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Inklusion und wie weiter?

Anmerkungen des Kreisvorstandes Erfurt.

14.04.2016 - Heike Tilch Grundschullehrerin und Vorsitzende des Kreisverbandes Erfurt

Inklusion ist aus meiner Sicht zwingend notwendig. Wir wollen Globalisierung in wirtschaftlichen und ökonomischen Bereichen, das heißt weltweites Agieren und Einflussnahme und da kann man die Augen nicht davor verschließen, wenn in Staaten Menschen, aufgrund ihres „Anders seins“ nicht an dieser Entwicklung teilhaben können und ausgeschlossen werden. Vor diesem Hintergrund sollte man Inklusion sehen. Es gibt nicht nur„Schwarz oder Weiß“. 

Doch wenn ich mir die Umsetzung von Inklusion in der Bildung anschaue,habe ich genau dieses Gefühl. Ich möchte hier nur auf einige,aus meiner Sicht aber wichtige Probleme bei der Umsetzung von Inklusion hinweisen. Ich bemängele gleich zu Beginn, dass in fast allen Bundesländern der Gemeinsame Unterricht als alleinige und einzige Möglichkeit der Umsetzung von Inklusion angesehen und praktiziert wird. In der praktischen Umsetzung werden bundesweit Mängel und Schwachpunkte sichtbar. An dieser Stelle sollten die Verantwortlichen und alle diejenigen, denen das Wohl unserer jungen Generation am Herzen liegt, innehalten. Eine ehrliche Bestandsaufnahme, eine ehrliche Auswertung der von allen so gepriesenen wissenschaftlichen Begleitung ist zwingend erforderlich.

Kritik auf zwei Ebenen

Meine Kritikpunkte sind auf zwei Ebenen zu sehen. Da ist der einzelne Schüler, der individuell die bestmögliche Bildung erhalten soll. Ich frage mich nur, wie der Anspruch bei einem Schüler mit einem Gutachten umzusetzen ist, der im Gemeinsamen Unterricht beschult wird und lediglich in zwei bis drei Unterrichtsstunden in der Woche durch einen ausgebildeten Förderschullehrer Unterricht erhält. Den Rest der Woche ist er in seiner Klasse mit 20 anderen Schülern. Wo ist da die optimale Förderung? Natürlich ist der oder die Grundschullehrerin bemüht, ihm gerecht zu werden. Doch die tagtägliche Situation sieht so aus, dass er oft nicht der einzige Schüler mit Defiziten ist und die Lehrer ihre Arbeitskraft aber nur einmal verteilen können.

Die zweite Seite, die betrachtet werden muss, ist die Ausstattung der einzelnen Schule. Hier ist der Schulträger in der Pflicht. Nicht nur an den Förderzentren, sondern auch an den allgemeinbildenden Schulen sind Bedingungen zu schaffen, die es allen Schüler*innen ermöglichen, dort zu lernen. Außerdem müssen weit mehr Schulbegleiter*innen zur Unterstützung für die betroffenen Schüler*innen zur Verfügung gestellt werden.

Gelingensbedingungen werden nicht geschaffen

Die GEW hat schon vor Jahren sogenannte Gelingensbedingungen aufgestellt. Doch an dieser Stelle hat sich nichts, aber auch gar nichts bewegt. Diese Forderungen gelten natürlich auch auf der personellen und materiellen Ebene. Wer denkt, Inklusion oder genauer ausgedrückt den Gemeinsamen Unterricht, gäbe es zum „Nulltarif“, der kann weiter im Traumland bleiben. Wenn ich den Anspruch habe, jedem Kind und Jugendlichen die optimale Bildung zukommen zu lassen, dann muss ich auch wissen, dass das ohne zusätzliche Ressourcen nicht umzusetzen ist.

Da mein Beitrag zum Gemeinsamen Unterricht als eine Form der Umsetzungder Inklusion kein Buch werden soll, nenne ich nur noch ein paar Stichpunkte, die aber auch bei dieser Problematik zu berücksichtigen sind und da bin ich ganz nah an den Gelingensbedingungen:

  • Gleich als Erstes muss die Ausbildung der Lehrer*innen hinterfragt werden. Neue/andere Strukturen, neue/andere Inhalte und neue/andere Wege sind vor diesem Hintergrund zu erproben.
  • Die Fort- und Weiterbildung der im Dienst befindlichenKolleg*innen, Unterrichtsbedingungen wie die Anzahl der Pflichtstunden,Klassengröße und Besoldung müssen überdacht werden.
  • Und noch ein Hinweis, den ich unbedingt nennen möchte. Wennwir von Inklusion und Arbeit im Gemeinsamen Unterricht reden, dann denkt jeder an Kinder und Jugendliche mit einem Handicap. Doch wir dürfen auf keinen Fall die hochbegabten Schüler*innen vergessen. Auch sie haben ein Anrecht auf individuelle Förderung und bestmögliche Bildung.

Mit den Mitgliedern des Kreisvorstandes Erfurt habe ich diesen Artikel abgestimmt. Im Großen und Ganzen spiegelt er unsere Diskussionen im Zusammenhang mit dem Gemeinsamen Unterricht wider. Oft haben wir auch in den Personalräten auf den verschiedenen Ebenen mit den Auswirkungen zu tun. Immer wieder wenden sich Kolleg*innen mit Problemen an uns, die aus dem Gemeinsamen Unterricht resultieren.

Mut zur offenen Debatte

Wenn jahrelange Forderungen nicht ansatzweise erfüllt werden können, dann muss doch auch der Mut da sein zu sagen: So kann es an dieser Stelle nicht weiter gehen! Wir als GEW vertreten die Interessen unserer Mitglieder und wir denken selbstverständlich auch an unsere Schüler*innen. Das sind zwei sehr wichtige Gründe, ehrlich miteinander umzugehen und hier tätig zu werden.

Wie gesagt, die Inklusion ist ein wichtiger Bestandteil unserer Zeit, aber der Gemeinsame Unterricht wird ihr in seiner derzeitigen Form nicht gerecht und muss dringend überdacht werden. 

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