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Interview mit geflüchteten Studierenden: Nach der Flucht - Vorbereitung auf ein Studium

Viele geflüchtete Menschen möchten in Deutschland ihr schon im Heimatland begonnenes Studium fortsetzen oder ein neues Studium beginnen. Auch an den Thüringer Hochschulen gibt es spezifische Angebote für diese Zielgruppe. Neben eingehender Beratung gehören dazu studienvorbereitende Maßnahmen wie z.B. Deutschkurse. Diese werden aus Bundesmitteln über den DAAD im so genannten INTEGRA-Programm bezuschusst. Auch die Hochschule Nordhausen beteiligt sich aktiv daran. Wir sprachen mit vier jungen Syrern: Abdul (27) und Rami (27) leben seit zwei Jahren in Deutschland, Tareq (27) und Amr (20) sind seit gut anderthalb Jahren hier.

06.09.2017 - Das Interview führte Thomas Hoffmann.

  • Warum bzw. wie sind Sie nach Nordhausen gekommen?

Abdul: Ich kam zunächst nach Mühlhausen. Dort erklärte ich einem Sozialarbeiter meine Motivation, zu studieren. Der hat dann an der Hochschule Nordhausen angerufen, und so bin ich hier. 

Tareq: Bei mir war es genauso, auch ich war zuerst in Mühlhausen. 

Amr: Ich habe gezielt nach Hochschulen gesucht, an denen es ein Studienkolleg gibt. Und in Thüringen ist das nur in Nordhausen. 

Rami: Ich war von Anfang an nach Nordhausen zugewiesen, ich habe es mir nicht ausgesucht.

  • Welchen Bildungsabschluss haben Sie schon?

Amr: Ich habe in Syrien Abitur gemacht.

Abdul: Ich habe vier Jahre Wirtschaft studiert in Syrien und war vor meiner Flucht fast fertig mit dem Studium.

Tareq: Ich habe in Syrien einen Abschluss als Bauzeichner, das ist ein zweijähriges Kurzstudium. Der Abschluss ist auch in Deutschland anerkannt.

Rami: Ich habe in Syrien zwei Jahre Jura studiert.

  • Welchen Bildungsabschluss bzw. Beruf streben Sie an?

Amr: Ich möchte in Jena oder Erfurt Politikwissenschaft studieren, erst Bachelor und dann Master. An sich wollte ich ja Schauspieler werden, dann kam aber der Krieg dazwischen. Jetzt brauche ich einen Beruf, von dem ich leben kann.

Abdul: Ich möchte den Bachelor in Betriebswirtschaft an HS Nordhausen machen; da ich in Syrien schon fast fertig mit dem Studium war, möchte ich möglichst viel anrechnen lassen, um schnell fertig zu werden.

Tareq: Ich möchte Bauingenieurwesen an FH Erfurt studieren, 3 bis 4 Semester meines Bauzeichnerstudiums würden anerkannt, so wäre ich schneller fertig (mit dem Bachelor). Vielleicht mache ich danach Master. Am liebsten wäre mir aber ein duales Studium, dann würde ein Unternehmen mein Studium finanzieren und ich bräuchte kein BAföG. Den Kontakt muss ich mir aber selber suchen. Oder ich arbeite neben dem Studium, um mich zu finanzieren. Bloß dauert das Studium dann vielleicht länger. Ich möchte so schnell wie möglich unabhängig von staatlicher Unterstützung sein und für meinen Lebensunterhalt arbeiten.

Rami: Ich werde eine Duale Ausbildung als Zahntechniker machen; das ist mein Berufswunsch, und in Deutschland kann man das nicht studieren. Ich habe einen Ausbildungsplatz in Bad Sachsa gefunden. Dort kann man ganz billig wohnen.

  • Und was machen Sie jetzt hier an der Hochschule Nordhausen?

Abdul: Zusammen mit Tareq besuche ich einen Deutsch-Kurs für Akademiker mit Migrationshintergrund; man muss schon studiert haben, um daran teilzunehmen. Am Ende gibt es eine Bescheinigung, in der die erworbenen Kompetenzen stehen.

Amr: Ich bin im 1. Semester des G-Kurses am Studienkolleg, zuvor habe ich hier schon einen INTEGRA-Deutschkurs gemacht und mit der B1-Prüfung abgeschlossen.

Rami: Ich besuche einen anderen Deutschkurs in Nordhausen, den Kontakt zu den anderen Studenten habe ich über den Internationalen Stammtisch der Hochschule erhalten. Ich habe mich an der Hochschule auch zu Studien- und Ausbildungsmöglichkeiten beraten lassen.

