GEW Thüringen
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Gewerkschaft muss erlebbar bleiben

Die GEW Thüringen hat über 7.500 Mitglieder. Ein großer Teil von ihnen ist bereits im Ruhestand oder bereitet sich darauf vor. Grund genug also für die tz, bei der Landesseniorenvertretung einmal nach zu fragen.

Artikel aus tz 3/2014

01.06.2014

Die GEW Thüringen hat über 7.500 Mitglieder. Ein großer Teil von ihnen ist bereits im Ruhestand
oder bereitet sich darauf vor. Grund genug also für die tz, bei der Landesseniorenvertretung einmal
nach zu fragen. Kathrin Vitzthum traf sich an einem Morgen im April mit der Vorsitzenden der
Landesseniorenvertretung Gabriele Matysik (KV Apolda) und ihren Mitstreiter/innen Elke Seiffart
(KV Erfurt), Reiner Karg (KV Gera) und Doris Hüttenrauch (KV Apolda).

Gemeinschaft erleben. Solidarität üben.

Nicht alle Gremien sind den Mitgliedern so bekannt und vertraut. Daher war die erste Frage zugleich die umfassendste: Welche Aufgaben hat eigentlich die Landesseniorenvertretung?

Gabi Matysik versucht sich an einer ersten Aufzählung. Das Wichtigste sei, für die Senioren da zu sein und sie zu binden, sie darüber mit kulturellen und politischen Themen bekannt und vertraut zu machen und die Kreis- und Betriebsverbände dahin gehend zu unterstützen, dass sie mit den Seniorenthemen auch umgehen können. Eine weitere Aufgabe sieht sie darin, Netzwerke zu knüpfen zwischen Landesseniorenbüros, Parteien und dem Landtag: „Die Inhalte der Seniorenarbeit sind häufig ähnlich,
da muss man nicht alleine kämpfen, sondern kann strategische Partnerschaften nutzen“. Doris Hüttenrauch ergänzt, dass es wichtig ist, Möglichkeiten zu schaffen, auch nach der beruflichen Phase weiterhin gewerkschaftlich aktiv sein zu können. Mitgliedern müsse eine Plattform gegeben werden, auf der sie sich verwirklichen, Wissen vertiefen und Gemeinschaft erleben können. Dabei müssen sie nicht in die großen Probleme eingebunden werden, um diese haben sie sich während ihres aktiven
Arbeitslebens bereits gekümmert. Ihr gewerkschaftliches Engagement soll dabei aber nicht losgelöst sein von den aktuellen Fragen, doch in dem sie weiterhin Mitglied sind, zeigen sie den arbeitenden Mitgliedern, dass es sich lohnt, sich immer wieder gewerkschaftlich zu betätigen. Alle Aktivitäten sind verbunden mit einer Form der Wissensvermittlung, sie dienen aber auch dazu, sich persönlich
zu begegnen und Gesprächsfäden wieder aufzunehmen. Reiner Karg sieht denn auch die Aufgabe der Landesseniorenvertretung vor allem darin, dass die Gewerkschaft für die Senioren erlebbar bleibt. Ihre Probleme müssen sich in der GEW wiederfinden, dann gelingt auch die Mitgliederbindung. Reiner Karg schätzt ein, dass hier noch mehr geleistet werden könne. Die Frage der Solidarität spielt dabei eine ganz besondere Rolle: „Solidarität der Älteren mit den Jungen, aber auch der Jüngeren mit den Älteren.“

Dort die Kreise. Da die Landesseniorenvertretung.

Und da wird das Gespräch zum ersten Mal richtig lebendig. Elke Seiffart betont, dass es unterschiedliche Aufgaben für die Landesseniorenvertretung und für die Seniorenarbeit
in den Kreis- und Betriebsverbänden gibt. „Die Frage, was braucht ihr?“, müsse von den Kreisen und ihren Senioren vor Ort beantwortet werden. Gerade im Hinblick auf die Mitgliederbindung ist die Arbeit in den Regionen zentral. Der Kreisverband Erfurt zum Beispiel befragte seine älteren Mitglieder, was sie interessiert und schöpft aus diesem Fundus von Ideen. Die Landesseniorenvertretung orientiert
sich da eher an den allgemeinen politischen Themen. Und das soll sie auch, so Gabi Matysik. Elke Seiffart berichtet, dass sich die Landessenioren zweimal im Jahr treffen und darüber reden, was ansteht und wie die Arbeit in den Kreisund Betriebsverbänden gestaltet ist. Die Landesseniorenvertretung dient neben der politischen Arbeit also auch als Pool für Ideen und Aktivitäten.

GEWerkschafter/in ein Leben lang.

Nun hakt die Interviewerin noch einmal genauer nach. Warum sind denn diese vier Menschen, aber auch die vielen anderen noch in der GEW Thüringen aktiv? Ist das Solidarität? Oder Pflichtbewusstsein? Doris Hüttenrauch hat eine klare Antwort: „Wenn ich einmal Gewerkschafter bin, bin ich das mein Leben lang“. Hinzu kommt der Wunsch, auch weiterhin mit dem Berufsleben, mit den Kolleginnen und
Kollegen verbunden zu sein. Einerseits, weil man auch Neues erfährt, andererseits weil die eigenen Erfahrungen weitergegeben werden können. „Wenn es ums Geld geht, sind bei Aktionen viele da. Aber wir müssen auch klar machen, dass viele gesellschaftliche Errungenschaften ohne die Gewerkschaften nicht durchzusetzen wären“, so Doris weiter. Elke Seiffart ist seit 55 Jahren in der Gewerkschaft, eingetreten als Lehrling (Hinweis an die jungen Leser/innen: damals war das der übliche Begriff für Auszubildende/r) und nach dem Studium vierzig Jahre lang als Horterzieherin beschäftigt. Auch in der Wendezeit hat sie nie an der Mitgliedschaft gezweifelt, obwohl in dieser Zeit viele ausgetreten
sind. Aber als es schon damals den Grundschulhorten an den Kragen gehen sollte, hat sich ihr Verein gemeinsam mit der GEW für deren Erhalt stark gemacht. Die Kolleg/innen in den Grundschulhorten haben der GEW auch einiges zu verdanken, so Elke Seiffart.

