.“ Er beobachtet dabei durchaus eine positive Entwicklung. In den vergangenen Jahren habe sich bereits sehr viel getan. Hunderte Interessierte besuchten die Musterkita Kinderplanet. Immer mehr Kommunen wenden sich an die Unfallkassen und lassen sich beraten. Köhmstedt: „Bei Neubauten werden wir ohnehin hinzugezogen.“

Im Neuwieder Stadtteil Heimbach-Weis weiß man, dass es nicht nur die großen Umbauten sind, die den Lärm reduzieren. Das Zauberwort heißt: selbstgemachter Lärm. Er ist ohne großen Aufwand zu reduzieren. Etwa durch klare Sprachregeln mit den Kindern („Wir hören zu, wenn der andere spricht“). Oder wie hier in der Montessori-Einrichtung mit insgesamt 140 Kindern: Geht‘s ans Spielen, rollen die Kleinen ihren Teppich aus – und plötzlich fallen die Bausteine wie Schneeflocken auf die Erde. Angesichts solcher Erfahrungen kommt selbst Petra G. ins Grübeln: „Vielleicht ist das dann ja doch noch einmal etwas für mich.“

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