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„Hier gibt es Lehrer zum Anfassen!“ – Die Thüringer Gemeinschaftsschule "Am Inselsberg" Tabarz

Mit Beginn des Schuljahres 2015/16 wurden aus der Grundschule und der Regelschule Tabarz eine Gemeinschaftsschule (TGS) von Klasse 1-10, derzeit mit 283 Schülern. „Eine TGS ohne Ganztagskonzept geht nicht“, ist die engagierte Schulleiterin Frau Geißler überzeugt und hat mit ihrem Team das bereits in der Regelschule erprobte Konzept einer gebundenen Ganztagsschule speziell für Klasse 5 und 6 weiterentwickelt.

17.02.2017 - Kristina Argus und Andreas Heimann

Wir besuchten diese Schule am 3. Januar 2017, um mit der Schulleitung über die Gründe der Entstehung und die Entwicklung ihrer TGS zu sprechen. Neben inhaltlichen und pädagogischen Aspekten interessierte uns aus gewerkschaftlicher Sicht aber auch der Arbeitsaufwand für die Kolleginnen und Kollegen und die Voraussetzungen für das Gelingen eines Ganztagskonzeptes. Die Schulleitung sieht als wichtigste Grundlage ein motiviertes Team, das bereit für Veränderungen ist, die zwar mit mehr Arbeitsaufwand verbunden sind, die sich aber für die ganze Schule auszahlen: für Schüler*innen, die sich mit ihrer Schule verbunden fühlen, für Lehrer*innen und Erzieher*innen, die sich Zeit nehmen, zuzuhören und so Kontakte auch außerhalb des Unterrichtes zu ihren Schülerinnen und Schülern pflegen können und für Eltern, die sich um die ganztägige Betreuung ihrer Kinder keine Sorgen zu machen brauchen. Ein Beleg dafür, dass das Ganztagskonzept ankommt, war unlängst die Begegnung Frau Geißlers mit einem ehemaligen Schüler anlässlich eines Schulfestes. Der sagte: „Hier gibt es Lehrer zum Anfassen!“ Auch das ist ein Grund, weshalb sich zunehmend Eltern bewusst für eine Anmeldung ihrer Kinder an der TGS Tabarz entscheiden. Bei der ganztägigen Betreuung muss die Schule allerdings oft auch Erziehungsaufgaben übernehmen, zu denen die Eltern nicht oder nur unzureichend in der Lage sind. Auch wenn eine Ganztagsschule nicht alle Probleme lösen kann, der Schulalltag wird ruhiger und entspannter mit zufriedeneren Schüler*innen und Lehrer*innen.

Wie wird der ganze Tag an der TGS Tabarz gestaltet?

Bei der Planung und Organisation des Ganztagskonzeptes musste nicht alles neu erfunden werden. Nach mehreren Fortbildungen u. a. bei Schulen mit entsprechenden Erfahrungen, entwickelten sich folgende Schwerpunkte:

  • Der Unterricht wird in 3-4 Blöcken von jeweils 80 Minuten (ohne störendes Klingelzeichen) zugunsten methodischer Vielfalt, die insbesondere den 1-Stunden-Fächern zugutekommt, durchgeführt. Die Rhythmisierung des Unterrichtes kommt bei den Schüler*innen und Lehrer*innen sehr gut an. Die Blöcke entsprechen allerdings nicht vergleichbaren Doppelstunden. Wo stecken die jeweils fehlenden restlichen 10 Minuten?
    ZeitBezeichnungDauer
    07:45-09.05Block 180 min
    Hofpause20 min
    09:30-10:50Block 280 min
    Pause10 min
    11:00-12:20Block 380 min
    Mittagspause35 min
    13:00-13:50Lernzeit50 min
    Pause10 min
    14:00-14:407. Stunde40 min
    14:00-15:20Block 480 min
  • „Hausaufgaben sind überholt“, ist sich Schulleiterin Frau Geißlersicher und weiß ihr Team hinter sich. Die Schule hat zur Vertiefung des Unterrichtsstoffes und zur Förderung des unterschiedlichen Leistungsniveaus für alle Fünft- und Sechstklässler von Montag bis Donnerstag nach der Mittagspause (Verpflegung und Spiel) jeweils von 13:00 bis 13:50 Uhr die sogenannte Lernzeit verpflichtend eingeführt. Am Montag erhalten die Schüler*innen für diese Lernzeit einen Wochenplan. Insbesondere für Mathematik, Deutsch und Englisch, aber auch wechselnd für die Nebenfächer gibt es Pflicht- und Zusatzaufgaben auf verschiedenen Levels. Die Schüler*innen schätzen die Erreichung der Ziele selber ein und legen den Wochenplan am Donnerstag Lehrern und Eltern zur Unterschrift vor. Die Lehrer*innen kontrollieren die Aufgaben stichprobenartig oder komplett, um den Schüler*innen einerseits so eine Rückmeldung über ihre Lernzuwächse zugeben andererseits eine Verbesserung ihrer Zensuren zu ermöglichen.
  • Ein weiterer Schwerpunkt des Ganztagskonzeptes sind die Arbeitsgemeinschaften (AG), die von den Lehrern angeboten werden. Einmal wöchentlich finden u. a. statt: Chor, Ballsport, Schwimmen, Geschichts-AG und Spiele-AG. Für die Klassen 1 bis 6 unterstützen Vereine und der Jugendpfleger des Ortes die Schule mit weiteren Angeboten wie Schach, Handball, Trachtentanz und Yoga. Alles kostenfrei für die Schüler. Nach 3 Wochen „schnuppern“ am Anfang des Schuljahres nehmen die Schüler*innen der TGS dann verpflichtend an einer AG teil.

