GEW Thüringen
Du bist hier:

ErfahrungsberichtGewerkschaftsarbeit vom Sofa aus

Es juckt mir an den Fußsohlen, ich bin nicht für das Homeoffice geschaffen. Eine unangenehme Mischung aus ständiger Ablenkung und trotzdem nichts unternehmen können. Obwohl es gerade so viel zu tun gäbe! Die Ungleichheiten, die uns Corona in unserer Gesellschaft aufzeigt, lassen sich vom Sofa aus nur bedingt bekämpfen. Oder etwa doch?

17.04.2020 - Dorothea Gläßer

Als Gewerkschafterin möchte ich gerne demonstrieren gehen, ich möchte mich mit meinen Kolleg_innen besprechen, Aktionen planen, ich möchte meinen Unmut laut hinausschreien. Aber in Quarantäne, mit Mundschutz und Kontaktverbot bleibt das alles erstmal Zukunftsmusik. Also müssen wir von der jungen GEW umplanen. Wie können wir uns mit einer starken Stimme einbringen, wenn gerade keine Sitzungen mehr stattfinden können? Wie können wir unsere Mitglieder so bei der Stange halten, dass beim nächsten analogen Treffen wieder alle zusammenkommen wollen? Und wie können wir demonstrieren gehen, wenn wir unsere Wohnungen nicht verlassen dürfen? All das haben wir in den letzten Wochen versucht, herauszufinden. Haben unsere alten skype-Accounts herausgekramt, uns bei Telegram die Finger wundgetippt und an Online-Demonstrationen wie z. B. der Seebrücke-Demo teilgenommen. Es ist schön zu merken, dass wir weiter zusammenstehen und uns nicht hängenlassen.

Aber ich musste auch lernen, mit ziemlich vielen negativen Gefühlen umzugehen. Es macht mich wütend, wie dramatisch die Situation der Geflüchteten an den europäischen Außengrenzen, in den Lagern und Gruppenunterkünften ist und wie wenig darüber berichtet wird. Es macht mich ratlos, wie wir Personen schützen können, die jetzt gefährdet sind: Menschen, die einsam sind, psychisch belastet oder von Gewalt bedroht sind. Es macht mich traurig, dass es keine Zusammenkünfte geben darf – weder emotional noch politisch bedeutsame.

Dennoch merke ich, wie ich diese negativen Gefühle ansammeln kann und sie aufhebe – für eine bessere Zeit! Ich lerne wertzuschätzen, dass wir in einer Gewerkschaft zusammenstehen können. Dass wir laut sind, uns austauschen, streiten, auf die Straße gehen, wenn uns und unseren Mitmenschen Unrecht widerfährt. Und mit dieser Hoffnung lässt es sich noch eine Weile auf dem Sofa aushalten.