GEW Thüringen
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Corona und GeschlechtergerechtigkeitGeschlechtergerecht durch die Krise?

Ein Mitglied schrieb an die GEW Thüringen: „Ihr sorgt euch gut um die Schulen und die Fragen, die daran hängen. Was ist mit den Kitas? Ich bitte in Eurer Diskussion in diesem Kontext um Stimmen zur Genderproblematik, zur Tatsache, dass Frauen/Mütter von kleinen Kindern die Hauptlast tragen und dass leider die meisten Entscheidungen von Männern (Wirtschaftsexperten?) gefällt werden.

29.05.2020 - Frauke Gützkow - Vorstandsmitglied für Frauenpolitik und Dr. Janina Glaeser - Referentin für Frauenpolitik im GEW-Hauptvorstand

Leider gehen viele von ihnen noch immer selbstverständlich davon aus, dass sie Hauptverantwortung zur Betreuung kleiner Kinder bei den Frauen liegt und dass das alles schon irgendwie geht. Beträfe es sie selbst, würde wohl anders über die Öffnung von Kitas nachgedacht werden. 

Mir spricht dieser Beitrag der ZEIT (www.zeit.de/gesellschaft/schule/2020-04/oeffnung-kitas-coronavirus-familien-kinder-betreuung/) vom 16. April 2020 aus dem Herzen. Vielleicht ja noch jemandem in meiner Gewerkschaft - deren Hauptanteil an Mitgliedern  Frauen sind. Frauen, die auch kleine Kinder haben und somit nicht nur als Erzieherinnen, sondern auch als Mütter betroffen sind."


Dazu ein Kommentar des Vorstandsbereichs Frauenpolitik

Care-Politiken unter Covid-19

Die Coronapandemie und ihre Folgen führen uns vor Augen, an welchen Stellen der öffentlichen Daseinsvorsorge Verbesserungen längst ausstehen. Und warum es sich lohnt, für bessere Arbeitsbedingungen im Bildungsbereich gewerkschaftlich einzutreten.

Als politisch aktive Frauen jonglieren wir mit Bezeichnungen wie „gesellschaftlich notwendiger Reproduktionsarbeit“. Wir sprechen auch gerne von Care-Arbeit (deutsch: Sorgetätigkeiten, bezahlt und unbezahlt). Jetzt gehören außerdem die „systemrelevanten Berufe“ zu unserem Sprachjargon.

Frauen sind Haupttragende der Krise

Systemrelevante Berufe haben es in sich. Ein maßgeblicher Teil davon hat nach Angaben des DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) Berlin einen Frauenanteil von mehr als 70 Prozent, in Bereichen wie der Pflege, des Einzelhandels oder eben der Bildung in Erziehungseinrichtungen und Schulen. Das Erziehungspersonal in Kindergärten und Vorschulen ist sogar zu 93 Prozent weiblich. Kennzeichnend für diese Bereiche sind die geringe Bezahlung und der Ruf nach finanzieller und gesellschaftlicher Aufwertung. Außerdem arbeiten Frauen oft in Teilzeit – das drückt die Lohnersatzleistungen, zum Beispiel beim Kurzarbeitergeld, und wird verstärkt durch die von vielen Frauen gewählte Steuerklasse V. Kurz: Frauen sind die Haupttragenden der Krise.

Der erzwungene Rückzug vieler Menschen ins Private hat für verschiedene Gruppen sehr unterschiedliche Konsequenzen. Hier nur einige Stichworte: sexualisierte häusliche Gewalt, reproduktive Selbstbestimmung, isolierte ältere Menschen, sozial benachteiligte Familien, wohnungslose Menschen, geflüchtete LSBTI*, Migrant*innen in der Pflege, illegalisierte Menschen ohne Zugang zum Gesundheitssystem, Fachkräftemangel. Es besteht die Gefahr, gesellschaftliche Machtgefälle zu verstärken und soziale Spaltungen zu vergrößern.

Das sind Entwicklungen, die wir aus gewerkschaftlicher und feministischer Perspektive einordnen.

Was ist „zumutbar“?

Zunächst einmal gibt es systemrelevante Bereiche, die als solche überhaupt nicht anerkannt sind. An erster Stelle steht die unbezahlte Sorgearbeit. Die Schließung von Kitas und Schulen, kombiniert mit Homeoffice, macht die doppelte Entgrenzung Sorgeleistender überdeutlich. In Bildungseinrichtungen arbeiten überwiegend Frauen. Gleichzeitig wird die Betreuungsarbeit zu Hause ebenfalls zum Großteil von Frauen aufgefangen. Laut OECD erledigen Frauen 80 Prozent der Arbeit in Kindererziehung und Pflege von Angehörigen.

Daraus ergibt sich eine zuweilen unmögliche Überschneidung. Zum Beispiel für eine Wissenschaftlerin im Homeoffice, die einen philosophischen Essay schreibt und gleichzeitig – vielmehr: nebenbei – ihre Kinder betreut und durchs Homeschooling geleitet. Oder generell Paare mit kleinen Kindern, bei denen beide Elternteile erwerbstätig sind. Der Bundesregierung zufolge ist die Betreuung von Kindern im Homeoffice „zumutbar“, das heißt, es ist keine Entgeltersatzleistung vorgesehen.

