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Gastkommentar: Abgeschoben

Für eine halbe Million junger Menschen wird Jahr für Jahr der Start in eine berufliche Ausbildung zum Fehlstart. So viele Jugendliche werden Jahr für Jahr in das Übergangssystem abgeschoben, jenes Teilsystem der beruflichen Bildung, das explizit nicht darauf angelegt ist, einen qualifizierten Ausbildungsabschluss zu vermitteln.

03.09.2008 - Klaus Klemm

Von Jugendlichen mit und ohne Hauptschulabschluss – sie stellen mit mehr als 60 Prozent die mit Abstand größte Gruppe im Übergangssystem – ist der Hälfte auch 30 Monate nach Eintritt in das System der Sprung in eine voll qualifizierende Ausbildung nicht geglückt!

Die Folgen auf dem Arbeitsmarkt sind hinlänglich bekannt: All jene, die in den allgemein bildenden Schulen und im anschließenden Berufsbildungssystem nicht zu einer abgeschlossenen Berufsausbildung gelangen, blicken in eine chancenarme Zukunft. Ihre Perspektive verdüstert sich sogar noch: Im Beschäftigungssystem werden ein weiterer Rückgang der Nachfrage nach Erwerbstätigen ohne Berufsausbildung und zugleich ein Anstieg der Nachfrage nach Hochschulabsolventen erwartet.

Junge, gering qualifizierte Menschen lassen sich genau beschreiben: Sie stammen in der Regel aus sozial schwächeren Familien, sind meist männlich, verfügen vielfach über einen Migrationshintergrund und leben häufig in problembeladenen Stadtteilen:
Aus der Gruppe der Kinder „an- und ungelernter Arbeiter“ lernt nur etwa ein Drittel in Realschulen und Gymnasien, die übrigen werden überwiegend in Haupt- und Gesamtschulen unterrichtet. Bei den Kindern der „oberen Dienstklasse“ besuchen in dieser Altersgruppe dagegen nahezu 80 Prozent Realschulen oder Gymnasien. Im Bereich Leseverständnis liegen zwischen den Jugendlichen aus den Familien der „an- und ungelernten Arbeiter“ und denen der „oberen Dienstklasse“ Welten.

Die Leistungsunterschiede zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund sind in Deutschland größer als in nahezu jedem anderen Land. Dies schlägt sich auch bei den erreichten Schulabschlüssen nieder: Der Anteil der jungen Ausländer, die keinen Hauptschulabschluss erreichen, ist mehr als zweimal so hoch wie bei den Jugendlichen mit deutschem Pass. Neuere Analysen zeigen, dass sich in den deutschen Großstädten Quartiere entwickeln, in denen sich Armut, Kinderreichtum und hohe Anteile der Bevölkerung mit Migrationshintergrund verbinden. So entsteht eine gesellschaftliche Benachteiligung, die im gegliederten deutschen Schulsystem weiter verfestigt wird.

Die aktuelle Bildungspolitik zeigt kaum Ansätze, die geeignet wären, diese mit Schicht, Geschlecht, Migrationshintergrund und Wohnquartier eng verkoppelten Benachteiligungen wenigstens abzumildern. Noch immer bleiben die Programme zur sprachlichen Förderung schon im Vorschulalter weit hinter dem Bedarf zurück. Noch immer ist der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die Ganztagsschulangebote erhalten, mit 18 Prozent viel zu niedrig. Nach wie vor wirkt die Aufteilung der Grundschüler auf unterschiedlich anspruchsvolle Bildungsgänge mit differenziert fördernden Lernmilieus so, dass sich Benachteiligungen verschärfen. Zu befürchten ist, dass die rapide Ausbreitung zentraler Abschlussprüfungen und deren Orientierung an bundesweit einheitlichen Bildungsstandards – zumindest in der Anfangsphase – die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss ansteigen lässt.

Auf jeden Fall fehlen derzeit bildungspolitische Anstrengungen, die wirksam ein Ziel verfolgen: die große Gruppe der Jugendlichen zu stärken, die jetzt in den Schulen ohne frühere vorschulische Förderung, ohne Sprachförderung, separiert von den Leistungsstärkeren, konfrontiert mit Zentralprüfungen ihre perspektivarme Schullaufbahn beendet. Kennzeichen einer Politik, die Jugendliche aus dieser Sackgasse herausholen könnte, wäre ein Ansatz, der sich nicht auf die Schule allein beschränkt, sondern der Schule und außerschulische Jugendarbeit umfasst, der sich – in Folge davon – auf einzelne Stadtteile und die Schulen in ihnen konzentriert, der die Betriebe vor Ort einbezieht und der für diese Gruppe deutlich erhöhte personelle und sächliche Ressourcen einzusetzen bereit ist. Wenn Politik sich dazu nicht schnell aufraffen kann, wird sie sich vorhalten lassen müssen, diese Generation auf Dauer abgeschrieben zu haben.

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