GEW Thüringen
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GEW Thüringen zum Stand der Ganztagsschule

Gestern wurde die Studie "Gute Ganztagsschule für alle" der Bertelsmann-Stiftung der Öffentlichkeit vorgestellt. In der Auswertung der erhobenen Daten wurden die Bundesländer differenziert dargestellt, daher lassen sich auch Befunde für Thüringen ablesen. Die GEW Thüringen bewertet diese Ergebnisse wie folgt:

18.10.2017 - Michael Kummer

Vorbemerkung zur Erhebung:

Es gilt zunächst auf den Umstand hinzuweisen, dass die Daten der Bertelsmann-Studie mit dem Schuljahr 2015/16 enden und die Zustände des aktuellen Schuljahres oder zumindest des vergangenen Schuljahres nicht berücksichtigt werden. Positiv dagegen fällt auf, dass in der Datenerhebung und –darstellung zwischen den einzelnen Bundesländern differenziert wird und sich somit Aussagen auch für Thüringen herauslesen lassen, oftmals ein Manko von bundesweit angelegten Studien zum Bildungssystem.

Zum Inhalt:

Die GEW Thüringen begrüßt Initiativen zum Ausbau eines Ganztagsschulsystems für alle Schularten, den nun auch die Initiatioren der Bertelsmann-Studie fordern. Die Ganztagsschule ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg, gleiche Bildungschancen für alle Kinder bereit zu halten und damit eine der Aufgaben, der durch die PISA-Studien immer wieder gezeigten hohen sozialen Selektivität des deutschen Bildungssystems. Darauf macht die GEW Thüringen seit langem aufmerksam, siehe auch das Konzept „Ganztagsschule von Anfang an!“.

Wenn von Ganztagsschule die Rede ist, wird häufig nur an offene Ganztagsschulen gedacht (Vormittag: Unterricht, Mittagessensangebot, Nachmittag: Hort-/Betreuungsangebot). Schon wenn allen Schülerinnen und Schülern mindestens bis zu Sekundarstufe I ein solches Angebot gemacht werden könnte, wäre dies ein Fortschritt. Ein weiterer Schritt hin zu einer gebundene Ganztagsschule wäre für die GEW Thüringen, dass an allen Tagen des Ganztagsbetriebs den teilnehmenden Schüler*innen ein Mittagessen bereitgestellt wird und dass die nachmittäglichen Angebote unter der Aufsicht und Verantwortung der Schulleitung organisiert, in enger Kooperation mit der Schulleitung durchgeführt werden und in einem konzeptionellen Zusammenhang mit dem vormittäglichen Unterricht stehen.

Durch die Thüringer Besonderheit, dass in diesem Bundesland die Erzieherinnen und Erzieher des Grundschulhortes im Personalbestand des Landes Thüringen geführt werden, erreicht Thüringen bei der Ganztagsschulabdeckung im Grundschulbereich eine Quote von 85,3 %, der Spitzenwert unter allen Bundesländern. Diese hohe Quote muss allerdings kritisch hinterfragt werden, denn über alle Schularten verteilt gehen nur 14,3 % an eine gebundene Ganztagsschule (und damit dem oben beschriebenen Verständnis von tatsächlicher Ganztagsschule entsprechend). „Die hohe Quote von Ganztagsschulen im Grundschulbereich in Thüringen ist quasi eine Mogelpackung, die nicht der Realität entspricht, aber durch das Bildungsministerium schon einige Male als Erfolg verkauft wurde“, so Kathrin Vitzthum, Landesvorsitzende der GEW Thüringen. Bei den Gymnasien hinkt Thüringen beispielsweise mit gerade einmal 9,6 % Ganztagsschulen deutlich hinter den meisten anderen Bundesländern hinterher, durchschnittlich gehen nur 51,5 % der Thüringer Schüler*innen an eine Ganztagsschule.

Ausblick:

Ein notwendiger Ausbau des Ganztagsschulsystems in Thüringen bedeutet also eine tatsächliche (also gebundene) Ganztagsschule in Thüringen – und das in allen Schularten. Zu dem Mehraufwand an Personal (Lehrer*innen, Erzieher*innen, Sonderpädagogische Fachkräfte, Sozialarbeiter*innen) kommt aber noch eine wichtige Voraussetzung dazu: die Bereithaltung von notwendigen Räumlichkeiten (zur Betreuung/Beschulung der Kinder und für die Arbeitsplätze der Pädagoginnen und Pädagogen – denn diese gibt es in vielen Schulen bisher nicht oder nicht in ausreichender Anzahl).

Um das alles finanzieren zu können, bedarf es einer deutlich höheren Gewichtung der Bildungsausgaben in den öffentlichen Haushalten, ein Thema, was bei den demokratischen Parteien zuletzt im Bundestagswahlkampf eine große Rolle spielte. Die GEW Thüringen ist gespannt auf die tatsächliche Umsetzung der Wahlvorhaben.

Zur Erklärung die drei Formen:

  1. Gebundene Form der Ganztagsschule: In der voll gebundenen Form werden Unterricht und Zusatzangebote entsprechend eines pädagogischen Konzepts an mindestens drei Wochentagen für jeweils mindestens sieben Zeitstunden für alle Schüler*innen verpflichtend organisiert.
  2. Teilgebundene Form: Die teilweise gebundene Form entspricht der voll gebundenen Form, allerdings nicht für alle Schüler*innen der Schule. Diese Form kann ein Einstieg in die Umorganisation der gesamten Schule zu einer voll gebundenen Form sein, die in den darauf folgenden Jahren in die anfangs nicht berücksichtigten Jahrgangsstufen hineinwächst.
  3. Offene Form: In der offenen Form ist ein Aufenthalt verbunden mit einem Bildungs- und Betreuungsangebot in der Schule an mindestens drei Wochentagen von täglich mindestens sieben Zeitstunden für die Schüler*innen nötig. Die Teilnahme an den ganztägigen Angeboten ist jeweils durch die Schüler*innen oder deren Erziehungsberechtigte verbindlich zu erklären und damit fakultativ.
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