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Konferenz zur Arbeitszeit: Die Verringerung der Arbeitsbelastung ist möglich!

07.05.2018 - GEW Thüringen

Am 3. Mai 2018 fand in Erfurt die von der GEW Thüringen organisierte Konferenz zur Arbeitszeit statt. Knapp 50 Lehrerinnen und Lehrer aus allen Teilen Thüringens und aus den verschiedenen Schularten waren der Einladung gefolgt.

Zunächst erläuterte Anne Kilian, Mitglied im Referatsleitungsteam Tarif- und Beamtenpolitik der GEW Niedersachsen, die dort in den Jahren 2015/16 durchgeführte Arbeitszeit- und Arbeitsbelastungsstudie von Lehrerkräften an öffentlichen Schulen. Diese Studien brachten folgende Hauptergebnisse:

  • Es gibt Mehrarbeit in allen Schulformen. 
  • Lehrkräfte in Teilzeit arbeiten mehr als Lehrkräfte in Vollzeit, weil die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts nicht in Teilzeit geleistet werden kann.
  • Es gibt systembedingte Spitzenzeiten.
  • Der Umfang der Arbeit wächts mit dem Lebensalter.
  • Die Abgrenzung zwischen Arbeit und Freizeit ist schwierig. 

Mit dieser Studie liegen erstmal wissenschaftlich erhobene und gerichtsfeste Daten über die Arbeitszeit und über die Belastungssituation von Lehrkräften an staatlichen Schulen vor. Diese können hier im Detail nachgelesen werden. Zudem hat Anne Kilian ein Interview gegeben, welches über den integrierten Player (weiter oben) angehört werden kann. 

Eine aktuelle Studie der Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften der Georg-August-Universität Göttingen zum Thema Arbeitszeit von Lehrkräften, erstellt von Thomas Hardwig und Frank Mußmann im Auftrag der Max-Träger-Stiftung, nahm die bisherigen Zeiterfassungsstudien zur Arbeitszeit von Lehrkräften in Deutschland in den Blick. Es ergibt sich daraus Folgendes:

  • Die Arbeitszeit von Lehrkräften, und damit ist nicht nur der eigentliche Unterricht gemeint, ist gerichtsfest bestimmbar.
  • Im Vergleich der betrachteten 20 Arbeitszeitstudien ist festzustellen, dass die Ergebnisse auf alle Lehrkräfte in Deutschland anwendbar sind.
  • Lehrkräfte arbeiten in Deutschland länger als andere Beschäftigte im öffentlichen Dienst, auch unter Einbeziehung von Ferienzeiten.
  • In Unterrichtswochen kommen Lehrkräfte oftmals und das über längere Zeiträume hinweg auf über 48 Stunden.
  • Sieben-Tage-Wochen, Zeitdruck und fehlende Erholungsmöglichkeiten am Tag führen  langfristig zu einer permanenten Überbelastung und damit zu einem hohen Gesundheitsrisiko.

Die GEW Thüringen fordert aus diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen heraus das Bildungsministerium erneut auf, das Thema Arbeitszeit unter dem Gesichtspunkt der Arbeitsbelastung aufzugreifen. Bärbel Brockmann, Spitzenkandidatin der GEW Thüringen für den Hauptpersonalrat im Bereich Regelschulen, trug die Situation für Thüringen vor und stellte Lösungsmöglichkeiten zur Diskussion. Von den an der Arbeitszeitkonferenz teilnehmenden Lehrerinnen und Lehrern wurden zudem eine ganze Reihe ganz praktischer Möglichkeiten zur Verringerung der Arbeitsbelastung gemeinsam erarbeitet. Die notwendigen Entlastungen für die Lehrkräfte müssen schnellstmöglich umgesetzt werden, denn ohne Entlastungen wird der Krankenstand weiter steigen, für die Schüler*innen bleibt zu wenig Zeit und die Qualität des Unterrichts und der Erziehung wird weiter absinken. Mögliche Entlastungen wären die Schaffung von Anrechnungsstunden für besondere Tätigkeiten, die Reduzierung der Pflichtstundenzahl oder die Erhöhung der Anzahl der Klassenleiterstunden.

