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Kinder vor Diskriminierung schützenGute Feedbackkultur

Wie können Kitas mit Diskriminierung von Kindern umgehen? Ein Gespräch mit zwei Expertinnen von KiDs (Kinder vor Diskriminierung schützen) an der Berliner Fachstelle Kinderwelten für vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung.

15.06.2020 - Interview: Anja Dilk, freie Journalistin

  • E&W: Drei Jahre lang haben Sie im Modellprojekt „Antidiskriminierung als aktiver Kinderschutz in der Kita“ vier Einrichtungen dabei begleitet, sensibler im Umgang mit Diskriminierung zu werden. Warum?

Berit Wolter: Weil überall in Kitas diskriminierende Situationen entstehen können. Zum Beispiel, wenn ein Lied von Menschen mit zwei Armen und Beinen erzählt, aber das für ein Kind aus der Gruppe nicht zutrifft, wenn der „Hautfarbenstift“ im Bastelraum blassrosa malt, wenn ein Kind nicht an einem Ausflug teilnehmen kann, weil der Familie das Geld fehlt.

Anne Backhaus: Diskriminierung wegen sozialer Herkunft spielt eine große Rolle. Wer hat besonders tolles Spielzeug, wer hat was in der Brotdose, wer wohnt wie, wer feiert wie den Kindergeburtstag?

Wolter: Kinder bekommen schnell mit, wo es Unterschiede zwischen ihnen gibt. Wer kommt in einem Kinderbuch vor? Wie sprechen Eltern über andere, vor allem über Gruppen? Die kindliche Sicht auf die Welt konstruiert sich viel durch Beobachtung. Wenn immer Mütter angesprochen werden, sobald es um Klamotten oder Pflege geht, verfestigt sich der Eindruck: Ah, so etwas ist Frauensache. Pädagogische Fachkräfte sind darüber oft erschrocken.

  • E&W: Das heißt, sie merken nicht, welchen Anteil sie an solchen Bildern haben?

Backhaus: Ja, dabei senden Erwachsene viele unbeabsichtigte Signale aus. Wenn sie von dunkelhäutigen Kindern eher aggressives Verhalten erwarten, von Mädchen eher Zickigkeit, von Jungs eher Stärke, gucken sich die Kinder das ab. Für sie ist die Kita ein primärer Lernraum für soziale Bewertungen. Deshalb müssen wir Fachkräfte unterstützen, ihre Antennen zu schärfen.

  • E&W: Seit 2012 sind laut Paragraf 45 Sozialgesetzbuch VIII alle Träger verpflichtet, Beschwerdeverfahren zu entwickeln, die es Kindern leichter machen, sich kritisch zu äußern ...

Backhaus: … und viele Einrichtungen haben sich hektisch an die Umsetzung gemacht, ohne sich systematisch damit auseinanderzusetzen, was für ihre Kinder in der spezifischen Situation der Einrichtung sinnvoll wäre.

  • E&W: Wie geht es besser?

Wolter: Zunächst sollten Teams die Vielfältigkeit von Beschwerdeformen anerkennen. Schon lange bieten Leitungen Sprechstunden an, stellen Beschwerdeboxen auf oder hängen Mal-Pinnwände auf. Doch welches Kind nutzt so was? Die Schwelle ist viel zu hoch ...

Backhaus: … und nur in den seltensten Fällen beschweren sich Kinder explizit. Erwachsene müssen erkennen lernen, wenn sich Kinder diskriminiert fühlen. Kinder beschweren sich oft durch Schreien, Beißen, Weggucken, Weggehen, Verstecken, das Gesicht verziehen oder bekommen Bauchschmerzen. Die Beschwerdeformen hängen von den Möglichkeiten und Vorerfahrungen des Kindes ab. Zählt seine Meinung zu Hause, traut es sich zu zeigen, wenn es wütend ist? Gut ist es, im Team regelmäßig zu überprüfen: Wie geht es jedem Kind, was will es uns mit seinem Verhalten sagen?

