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Demokratieerziehung von außerhalbHat das Land bei der Demokratieförderung die eigenen Institutionen vergessen?

Ist also gerade dort, wo das Lernen verantwortet wird, etwa vergessen worden, dass man Demokratie nicht nur lernen kann, sondern dass man sie auch lernen muss, am besten überall und am allerbesten in der Praxis?

09.04.2019 - Uwe Roßbach

Demokratie ist bekanntermaßen eine der gesellschaftlichen Organisationsformen, die gelernt werden kann. Insofern ist es sehr begrüßenswert, dass die Thüringer Landesregierung mehr als drei Millionen Euro und damit deutlich mehr Mittel als früher für diese Lernprozesse zur Verfügung stellt.

Das derzeitige Thüringer Landesprogramm „Denk Bunt“ hat viel in Bewegung gebracht, was Gewerkschaften seit Langen forderten. Auch das klare Bekenntnis, diese Förderung auf Dauer zu stellen, kann man kaum kritisieren. Immerhin ermöglichen diese Mittel, dass sich die Gesellschaft über die Gefahren, die der Demokratie drohen, selbst aufklärt. Darüber hinaus wird es möglich, uneingelöste Demokratieversprechen oder demokratisierungsresistente Räume zu identifizieren. Dies alles geschieht im Rahmen der unterschiedlichsten Projekte. Dass diese auch noch wissenschaftlich begleitet und evaluiert werden, trägt viel dazu bei, dass die geförderten Konzepte und Projekte über die Jahre hinweg qualitativ besser wurden. Insofern hat Helmut Holter Recht, wenn er vermeldet, hierbei handele es sich um „eine Investition in lebendige Demokratie“.

Diese demokratische Lebendigkeit vermisst man allerdings weitgehend beim Umgang mit dem eigenen Verantwortungsbereich. Zwar sind alle Fachressorts an der Überwachung und Kontrolle des Landesprogramms beteiligt und senken bei Anträgen und Projekten auch schon mal den Daumen. Aber sie geben keine Auskunft über die Aktivitäten, die sie selbst in ihren Verantwortungsbereichen unternehmen, was sie wie mit wem gegen oder für was zu tun gedenken oder getan haben. Das ist die absolute Leerstelle bzw. die fehlende Lehrstelle. Darüber hinaus hat es hinsichtlich der Demokratieerziehung in der Schule in den letzten Jahren keine breit angelegten und klar sichtbaren Anstrengungen, geschweige denn wahrnehmbare Fortschritte gegeben. Aber gerade dort wäre es nicht nur notwendig, sondern auch möglich.

Deshalb ist es auch wenig verwunderlich, wenn Lehrer*innen, Polizist*innen und Verwaltungsangestellte Klage führen, sie seien auf die Herausforderung eines demokratischen Aufbruchs innerhalb der Institutionen schlecht vorbereitet, bekämen kaum Unterstützung „von oben“, fühlen sich als Engagierte im Landesdienst alleine gelassen. Leitbilder würden zwar en gros verabschiedet, Unterstützungssysteme und Qualifizierungen dafür aber kaum existieren. Oder Vorgesetzte gäben zu verstehen, dass andere Prioritäten Vorrang genössen.

Im Prinzip sollte das Gesamtkonzept „Landesprogramm“ eigentlich langfristig an seiner eigenen Überflüssigmachung mitarbeiten. Die Idee war – v. a. als die derzeitigen Regierungsparteien noch in der Opposition waren – autoritäre und hierarchische Mentalitäten in den Landesinstitutionen in demokratische und offene zu verwandeln. Um damit demokratisches Potenzial zu stärken. Und demokratische Verhaltensweisen und Handlungsnormen überall im Regelvollzug zu etablieren. 

Hierüber fehlt jegliche Bilanzierung, Evaluation, meist sogar auch nur der Ansatz eines Konzepts. Das ist die Schwachstelle jener „Investitionen in die lebendige Demokratie“: Ist also gerade dort, wo das Lernen verantwortet wird, etwa vergessen worden, dass man Demokratie nicht nur lernen kann, sondern dass man sie auch lernen muss, am besten überall und am allerbesten in der Praxis?


  • Auszeichnung für das jahrelange couragierte Engagement für Demokratie und Zivilcourage

Dem Netzwerk für Demokratie und Courage e.V. (NDC) wurde am 10. März 2019 als Auszeichnung für die jahrelange Arbeit der freiwillig engagierten und hauptamtlichen Mitarbeiter*innen, die sich für mehr Zivilcourage und ein demokratisches Miteinander in unserer Gesellschaft einsetzen, die Buber-Rosenzweig-Medaille verliehen.

Neben der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA e.V.) wurde in Nürnberg auch dem NDC im Rahmen der feierlichen Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit unter dem Motto „Mensch, wo bist Du? Gemeinsam gegen Judenfeindlichkeit“ die Auszeichnung überreicht. Die Buber-Rosenzweig-Medaille wird seit 1968 durch den Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (DKR) verliehen. Auch in Thüringen ist das Netzwerk aktiv und wird getragen von Gewerkschaften und politischen Jugendorganisationen. Zur Zeit sind etwa 80 freiwillig Engagierte tätig, die von einem kleinen hauptamtlich beschäftigten Team, das bei Arbeit und Leben Thüringen angesiedelt ist, koordiniert werden. Das Netzwerk existiert in Thüringen seit 2001 und realisiert derzeit bis zu 230 Projekttage im Jahr an allen Schularten. Den Schulen werden 11 unterschiedliche Projekttagskonzepte für alle Schulklassen ab der Klassenstufe 5 bis hin zu Lehrer*innenfortbildungen angeboten  – so beispielsweise „Alles nur Bilder im Kopf? Ein Projekttag zu Diskriminierung von Rassismus betroffenen Menschen und couragiertem Handeln“ oder „Das WIR macht den Unterschied. Ein Projekttag zu Gerechtigkeit, Diskriminierung, Klassismus und solidarischem Miteinander“.

Das Thüringer Bildungsministerium finanziert die Arbeit des Trägers und des Netzwerks seit 2015 aus Mitteln des Landesprogramms Denk Bunt.

Kontakt per E-Mail: erfurt(at)netzwerk-courage(dot)de oder per Telefon: 0361 · 565 73 21

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