  • Können Sie sich vorstellen, in Nordhausen oder Thüringen zu bleiben, hier zu arbeiten und zu leben? Wie stellen Sie sich Ihr Leben in 10 Jahren vor?

Tareq: Wenn ich hier eine gute Arbeit finde, dann ja; am liebsten bei einem Unternehmen, das nach dem Krieg mit Syrien zusammenarbeitet, um meine sprachliche und kulturelle Kompetenz einzusetzen. Ich kann mir auch vorstellen, eine Firma zu gründen, die mit Deutschland, Syrien und anderen arabischen Staaten zusammenarbeitet; oder die Filiale einer deutschen Firma in Syrien aufbauen.

Abdul: Ja, ich könnte mir vorstellen, hier zu leben und zu arbeiten. Aber am liebsten möchte ich nach Syrien zurück; leider ist dort die Situation immer noch schlecht. Ich möchte zum Aufbau der deutsch-syrischen Beziehungen und der deutsch-syrischen Freundschaft beitragen. Was in zehn Jahren sein wird? Ich lasse es auf mich zukommen, das kann ich nicht planen,

Amr: Als Politikwissenschaftler möchte ich später am liebsten an einer Botschaft arbeiten. Zunächst möchte ich aber in Thüringen bleiben, um meiner neuen Heimat ein bisschen von dem zurückzugeben, was ich hier erhalten habe. In zehn Jahren werde ich dann als Politikwissenschaftler irgendwo in der Welt arbeiten, gerne hätte ich dann die deutsche und die syrische Staatsbürgerschaft.

Rami: Ich möchte nach meiner Ausbildung nach Syrien zurück, sobald es geht. Ich hoffe, dass es nach vier oder fünf Jahren unserem Land wieder besser geht; als Zahntechniker mit deutscher Ausbildung habe ich dort gute Chancen; ich möchte mich gerne selbständig machen.

  • Gibt es Hindernisse auf dem Weg, Ihr Ziel zu erreichen?

Abdul: In Deutschland ist es anders als in Syrien, wir brauchen daher etwas Unterstützung, um zu lernen, wie alles funktioniert.

Tareq: Das Wetter ist schon ein Problem. Manchmal denke ich, die Deutschen haben keine Freude, weil es immer regnet. In Syrien scheint jedoch immer die Sonne. Außerdem sind viele Deutsche zu wenig informiert über andere Länder wie z.B. Syrien; sie haben deshalb Angst vor Ausländern (nicht nur Flüchtlingen).

Rami: Sie haben Angst, weil sie uns nicht richtig kennen.

Amr: Viele Deutsche haben kein Vertrauen in uns. Wenn unsere Mitmenschen uns erst mal kennenlernen, dann ist alles gut. Man muss uns etwas Zeit lassen, um zu zeigen, was wir können. In Syrien sind wir gewohnt, alle Fremden willkommen zu heißen, zumindest war es vor dem Krieg so. In Deutschland sind die meisten Menschen zurückhaltender.

  • Was möchten Sie uns noch sagen?

Abdul: Das Land funktioniert anders als wir es kennen. Zum Beispiel lieben die meisten Deutschen ihre Arbeit und leben dafür; in Syrien steht die Familie an erster Stelle.

Rami: Das stimmt, es gibt wenig soziale Beziehungen zwischen den Menschen: Arbeit – nach Hause – Schlafen – wie Roboter, es ist wenig los.

Amr: In Nordhausen hat man seine Ruhe, da kann man gut studieren. Eine kleine Stadt ermöglicht viel bessere Kontakte als eine große. Ich habe viele Kontakte in Deutschland, so lerne ich die Sprache schnell. Allerdings kann ich mit Umgangssprache auch keine Prüfung bestehen, und mit den Leuten auf der Straße kann ich nicht wie an der Hochschule sprechen. Es gibt große Unterschiede zwischen akademischer Sprache und Umgangssprache.

Abdul: Es gibt auch viele Leute, die nett sind und uns helfen; ich habe zwei sehr gute Freunde gefunden, sie studieren soziale Arbeit hier in Nordhausen. Wir haben hier gute Chancen erhalten. Was schwierig ist, ist zu wissen, welchen Weg wir gehen müssen, um unser Ziel zu erreichen 

Tareq: Es gibt immer Lösungen für Probleme.

Amr: Unser Reichtum ist jetzt, dass wir beide Kulturen in uns haben. Wir sind Deutschland dankbar, dass wir hier bleiben und studieren können; deshalb wollen wir auch etwas zurückgeben. Wir sind auch der Hochschule Nordhausen dankbar, dass sie uns die Chance gibt, uns hier auf das Studium vorzubereiten.

  • Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
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