Wolter: Hilfreich sind dabei Leitfragen wie: Welche Kinder beschweren sich auf welche Weise, welche nie? Über welche Themen beschweren sie sich nicht, obwohl das Team hier mögliche Beschwerdegründe sieht? Auf welche Beschwerden gehen Fachkräfte wie ein, welche werden unabsichtlich übersehen oder falsch interpretiert?

  • E&W: Es braucht also eine gute Feedbackkultur?

Wolter: Unbedingt. Auch, weil manche Beschwerdeformen mehr Aufmerksamkeit bekommen als andere. Ein stiller Rückzug wird leicht übersehen, laute Wut oft nicht als Beschwerde betrachtet, die selbstbewusste Unmutsäußerung eines Kindes in gutem Deutsch dagegen eher ernst genommen.

Backhaus: Und im Team kann man sich respektvoll darauf aufmerksam machen: Hey, heute Morgen warst du aber ganz schön harsch zu Finn, kann es sein, dass seine Wucht dir manchmal auf die Nerven geht? Fachkräfte sollten auch Kinder direkt ermutigen: Womit fühlst du dich nicht wohl, raus damit.

  • E&W: Und wenn die Beschwerde raus ist?

Backhaus: Dann darf sie auf keinen Fall versanden, sonst wird sich ein Kind vermutlich nicht ein zweites Mal bei Problemen an einen Erwachsenen wenden. Eine Beschwerde muss Konsequenzen haben, die für das Kind erkennbar sind. Wie das im Einzelnen aussieht, hängt vom Kind ab. Will es, dass seine Beschwerde im Morgenkreis angesprochen wird? Wünscht es sich, dass die Fachkraft alleine mit dem- oder denjenigen spricht, die die Beschwerde ausgelöst haben? Soll öffentlich gar nichts passieren und das Kind möchte nur Beistand? Dann muss die Fachkraft signalisieren: Okay, du entscheidest, ich bin jederzeit für dich da. Erst wenn das Kind zeigt, ich bin zufrieden, ist eine Beschwerde zu Ende bearbeitet.

Wolter: Solche Prozesse funktionieren nur, wenn eine Kita eine diskriminierungskritische Beschwerdekultur aufbaut und ständig weiterentwickelt. Dazu gehört die Frage, welche Kinder besonders gefährdet sind, diskriminiert zu werden. Das kann eine Behinderung, eine schwierige soziale Lage, eine andere Hautfarbe, starke Schüchternheit oder aggressive Dominanz sein. Welche Diskriminierungserfahrungen könnte ein Kind schon gemacht haben? In welcher Weise ist mein eigenes Bild von einem Kind von meinen Vorurteilen beeinflusst? Was kann ich dem entgegensetzen? Die Bereitschaft, sich offen mit Diskriminierung auseinanderzusetzen, ist unerlässlich.

  • E&W: Ist diese Bereitschaft da?

Wolter: In den vier Kitas, die wir begleitet haben, waren die Teams sehr offen. Einzelne Fachkräfte allerdings fanden unseren Zugang anfangs etwas übertrieben. Diskriminierung? Gibt es bei uns nicht.

  • E&W: Wie überzeugen Sie diese Fachkräfte?

Backhaus: Wir erinnern an die eigene Kindheit. Wann habt ihr euch mal ausgeschlossen gefühlt? Wir ermuntern zu Empathie: Stellt euch vor, wie es sich anfühlt, wenn die anderen sagen, deine Familie ist aber komisch? Dann geht den meisten ein Licht auf ...

Wolter: … und sie entwickeln Ideen. Eine Einrichtung erdachte ein Puppentheater zum Thema Ausschluss. Und fragte die Kinder: Habt ihr auch schon mal so was Doofes erlebt? Was könnten wir jetzt machen? In einer anderen Kita fingen Fachkräfte an, von sich zu erzählen. Zum Beispiel, wie sie selbst mit rassistischen Bemerkungen umgehen. So eine Offenheit kann viel in Bewegung setzen.

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