Die GEW als Heimat.

Für Reiner Karg heißt Gewerkschaft „Wohlfühlen, Heimat“. Er selbst hat den Eindruck, dass er „in der GEW noch Standpunkte transportieren kann, die das Zusammenleben von Jung und Alt bestimmen“. Vor allem bei den Themen, die allgemein gesellschaftlich relevant sind, können die Älteren gemeinsam mit den Jüngeren etwas erreichen. „Die Gewerkschaft ist eine Organisation, die uns das ermöglicht“.
Nun mischt sich die Vorsitzende Gabi Matysik noch einmal ein: „Wir sagen immer die Gewerkschaft, dabei sind wir die Gewerkschaft. Und warum ich dabei bleibe, hat etwas damit zu tun, dass ich weiß, die Gewerkschaften bringen sich in die Tarifpolitik ein, aber auch in die Gesundheitspolitik. Viele meinen, wenn sie in die Rente gehen, brauchen sie das nicht mehr. Doch das ist ein Trugschluss!“. Und Doris Hüttenrauch betont, das Gewerkschaft immer auch Gemeinschaft ist, man müsse nicht alleine kämpfen für seine Rechte, sondern hat die anderen an seiner Seite. Am häufigsten treten die Kolleg/innen aus der GEW aus, wenn sie kurz vor dem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst stehen, so etwa zwischen 55 und 65 Jahren. Wie kann aber der Übergang von der Mitgliedschaft aufgrund der Erwerbsbiografie
in die Mitgliedschaft als Ruheständler gelingen? Doris Hüttenrauch weiß hier Rat: „Wir informieren sie frühzeitig über unsere Aktivitäten, wir gratulieren bei Geburtstagen und Jubiläen. Dabei kennen sie dann auch ihre Ansprechpartner, und das ist wichtig, das Wichtigste fast.“ Und Elke Seiffart betont den Wohlfühlfaktor, das Aufgehobensein in der Gemeinschaft. „Es ist ein gutes Gefühl“, ergänzt Reiner
Karg. „Man fühlt sich angenommen, mit seinen Themen, mit seinen Problemen und darum geht es schließlich.“

Politisch sein. Sich wohlfühlen.

Einen heiklen Moment gibt es dann doch. Die Frage, ob das Politische hin und wieder unter den Tisch fällt bei all der Gemeinschaft und dem Wohlfühlen, ist so leicht nicht zu beantworten. Wenn es um aktuelle Entwicklungen und dann noch um Regionales geht, sei das einfacher, ist man sich einig.

Und wo wünschen sich die Senioren eine lautere Stimme der GEW, ihrer Organisation? „Gemeinsame Veranstaltungen der Jüngeren und Älteren“, so sagt es spontan Reiner Karg, auch wenn das Problem der verfügbaren Zeit bekannt ist. Konkreter wird Doris Hüttenrauch: Vielleicht sollten wir außerhalb des Sommertreffens, wo es immer Angebote gibt, eine Veranstaltung machen „Die GEW nach meinem
Beruf“. Das geht aber nur, wenn die GEW die Senioren unterstützt. Das gilt auch für eine Strategie, diese Phase des Übergangs aktiv zu gestalten. Kampagnenplanung also im Hinblick auf Mitgliederbindung für die gerade noch aktiv Berufstätigen. Das gibt die Gelegenheit das GEW-Partner/-
innenprojekt vorzustellen (also ältere Kolleg/innen in den Einrichtungen unterstützen Berufseinsteiger/innen zum Beginn der Arbeit). Die Idee ist so neu nicht, dennoch fällt es den Hauptamtlichen in der GEW schwer, Ansprechpartner zu finden. Könnten die Brücke jene aktiven  Senioren sein, die sich in der Landesseniorenvertretung treffen und aktiv in ihren Kreis- und  Betriebsvorständen mitarbeiten? Das ist jedoch etwas schwieriger. Die Älteren verfügen über
nicht mehr Zeit als die Jüngeren, sie versorgen die Enkel und kümmern sich um die Familien. Da muss eine andere Lösung gefunden werden.

Doch etwas Konkretes wünschen sich die vier, die sich in einer Stunde die Köpfe heiß redeten: Die Ansprache der noch im Erwerbsleben stehenden älteren Mitglieder durch die Landesebene und die gemeinsame Betreuung mit den Kreis- und Betriebsverbänden.

Ein herzlicher Dank an diese lebendigen Diskutant/innen. Wenn wir weiter im Gespräch bleiben, dann bestehen gute Chancen, die solidarische Gemeinschaft der GEW Thüringen auszubauen, alt und jung auch weiterhin zusammenzubringen und für gemeinsame Themen zu kämpfen.

Kathrin Vitzthum
(thüringer zeitschrift 03/2014)

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