Bei unserem Schulbesuch konnten wir einen Blick in den Computerraum werfen, wo gerade die „denkmal aktiv“-AG mit 12 Schüler*innen und der Geschichtslehrerin Frau Bauer zu Kirchen in Tabarz recherchierten und einen Zeitungsartikel vorbereiteten. Geplant ist demnächst ein Besuch eines Restaurators. Die Kosten dafür werden wie bereits bei mehreren Erkundungen (Dom in Erfurt, Naumburg) aus finanziellen Zuwendungen nach einer Bewerbung bei „denkmal aktiv“ bestritten.

Das Ganztagskonzept der TGS hat mit guten Ideen und viel Engagement der Kolleg*innen begonnen und ist von Schüler*innen, Lehrer*innen, Erzieher*innen und Eltern gut angenommen worden. Positiv zu erwähnen ist, dass es nach erfolgreicher Bewerbung schon zweimal eine finanzielle Unterstützung in Höhe von jeweils 1500,- Euro für die Umsetzung des Ganztagskonzeptes vom Landratsamt gab.

Fehlendes Personal und Abordnungen verhindern Umsetzung des Konzepts

Aber sobald personelle Engpässe, insbesondere durch Langzeiterkrankungen entstehen, kommt die Schule an ihre Grenzen. Auf eine Vertretungsreserve kann die Schule nicht zurückgreifen. Die zusätzlichen 20 Lehrerwochenstunden (LWS) für die TGS im Aufbau und 10 LWS für die Umsetzung der Ganztagsschule können dann nicht in vollem Umfang genutzt werden, denn die Unterrichtsabsicherung geht vor. Zurzeit können nur 11 von 20 LWS bzw. 5 von 10 LWS genutzt werden. Aber auch ohne Krankheitsfälle wären für eine Ganztagsbetreuung mindestens 20-25 LWS notwendig, schätzt die Schulleiterin Frau Geißler ein.

Als äußerst kontraproduktiv bewertet die Stellvertreterin Frau Herzog die zunehmende Praxis der Abordnungen. „Die Schule braucht Verlässlichkeit und Kontinuität bei der Personalplanung, damit die TGS als Ganztagsschule funktionieren kann.“ Außerdem sei es an der Zeit, so Frau Herzog, dass die Arbeitszeit für Lehrer neu definiert wird, eventuell ganz neue Arbeitszeitmodelle greifen. Ganztagsbetreuung ist nun mal weit mehr als nur Unterricht. Regelmäßig notwendige Teamabsprachen und der organisatorische Aufwand, um nur zwei Punkte zu nennen, sind auch Arbeitszeit.

Nichtdestotrotz lassen sich die Kolleg*innen nicht von Problemen abhalten an der weiteren Entwicklung der Ganztagsschule zu arbeiten. Nächstes Ziel ist die Einführung des Blockunterrichtes in den Klassen 1 bis 4. Damit wären die Pausenzeiten für alle gleich, Lehrer*innen und Erzieher*innen könnten besser zusammenarbeiten, Erzieher*innen im Unterricht mit eingesetzt werden und damit auch deren Beschäftigungsumfang erhöht werden. Das ist übrigens auch ein Schwerpunkt der GEW Thüringen.

Fazit

Wir haben bei unserem Besuch gesehen – Ganztagsschule bringt Schüler*innen, Lehrer*innen, Erzieher*innen und Eltern einen Mehrwert. Es bedeutet aber auch Wille, Motivation und hohes Engagement der an Schule Tätigen. Um dies zu erhalten, müssen die Rahmenbedingungen stimmen! Insbesondere sind dies ausreichend qualifiziertes Personal durch Einstellung junger Kolleg*innen, die Einrichtung einer tatsächlich verfügbaren Vertretungsreserve und die Anrechnung des zusätzlichen Arbeitsaufwandes in die Arbeitszeit.

Wir bedanken uns für das interessante und informative Gespräch mit der Schulleitung und wünschen weiterhin viel Erfolg bei der Entwicklung der TGS Tabarz als Ganztagsschule!

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