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Demokratiebildung und -erziehung aus Elternsicht„In der Theorie zu spät und in der Praxis kaum vorhanden.“

Fragen an Kathrin Reinhardt, Elternsprecherin Grundschulen Westthüringen, über Demokratieerziehung an Schulen. Sie hat zwei Kinder im schulpflichtigen Alter: Grundschule, 3. Klasse und Gymnasium, 6. Klasse.

05.04.2019 - Die Fragen stellte Kathrin Vitzthum.

  • Frau Reinhardt, Minister Holter hat in seiner Amtszeit als KMK-Präsident das Thema Demokratiebildung zum Schwerpunkt gemacht. Wie schätzen Sie die Situation an Thüringer Schulen ein?

Kurz gesagt: In der Theorie zu spät und in der Praxis kaum vorhanden. Deshalb unterstütze ich die Forderung des Bildungsministers, besonders wenn es darum geht einzelne Inhalte in den verschiedenen Fächern zu behandeln, wie es jetzt bereits im Bereich Medienkunde geschieht. Demokratiebildung ist ja tatsächlich viel mehr als Fakten über das Wahlsystem zu lernen – und nach der Arbeit dann wieder zu vergessen. Am wichtigsten für die Demokratiebildung ist aus meiner Sicht das Sammeln von eigenen demokratischen Erfahrungen. Die sollten sich nicht auf die Wahl eines Klassensprecher oder einer Klassensprecherin am Anfang des Schuljahres beschränken. Dafür fehlt es dann aber in der Tat häufig an Zeit. Da finde ich das Konzept der Klassenleiterinnenstunde und damit verbunden des Klassenrates sehr gut. 

  • Das Label „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ bringt Schulen dazu, sich mit Fragen von Rassismus, Sexismus und Antisemitismus auseinander zu setzen. Reicht das aus oder muss an Schule mehr geschehen, als nur Projekte zu gestalten?

„Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ kann ein Mittel sein, um sich mit den genannten Punkten zu beschäftigen. Aber nur, wenn mehr getan wird, als die formalen Kriterien dafür in Form von Unterschriftenliste, dem Finden eines Paten oder einer Patin und einer Aktion gegen Diskriminierung im Jahr zu erfüllen. Statt einzelnen Projekten würde ich mir hier eher verpflichtende Weiterbildungen für Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher wünschen. Diese sollten sie in Bezug auf Rassismus, Sexismus oder Antisemitismus sensibilisieren und Möglichkeiten aufzeigen, wie damit umgegangen wird und wie das altersentsprechend im Unterricht oder in der Nachmittagsbetreuung thematisiert werden kann.

Und natürlich braucht es die Umsetzung im Unterrichtsalltag. Da gehört die Anleitung zu einem guten Miteinander ebenso dazu wie das Lernen von Diskussionsregeln, eine Auseinandersetzung mit dem aktuellen Geschehen im Wohnort, Deutschland oder der Welt oder das Einladen von Politikerinnen und Politikern nicht nur zu Wahlkampfzeiten, sondern zum Beispiel auch dann, wenn im Rathaus oder Landtag Themen diskutiert werden, die die Schülerinnen und Schüler selbst betreffen. 

  • Welche Erwartungen haben Sie als Elternsprecherin an Schule oder auch konkret an Lehrer*innen, wenn es um Fragen der Demokratiebildung geht? Wie erleben Sie den Umgang mit rassistischen, antisemitischen oder sexistischen Vorfällen in der Schule selbst? Inwieweit wird auf Vorfälle eingegangen, die außerhalb der Schule geschehen? Erleben Schüler*innen und Eltern, die Probleme ansprechen, die entsprechende Unterstützung?

Ich würde mir wünschen, dass Demokratiebildung als elementarer Lerninhalt begriffen wird, wenn es darum geht, junge Menschen fit für das Leben nach der Schule zu machen. Es ist eben immer noch ein Lehr- und Erziehungsauftrag. Dazu gehört besonders der Umgang mit Rassismus, Sexismus und Antisemitismus im Alltag. Das sind für mich Dinge, die absolut nicht akzeptiert oder relativiert werden dürfen. 

Letzteres habe ich gerade an der Schule meines ältesten Sohnes erlebt. Da wurden im Klassenchat rassistische Nachrichten verschickt und die Reaktion darauf war zunächst eine E-Mail an die Eltern mit der Bitte, das mit ihren Kindern zu thematisieren. Immerhin hat sich die Klassenlehrerin Zeit in ihrem Fachunterricht freigemacht und gemeinsam mit der Sozialarbeiterin noch einmal allgemein über Beleidigungen und den Umgang miteinander gesprochen. Und auch das ist schon nicht selbstverständlich. Dabei halte ich ein Thematisieren solcher Vorkommnisse im Klassenverband für  esentlich hilfreicher als das Verhängen von Strafen. Auch weil so alle etwas daraus lernen: Die einen, warum rassistische Äußerungen nicht hingenommen werden können und die anderen, dass sie  zukünftig darauf reagieren sollen und wie sie das tun können. Doch gerade, wenn Probleme zwischen Schülerinnen und Schülern außerhalb der Unterrichtszeiten auftreten, sehen sich Eltern damit zu oft alleine gelassen, weil formal keine Zuständigkeit der Schule besteht. Für die Kinder und Jugendlichen gibt es diese Trennung aber nicht.

  • Frau Reinhardt, zum Schluss: Was können aus Ihrer Sicht Eltern und Schulen gemeinsam leisten, um echte Demokratie zu leben?

Sich über das gemeinsame Ziel klar werden: Junge Menschen bereit für ein selbstbestimmtes Leben zu machen. Und darüber immer wieder in Kontakt bleiben – nicht erst, wenn es Probleme gibt oder das Lernentwicklungsgespräch abgehakt werden muss. Eltern mit ins Boot holen und ihnen mitteilen, was erreicht werden soll, damit sie das zu Hause unterstützen können.

Und weil das jetzt die ganze Zeit so klang, als müsse nur die Schule was für die Demokratiebildung tun: Für Eltern gehört da auch dazu Demokratiebildung nicht nur von der Schule zu fordern, sondern zu Hause selbst vorzuleben. Kinder mitbestimmen lassen, gemeinsam zum Beispiel Aktivitäten planen und sich mit ihnen gemeinsam über das zu unterhalten, was vor der eigenen Wohnungstür geschieht. Und vielleicht auch selbst mit gutem Beispiel voran gehen und sich engagieren, damit die Kinder sehen, dass man selbst etwas bewegen kann, wenn man nicht nur auf der Couch sitzt und meckert. Demokratie leben halt.

  • Vielen Dank.
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