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Offener Brief eines Kita-ErziehersIn Weimar gibt es momentan sehr großen Unmut im Kollegium der Kindergärten

Offener Brief des Kita-Erziehers Jörg Vetter an das Amt für Familie und Soziales der Stadt Weimar sowie an die Weimarer Kreisverbände der SPD, Bündnis 90/Die GRÜNEN und die LINKE.

04.05.2020 - Jörg Vetter

Sehr geehrte Damen und Herren,

in Weimar gibt es momentan sehr großen Unmut im Kollegium der Kindergärten darüber, wie es um das Thema Kurzarbeit in Kindertageseinrichtungen steht. Die Stadt hat mit Schreiben vom 03.04.2020 eine gültige Finanzierung bis 30.06. 2020 zugesichert - mit Unterschrift von Oberbürgermeister Herr Peter Kleine. Somit war ein Sicherheitsmerkmal durch die Stadt Weimar in diesen unsicheren Zeiten aufgrund der Corona-Pandemie gegeben. Nun wurde aber knapp 3 Wochen später, am 28.04.2020 die Bitte an alle freien Träger von Kindertageseinrichtungen der Stadt Weimar gestellt, doch Kurzarbeit für ihr Personal anzuordnen bzw. zu beantragen. Es wird schon im gleichen Monat verkündet, dass die Zusicherung der Finanzierung nicht gehalten werden kann. Dabei erscheint die Durchführung der Maßnahme „Kurzarbeit“ aus Sicht der Stadt Weimar als dringend notwendig. In einem Beschäftigungssystem, in dem Stundenkürzungen und prekäre Beschäftigungsverhältnisse eher die Norm als die Ausnahme darstellen, schürt die Ankündigung von Kurzarbeit eine noch größere Unsicherheit bei den Kolleginnen und Kollegen der Kindergärten Thüringens.

Die Kinderzahlen nach der Erweiterung der Bedarfsgruppen steigen stetig. In den nächsten Schritten wird eine Annäherung zum Regelbetrieb fokussiert. Die freien Träger haben das Personal vorzuhalten um einen sehr großen Handlungsbedarf abzudecken. Denn täglich, wenn nicht sogar stündlich, werden neue Anforderungen an die Leitungen der Kindergärten heran getragen. Diese haben nur wenig Zeit um dann angemessen darauf zu reagieren. Es wird momentan eine hohe Flexibilität seitens der Politik von Kindergarten und Schulen erwartet. Durch zeitnahe Rückmeldungen an die Ministerien soll ein reelles Handeln ermöglicht und Fehlentwicklungen entgegen gesteuert werden.

Der Kontakt zu den Kindern und Eltern mit dem Kindergarten wird durch verschiedene Aktionen und Telefonate aufrecht erhalten um einen Wiedereinstieg der Kinder in den Alltag zu erleichtern. Der Schutz der Risikogruppen des Personals ist ein weiterer Faktor. Denn ein hoher Altersdurchschnitt  in der Stadt Weimar, aber auch in ganz Thüringen hat zur Folge, dass viele ältere Kolleginnen und Kollegen noch nicht zur Verfügung stehen. All das fordert Ressourcen, die durch Kurzarbeit noch mehr reduziert und verkompliziert werden würden.

Die Finanzierung der Kindergärten ist im Haushalt der Stadt Weimar eingestellt. Doch durch Wegbrechen der Gelder nun die freien Träger und ihre Beschäftigten im „Regen“ stehen zu lassen ist das absolut falsche Signal. Dies bedeutet noch mehr Verunsicherung und noch mehr bürokratischer Aufwand. In Zeiten, in denen sich alle Beschäftigten damit auseinander setzen, wie der Hygieneplan einzuhalten ist, wie der Betrieb mit immer mehr Kindern der Bedarfsgruppen im Sinne des Schutzes der Kinder und Pädagogen gelingen kann etc. ist die Maßnahme der Kurzarbeit mehr als kontraproduktiv und absolut fehl am Platz.

Das Thüringer Bildungsministerium appelliert an alle Kommunen und Städte eine 100%ige  Weiterfinanzierung der Kindergärten zu erhalten! Die nicht eingeforderten Elternbeiträge werden aktuell durch das Land Thüringen getragen. Somit werden die Kommunen und Städte entlastet, da Zusatzkosten durch wegbrechende Elternbeiträge anfallen würden.

Im Gegensatz zu einigen kulturellen Einrichtungen, dessen öffentlicher Betrieb ruhen muss, haben wir keinen Arbeitsausfall. Ganz im Gegenteil nimmt die Arbeit nun rasant wieder an Fahrt auf. Es ist schon jetzt in einigen Einrichtungen die Höchstanzahl an Kindern zur Notbetreuung ausgereizt.

Kurz gesagt die Kinderzahlen in den Einrichtungen steigen stetig und wir sollen Kurzarbeit machen. Wir, die Kolleginnen und Kollegen der Kindergärten, möchten gern die Widersprüchlichkeit vom Amt für Familie und Soziales der Stadt Weimar erklärt bekommen.

Auch die daraus folgende zusätzliche und unnötige Belastung der Agentur für Arbeit, die jetzt mit Kurzarbeit denjenigen helfen soll und will, die härter von der Corona-Pandemie durch Wegfall von wichtigen Aufträgen etc. betroffen sind, ist in meinen Augen vermeidbar.

Auf Ihre Rückmeldung freue ich mich sehr und verbleibe mit freundlichen Grüßen

Jörg Vetter

Erzieher im Kindergarten „Benjamin Blümchen“

Stadt Weimar