Momentan gibt es 67 Prozent des ausgefallenen Nettoverdienstes für Menschen, die ohne Option auf Homeoffice und Systemrelevanz ihre Kinder betreuen müssen und daher nicht erwerbsförmig arbeiten können. Gemeinsam mit dem DGB fordern wir daher eine Familiensoforthilfe für Eltern und Pflegende in der Corona-Krise. Die Entschädigungshöhe sollte auf mindestens 80 Prozent des ausgefallenen Nettoverdienstes angehoben werden. Als Eltern im Homeoffice auch noch Kinder zu betreuen, kann nur dann als zumutbar gelten, wenn diese mindestens zehn Jahre alt sind.

Systemrelevant – und systematisch verkannt

Arbeiten von Zuhause aus kann für viele sorgeleistende erwerbstätige Eltern neue Freiräume zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf bedeuten. Und es gibt Anreize für wichtige gleichstellungsorientierte Forderungen, die individuell eingelöst werden können sollten. Das hieße, die Entscheidung über die „Zumutbarkeit“ von Arbeit im Homeoffice an den Bedürfnissen von Eltern zu messen. Denn es wird dann unzumutbar, wenn kleine Kinder oder auch zu pflegende Angehörige sich nicht selbstständig beschäftigen oder versorgen können.

Es ergibt sich ein von Feministinnen häufig angesprochenes Paradox. Die Wirtschaft und der Arbeitsmarkt sind von der Arbeitskraft jener abhängig, die Sorgearbeit leisten, bezahlt und unbezahlt. Ohne sie geht es nicht. Sie sind systemrelevant – und systematisch verkannt.

Wie die Grenzen vom Privaten zum Öffentlichen durch Homeoffice im digitalen Zeitalter verschwimmen, bleibt jetzt neu zu bewerten. Die staatlichen Bildungseinrichtungen von der Kita über die (Ganztags-)Grundschule und den Hort bis zu den weiterführenden Schulen haben nicht nur einen Bildungsauftrag, sie stellen auch die Betreuung außerhalb der Familie sicher und ermöglichen Erwerbsarbeit für beide Elternteile.

„Care-Krise“ wird sichtbarer

Eine „Care-Krise“ gibt es schon seit langem, sie ist jetzt nur sichtbarer. Sie drückt sich in einem Defizit an Sorge aus, zum Beispiel im unzureichenden Angebot an Kita- oder Ganztagsschulplätzen, Defiziten in Krankenhäusern oder der Pflege. Und sie ist auf die Arbeitskraft von Frauen aus ökonomisch schwächeren Ländern angewiesen, etwa in der 24-Stundenpflege zu Hause.

Das staatlich regulierte Gesundheitssystem steht im Spannungsfeld zwischen dem Beleben der Wirtschaft und dem Wohl sogenannter Risikogruppen, darunter überwiegend ältere und erkrankte Menschen, aber auch jene, die sie betreuen. Eine Kritik an der Ökonomisierung des Gesundheitssystems ist an dieser Stelle dringlich. Die vermutete Lebenserwartung eines Menschen kann kein Maßstab sein, um über Leben und Tod zu entscheiden.

Diskriminierung verschärft sich

Außerdem kann die Einschränkung von Freiheitsrechten einzelner Gruppen aufgrund des Virus auch Diskriminierung bedeuten. Wenn nämlich Menschen pauschal – etwa aufgrund ihres Alters – aus dem öffentlichen Leben ferngehalten werden sollen, ohne im Einzelfall zu schauen, ob und welches Risikoprofil vorliegt. Natürlich sind Menschen, die gesundheitliche Risiken haben, zu schützen – aber nicht zu bevormunden.

Diskriminierungsformen, die sich verschärfen, ergeben sich auch aus den Einschränkungen der kulturellen LSBTI*-Infrastruktur. Das birgt die Gefahr der sozialen Isolation von der Community. Auch wenn das Internet Möglichkeiten zur Vernetzung offeriert, sind LSBTI*-Jugendliche in der Isolation Zuhause oft nicht geoutet und vor familiärer Diskriminierung nicht geschützt. Zudem ist die psychosoziale und medizinische Versorgung von trans* Personen stark beeinträchtigt.

LSBTI* erfahren laut einer Studie des Robert Koch-Instituts (RKI) vom März 2020 überdurchschnittlich psychische Belastungen, die nun verstärkt werden. Besorgniserregend ist der Blick nach Osteuropa, wo die ohnehin schon zur Disposition gestellten Rechte von LSBTI* durch die Stärkung der Exekutive weiter gefährdet werden.

Folgen für die Gewerkschaftsarbeit

Gewerkschaftsarbeit, Gewerkschaftspolitik lebt von der Begegnung. Diese Möglichkeiten der Begegnung, des Austauschs, sind zurzeit sehr eingeschränkt. Da die Corona-Pandemie noch eine ganze Weile die Rahmenbedingungen für die GEW-Arbeit bestimmen wird, werden Schritt für Schritt gemeinsam mit den ehrenamtlichen Kolleg*innen Wege gegangen, um diese Leerstellen auszufüllen.

 

Fragen wie „Wer betreut zu Hause?“, „Wer in Kita oder Schule?“, „Worin verschärfen sich die bestehenden Ungleichheiten?“ und viele weitere verdienen ein feministisches Revival. Gemeinsam werden wir – der Vorstandsbereich Frauenpolitik, der Bundesfrauenausschuss, die AG LSBTI und die Projektgruppe Feministische Zeitpolitik – in den Dialog mit Gewerkschaftskolleg*innen und politischen Mitstreiter*innen gehen: kritische Themen besetzen, Problematiken in der Entwicklung artikulieren und dabei auch auf Chancen verweisen.

 

Care-Politiken unter Covid 19 – wir bleiben dran. Feministisch. Queer. Gewerkschaftlich. Und im Einsatz für jedes Alter.