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GEW in Bildung unterwegs„Gute Bildung braucht gute Gebäude“

Kaputte Fenster, stinkende Toiletten: Viele Schulen müssen dringend saniert werden - zum Beispiel die Schule Hegelsberg in Kassel. Auf ihrer Tour durch die Länder macht GEW-Chefin Marlis Tepe deutlich, warum gute Bildung gute Räume brauche.

03.07.2019 - Kathrin Hedtke, freie Journalistin

Direkt über dem Eingang ist eine Fensterscheibe kaputt, Klebestreifen überdecken notdürftig die Sprünge im Glas. Die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe blickt an der verwitterten Fassade der Schule Hegelsberg hoch. „Ein typischer 70er-Jahre-Bau“, sagt die Gewerkschafterin, „in einem sehr schlimmen Zustand.“ Auf ihrer Tour durch die Bundesländer macht sie einen Tag lang Station in Kassel. Die Kommune glänzt gerne als documenta-Stadt, doch ihre Schulgebäude zeigt sie lieber nicht vor. Beim Besuch der GEW-Chefin in der kooperativen Gesamtschule ist Fotografieren verboten. Das Gebäude gibt ein trauriges Bild ab: Fenster sind undicht, Deckenplatten herausgefallen, Heizungen defekt, Jalousien stinken nach Schimmel, hier und da regnet es durchs Dach.

„Wenn die Räume vernachlässigt sind, fühlen sich Kinder und Lehrkräfte nicht wohl“, betont Tepe. Der Raum sei der „dritte Pädagoge“. Zu guter Bildung gehörten gute Gebäude dazu. Davon kann vielerorts keine Rede sein. Bei einer bundesweiten Umfrage hätten 59 Prozent der Kolleginnen und Kollegen angegeben, dass ihre Schule dringend saniert werden müsse, berichtet die GEW-Vorsitzende. „Die Varianz ist riesig.“ Sie bezifferte den Investitionsstau auf 42,8 Milliarden Euro.

Pünktlich zur Tour hat der GEW-Landesverband zusammengetragen, wie viel die Städte und Kreise in Hessen für Bau und Sanierung ihrer Schulen ausgeben. Das Ergebnis: Kassel belegt den letzten Platz. Die Studie zeigt auf, dass der Hochtaunuskreis im Speckgürtel von Frankfurt am Main jedes Jahr knapp 1.300 Euro pro Schülerin und Schüler für Bauinvestitionen und Instandhaltung aufbringt. Im Durchschnitt kommen die Kreise und Städte auf 570 Euro pro Kopf. In Kassel sind es 246 Euro. Die Stadt hat angekündigt, fünf besonders desolate Schulen zu sanieren, darunter die Schule Hegelsberg in der Nordstadt. „Das wird nicht reichen“, sagt die GEW-Landesvorsitzende Birgit Koch. Ihrer Meinung nach muss bei der Finanzierung auch das Land in die Verantwortung genommen werden.

„Wären wir als Lehrkräfte nicht selbst auf die Barrikaden gegangen, hätte sich hier nichts getan.“ (Olga Volbracht)

Die Sanierung ihrer Schule werde gerne als nettes Geschenk verkauft, sagt der Lehrer Lutz Getschmann. „Nein. Das haben sich die Menschen aus dem Stadtteil und aus der Schule erkämpft.“ Lange hätten die Kolleginnen und Kollegen geschwiegen, aus Angst vor negativen Schlagzeilen. Doch schließlich seien sie an die Öffentlichkeit gegangen und hätten Druck aufgebaut. Auch seine Kollegin Olga Volbracht ist überzeugt: „Wären wir als Lehrkräfte nicht selbst auf die Barrikaden gegangen, hätte sich hier nichts getan.“ Tepe lobt – den Mut der Lehrkräfte, die Missstände aufzuzeigen.

Ab Herbst beginnt die Planungsphase. Was sie sich wünschen würde, fragt die GEW-Chefin die 16-jährige Celine. „Eine bessere Schule, eine schönere Schule“, antwortet die Schülerin. Ohne schreckliche Toiletten. Eine Schule, in der sich alle wohlfühlten. Ohne überfüllte Klassen. „Ich wünsche mir, dass nicht nur diese, sondern auch alle anderen Schulen renoviert werden.“

Yvonne Eickmann von der Schulleitung kündigt an, dass es bei der Sanierung nicht nur darum gehen solle, neue Räume bereit zu stellen. Es müsse ein räumliches Konzept entwickelt werden, das zur Pädagogik passt. In der Gesprächsrunde mit der GEW-Vorsitzenden machen die Lehrkräfte deutlich, wie sehr die Herausforderungen in den vergangenen Jahren gestiegen seien. Viele Flüchtlingskinder kommen als Seiteneinsteiger an die Schule, die zunächst gar kein oder nur sehr wenig Deutsch sprechen. Zudem sitzen immer mehr Schülerinnen und Schüler mit speziellem Förderbedarf in den Klassen. Und das alles in einem Stadtteil, der ohnehin von sozialen Problemen geprägt ist.„

Hier bekommen Kinder eine Chance, die ihnen keine andere Schule gegeben hätte“, sagt Lehrer Getschmann. Das Problem: „Die personelle Ausstattung hat nicht Schritt gehalten mit der Herausforderung.“ Eickmann merkt an, dass zusätzliche Stunden von Förderschullehrkräften bereitgestellt würden. Der Lehrer Christian Freitag erwidert: „Mir sind die Zahlen völlig wurscht.“ Bei ihm im Chemieunterricht sei kein Förderschullehrer angekommen. „Ich bin da alleine.“ Teilweise sei es sehr mühsam zu unterrichten. Deshalb will er ab nächstem Schuljahr statt Chemie allgemein Naturwissenschaften anbieten und projektorientierter arbeiten. „Wir müssen anders unterrichten.“

Die GEW-Landesvorsitzende Maike Wiedwald hebt hervor, dass Inklusion, Ganztag und Co. auch andere Räume erforderten: weg von langen Fluren, hin zu Gruppenarbeitsräumen. „So etwas gelingt am besten, wenn man einen Schulbau demokratisch plant und gestaltet“, betont Wiedwald. Deshalb sei wichtig, bei der Sanierung alle einzubeziehen: Lehrkräfte, Eltern sowie Schülerinnen und Schüler.

„Wir wollen als Personal gezählt werden, nicht länger als Sachmittel.“ (Paul Schäfer) 

Zum Abschluss ihres Besuchs setzt sich die GEW-Vorsitzende an der Uni Kassel mit Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern zusammen. Dort tut sich gerade einiges. Wissenschaftliche Mitarbeiter kämpfen für Entfristung, studentische Hilfskräfte streben einen Tarifvertrag an. „Wir wollen als Personal gezählt werden, nicht länger als Sachmittel“, erklärt Paul Schäfer von der Initiative der studentischen und wissenschaftlichen Hilfskräfte. Die GEW-Delegation macht deutlich, dass sie dabei auf die Unterstützung der Gewerkschaft zählen könnten.

Voraussetzung für Tarifverhandlungen sei allerdings, dass sich mehr Hilfskräfte organisierten, fügt Wiedwald hinzu. Sonst würde der Arbeitgeber bei der Forderung nur müde lächeln. „Wir müssen noch viel mehr werden.“ Die Kampagne steht noch am Anfang, für Herbst ist eine Auftaktveranstaltung geplant. Für alle ist laut Tepe klar: „Unser Ziel ist, prekäre Beschäftigungsverhältnisse an Unis zu reduzieren, daran arbeitet der GEW-Hochschulbereich seit Jahren!“

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