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GEW vor OrtIst das Sprengelmodell eine echte Alternative?

Schon seit CDU-Zeiten im Bildungsministerium wurde und wird immer wieder in südliche deutschsprachige Regionen geschaut, was dort an Ideen für die Umgestaltung der Thüringer Bildungslandschaft zu finden ist, sei es für das Thema Inklusion oder Kooperationsmodelle für kleine Schulen. Das wollte ich mir selbst anschauen und bin mit einer kleinen GEW-Gruppe von Schulaufsichtler*innen nach Bozen und Brixen in Südtirol im Oktober 2018 unterwegs gewesen. Hier mein Bericht:

01.02.2019 - Steffi Kalupke

Wir besuchten mehrere Schulen und sprachen mit Schulleiter*innen und auch der Referatsleiterin Veronika Pfeifer im Deutschen Schulamt in Bozen, um uns die Vielfältigkeit der Südtiroler Schularten erklären zu lassen. Erstaunlich sind u.a. solche Fakten, dass es 44 Internate gibt, wo Kinder und Jugendlichen zeitweise leben und lernen, egal ob die Eltern wohlhabend sind oder nicht. Die Eltern, oft im Gastronomiebereich arbeitend, können beispielsweise im Kloster Neustift ihre Jungen im pubertierenden Alter zwischen 12-15 Jahren für die Arbeitswoche mit gutem Gewissen unterbringen. Der Staat übernimmt diese Kosten von 420 Euro bei Beantragung, was für die Hälfte der Schüler zutrifft.

  • Elternwille steht an erster Stelle

Auch interessant fand ich, dass sich jedes Kind seine Schule aussuchen darf, egal wo. Aber nach zwei Fehlversuchen in einer Klassenstufe muss ein neuer Schulzweig belegt werden bzw. eine andere Schulart gesucht werden. Spätestens mit 23 Jahren sollte jeder Schüler mit einem Abschluss die Schule verlassen. Der Elternwille steht an erster Stelle - so auch generell bei Kindern im Grundschulbereich. Das Land Südtirol versucht, in jedem Dorf einen Kindergarten und eine Schule unter staatlicher Aufsicht des Bildungsschulamtes vorzuhalten. Diese werden, wenn nötig, über das Sprengelmodell von einer Direktorin geleitet, die nur verwaltungsmäßig tätig ist. Mindestanzahl für eine Grundschule bis einschließlich Klasse 5 sind acht Schüler, wo zwei Lehrer*innen unterrichten. Bei kurzzeitigen Fehlzeiten bis sechs Wochen werden die „Reserven“ aus der eigenen Umgebung gesucht, erst dann kommt es zu Umsetzungen von Lehrer*innen aus anderen Grundschulen des Sprengels.

Der Verdienst unser Kolleg*innen ist nicht besonders gut, gerade einmal um die 2000 Euro im Monat netto. Auch gibt es nicht wenige Seiten- und Quereinsteiger *innen, denen aber gerade für Kinder und Jugendliche mit Handicap Zusatzausbildungen angeboten werden, die dann auch gehalts- und stundenrelevant sind.

  • Warum hat Südtirol neben den kleinen Grundschulen keine eigenständigen Förderschulen?

Die einfach klingende Antwort lautet: Die Familien in den Tälern sind die wirtschaftliche Grundlage für den Erfolg des Landes. Wenn man die Familien in den landwirtschaftlich orientierten Betrieben halten will und die weit auseinander liegenden Dörfer und Täler nicht aussterben sollen, müssen die Bedingungen geschaffen werden. Deswegen werden insbesondere den Kindern mit körperlichen und geistigen Behinderungen gut ausgebildete Pflegepersonen zur Seite gestellt, die zur Entlastung der Familien täglich bis in den Nachmittag in den allgemeinbildenden Schulen tätig sind.

Ich fand diese selbstverständlich stattfindende Inklusionsumsetzung grandios, habe aber auch erfahren, dass die Kinder mit emotionalen Störungen zunehmen und dieses Problem neu angegangen werden muss. Aber es geht in dieser italienischen Provinz generell mehr um die Kinder und ihre Familien als in unserem eigenen Land.

  • Der Blick nach Thüringen

Kooperationsmodelle vorzuhalten ist eine mögliche Variante, um bewusst kleine Grund- und Regelschulen in Thüringen zu erhalten. Dabei spielen neben dem Elternwillen auch die Kommunen eine entscheidende Rolle. Beide sollten wissen, dass Jahrgangsmischungen normal sein könnten und dass es nicht nur Vorteile bringt, die Schule im Ort vorzuhalten. Wenn Lehrer*innen und Erzieher*innen zwischen den Standorten wechseln sollen, sind vernünftige Regelungen zu treffen. Die Anrechnung von Fahrzeiten und des Mehraufwands sollten normal sein.

Prinzipiell gilt: Bei allen möglichen Varianten der Schulstrukturen in Thüringen sind Vor- und Nachteile offen zu diskutieren und Freiwilligkeit geht vor Anordnung.

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