Die Wertschätzung der Arbeit der Pädagog*innen in den Schulen durch das Land Thüringen als ihren Arbeitgeber bzw. Dienstherrn bedeutet eine realistische Betrachtung ihrer Arbeitszeit. Kathrin Vitzthum, Landesvorsitzende der GEW Thüringen, meint dazu: „Die Lehrkräfte an den Thüringern Schulen erleben die Auslegung der Regelungen zu Arbeitszeit und Mehrarbeit zugunsten der Unterrichtsabsicherung zu ihren Lasten. Wir raten dem Bildungsministerium dringend, die Arbeitszeitregelungen, die nicht nur die Pflichtstunden in den Blick nehmen dürfen, auf den Prüfstand zu stellen. Nur so gelingt es, den überhohen Langzeitkrankenstand zu verringen und somit der versprochenen Unterrichtsgarantie näher zu kommen.“

Die Förderung von Teilzeit als Entlastung für die Lehrkräfte  muss endlich ermöglicht werden, auch unter Beachtung der Tatsache, dass bei Teilzeitbeschäftigten die unteilbaren Aufgaben (z. B. Klassenfahrten, Klassenleiterstunden) entsprechend zu berücksichtigen sind. Besser in Teilzeit als langzeitkrank.

Zusätzliche Belastungen durch interpretierbare Regelungen zur Arbeitszeit und Mehrarbeit müssen zeitnah abgebaut werden. Die Praxis der Mehrarbeit als unentgeltlicher  Pflichtstundenerhöhung und die damit verbundenen Verschleierungstatbestände gilt es zu ändern. Lösungen, die die GEW Thüringen dem Bildungsministerium vorgeschlagen hat, wären beispielsweise die Schaffung von Arbeitszeitkonten und die planmäßige Mehrarbeit auf freiwilliger Basis. Der Teufelskreis aus Abgeltung von Mehrarbeit durch Zeitausgleich, der wiederum Unterrichtsausfall oder Mehrarbeit produziert, muss durchbrochen werden. Mehrarbeit ist zu vergüten und das ab der ersten angeordneten Stunde. Die Schulaufsicht hat dafür Sorge zu tragen, eine verkappte Pflichtstundenerhöhung zu verhindern, indem es keine  regelmäßige Anordnung von abgeltungsfreier Mehrarbeit gibt.

Eine effektive und an den Schulen wahrnehmbare Personalreserve zur Vermeidung von Unterrichtsausfall ist zu schaffen.

Die Umsetzung der Rahmendienstvereinbarung zum Gesundheitsmanagement sollte eine Pflichtaufgabe der Schulaufsicht auf allen Ebenen werden und entsprechend personell wie finanziell abgesichert sein. Zur Umsetzung gehört, dass Gefährdungsbeurteilungen durchgeführt und daraus entsprechende Maßnahmen abgeleitet und kontrolliert werden.

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Kommentare
Name: Adelheid Krämer
Konferenz zur Arbeitszeit
Hallo liebe Gewerkschaftsmitglieder, voller Spannung habe ich das Interview mit Frau Kilian verfolgt. Leider kann ich alle genannten Punkte bestätigen. Ich bin seit 1981 Lehrerin für Geschichte und Deutsch und arbeite 80 % seit 1991 im Gymnasium. In den letzten 13 Jahren war ich Klassenlehrerin und unterrichtete ich alle Jahrgänge in beiden Fächern bis zum Abitur. Außerdem hatte ich in den letzten Jahren meist verhaltensauffällige Schüler in den Klassen. das steigerte sich bis hin zu 5 Schülern in meiner letzten Klasse. Die Belastungen neben dem Unterrichten haben mich krank gemacht. Die Belastungen der Korrekturen des Abiturs (mündlich und schriftlich), der BLF und der Kompetenzteste in Deutsch , der Erarbeitung der Lernentwicklung, Dienstgespräche mit dem Schulleiter in der Freizeit, ständige Gespräche mit Psychologen und Eltern der verhaltensauffälligen Schüler haben zu einer Überbelastung geführt, die mich dazu zwangen, eine Reha-Kur anzutreten.Von der Schulleitung wurde mir wenig Unterstützung gewährt. Hier sehe ich Gründe, die dazu führen, dass die Lehrergesundheit in unserm Bildungssystem keine Rolle spielt, denn die erfahrenen Kolleginnen und Kollegen sind immer noch die Stütze dieses Systems. Mit freundlichem Gruß! Adelheid Krämer
09.05.2018 - 17:08
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