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Bilanz eines Berufsschullehrers„Ich habe die DDR überlebt – und auch die BRD. Und ich bin Gewerkschafter!“

Die Bildungspolitik der 16 Bundesländer ist ein großes Experimentierfeld der Politik. Nur selten wird dabei im Interesse unserer Kinder gehandelt. Kurz nach Eintritt in den Ruhestand muss ich über meine Erfahrungen als Berufsschullehrer bilanzieren: Ich fühle mich verraten und verkauft!

07.02.2020 - Jochen Weiß

Einige ungelöste Fragen, Probleme und Bilanzen aus meinem Berufsschullehrerleben (wobei es längst nicht alle sind):

  • Selbst die A 14 bei den Berufsschullehrer*innen wird das Personalproblem nicht lösen.
  • Die Verbeamtung führt zur Widerspruchslosigkeit des Lehrkörpers!
  • Die Hierarchie funktioniert nur von oben nach unten!
  • Polytechnik darf es nicht genannt werden, aber Projekt!
  • Wie wird ein Klassenbuch geführt – es gibt Hunderte von Möglichkeiten. Welche praktizierst Du?
  • Die DS GVO (Datenschutzgrundverordnung) gilt seit Sommer 2018 – die Verordnung trat aber erst im Herbst 2019 in Kraft, d. h. jeder macht es, wie er es für richtig hält. Wenn überhaupt!
  • Die Klassenleiterstunde ist seit bald 30 Jahren eine Forderung an die Politik, aber sie stand noch nie auf der Tagesordnung.
  • In Österreich geht ein Drittel eines Jahrganges ans Gymnasium,  das ist vorbildlich!
  • Wer kontrolliert die BS im Schulamt West – keiner, noch nicht einmal die ÖPR‘s; Artikel in der DHZ – Schulamt Süd reagiert sofort – Lehrer dürfen weder hören, noch sehen und schon gar nicht frei sprechen!
  • Es ist im Bildungssystem in der BRD nicht möglich, seinen Nachfolger einzuarbeiten!
  • Berufsschullehrer*innen müssen mindestens 7 Jahre universitär ausgebildet werden, aber das soll nicht planbar sein?
  • Seiteneinsteiger*innen dürfen nur beschäftigt werden, wenn man ihnen eine gehaltsrelevante Ausbildung zu einem Berufsschullehrer ermöglicht – aber es muss getan werden!
  • Ich prophezeihe den Niedergang der Berufsschulen in ca. 10 Jahren. Es sei denn, man findet einen Berufsschullehrer, der digital unterrichtet in Thüringen. Das wird dann wesentlich preiswerter, oder?
  • Eine demokratische Ferienregelung ist nicht möglich- und das liegt u. a. an Bayern und Baden-Württemberg. So wird aus einem nationalen Bildungsrat ein Länderbildungsrat!
  • Kein*e Schulleiter*in in Thüringen hat ein Schreiben aus dem TMBJS in den Händen, indem von Lehrer*innen in Prüfungskommissionen, bei Leistungsvergleichen auf Landesebene bzw. Bundesebene als schulische Aufgabe die Rede ist!
  • Es gibt nach wie vor die unterschiedlichsten Auslegungen zu gehaltenen Unterrichtsstunden. Es hängt stark von der Berufsschulleitung und vom Schulamt ab – wozu gibt es das TMBJS?
  • Wozu braucht ein*e Elektroniker*in Physik, einen allgemeinbildenden Schulabschluss, Schreiben, Lesen und Rechnen. Man braucht doch nur zu arbeiten, den Rest erledigt die Schule!
  • Ich habe gelernt, dass eine Weiterbildung möglichst nichts kosten darf – weder Kilometergeld, noch Essengeld, noch Referentengeld. Eine betriebliche Weiterbildung ist viel zu teuer!
  • Die Qualitätsinitiative der Berufsschulen führt gleichzeitig zu einem Pilotprojekt an der Berufsschule Sonneberg. Aber alle Schulen müssen gleichzeitig ihre Anforderungen bei den Landratsämtern zu Papier bringen. Ist das nicht doppelte Arbeit?
  • Die Hälfte der digitalen Mittel des Bundes ist für die Berufsschulen vorgesehen!
  • Das kommunale Bildungsmanagement Mitteldeutschlands verschlingt seit Jahren Millionen von Euros, ohne das die Kammern bzw. Schulen mit einbezogen werden.
  • Das Azubi-Ticket gibt es nach wie vor nicht für ganz Thüringen. Verantwortlich dafür: Frau Schweinsburg.
  • abH (ausbildungsbegleitende Hilfen für Auszubildende) gibt es in Südthüringen – und wo noch?
  • Ein Asylbewerber musste während der Probezeit umziehen, um seine Fahrerlaubnis machen zu dürfen. Das Ausländeramt war uninteressiert, die Kammer uninteressiert, aber eine Landtagsabgeordnete hat sich im Hintergrund darum gekümmert und ich als Lehrer habe es trotzdem geschafft. Das Ausbildungsverhältnis existiert heute noch!
  • 16 unterschiedliche Bildungssysteme führen nicht zu einem der besten Bildungssysteme, sondern nur zu unterschiedlichen Begriffen z. B. bei den Schulformen. Das nenne ich Kleinstaaterei.
  • Hoffentlich ist es noch nicht zu spät, um die Berufsschullehrer* innen an den Universitäten für die Zukunft auszubilden, aber auf die erfahrenen Lehrer*innen wird man nicht mehr zurückgreifen können. Die Verantwortlichen müssen umgehend handeln!
  • Der gegenwärtige Minister weiß, woran das Bildungssystem in Thüringen krankt. Er hat schon mehrere meiner Fragestellungen erhalten, aber die Staatssekretärin bewegt sich so gut wie nicht!
  • Es gibt viele Lehrer*innen, die ihren Frust bei mir als Gewerkschafter abgelassen haben. Sie haben es aber schon vor Jahrzehnten aufgegeben, gegen „Windmühlen“ zu kämpfen.
  • Die Fragen, die gestellt werden, und die Probleme, die benannt werden, dürfen nicht weiter ignoriert werden. Stattdessen müssen sie aufgegriffen und einer Lösung zugeführt werden – das entzieht der AfD ihr Wählerpotential.
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