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Für gute Forschung und Lehre - Interview mit Prof. Dr. Tilman Reitz

Die Exzellenzinitiative wird weitergeführt. Trotz massiver Kritik von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Studierenden und der Bildungsgewerkschaft GEW haben die Regierungschefinnen und Regierungschefs von Bund und Ländern am 16. Juni unter dem neuen Namen „Exzellenzstrategie“ die Verlängerung der Exzellenzinitiative beschlossen.

12.10.2016 - Marlis Bremisch

Im Jahr 2005 hatten Bund und Länderdie erste Förderperiode beschlossen,die Universitäten des Landes konntensich für die Finanzierung von Graduiertenschulen,sog. Exzellenzcluster und Zukunftskonzepte, bewerben.Bis 2011 gab es 1,9 Milliarden Euro, bis 2017 weitere 2,7 MilliardenEuro – für eine sehr kleine Gruppe von Universitäten.

Schon damals regte sich Widerstand gegen die Finanzierung einiger weniger ausgewählter Universitäten (Fachhochschulen waren erst gar nicht zugelassen), während die Masse leer ausging. Auch ging die Kritik dahin, dass es nur um Exzellenz in der Forschung gehen solle,aber die Aufgabe von Hochschulen Forschung und Lehre sei.

Erneut wenige Gewinner, aber viele Verlierer

Nun gibt es eine Weiterführung der Finanzierung von „Exzellenzuniversitäten“und obwohl die Kommission, die die bisherige Exzellenzinitiative evaluiert hat (Imboden-Kommission), deutlich auf die problematische Grundfinanzierung aller Universitäten hingewiesen hat, wird es bei der nun „Exzellenzstrategie“ genannten Förderung wieder einige Gewinner und viele Verlierer geben. Die GEW hatte zuletzt die Regierungschefs von Bund und Ländern zu einem Moratorium und einem Runden Tisch zur Hochschulfinanzierung aufgefordert. Auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler machten gegen die „Exzellenzstrategie“ mobil, zum Beispiel mit einer Online-Petition „Für gute Forschung und Lehre – Argumente gegen die Exzellenzinitiative“. 

Darüber sprachen wir mit einem der Initiatoren, Prof. Dr. Tilman Reitz, Professor für Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena:

  • Die Online-Petition gegen die Exzellenzinitiative hat die Regierungschefs des Bundes und der Länder leider auch nicht bewogen, noch einmal über die Neuauflage nachzudenken. Sie ist aber in den Medien und der akademischen Welt wahrgenommen worden und hat einmal mehr deutlich gemacht, wo die Misere in der Hochschulfinanzierung liegt. Was ist Ihre hauptsächliche Kritik an der Exzellenzinitiative, die Sie und Ihre Mitstreiter*innen zur Online-Petition veranlasst hat?

Unsere Kritik entsteht zunächst direkt im wissenschaftlichen Alltag, der durch die neue akademische Konkurrenz erheblich beeinträchtigt wird. Wer an der Universität zu arbeiten beginnt, muss inzwischen ständig befristeten Projektbeschäftigungen hinterherlaufen, wer eine Professur hat, muss Projekte einwerben, um dabei zu helfen bzw. viele Mitarbeitende zu haben. Dabei geht es immer weniger um Forschungsinhalte und immer mehr um Macht und Prestige. Die Exzellenzinitiative ist die Spitze dieses Eisbergs. Hier sind zwar einerseits die Förderdauern relativ komfortabel, andererseits treten die Forschungsinhalte aber völlig gegenüber den Marketing-Strategien der Unileitungen zurück. Gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften, die ich gut kenne, macht das vernünftige, kritische Forschungsideen fast unmöglich, und aus den Naturwissenschaften höre ich, dass man dort ebenfalls nicht dauernd Anträge stellen will, nur damit im Labor noch das Licht angeht. Außerdem hat der verschärfte Wettbewerb gerade den Naturwissenschaften ein Fälschungsproblem gebracht – man schönt mehr oder weniger legal seine Ergebnisse, um ‚exzellent’ zu erscheinen.

Ein zweiter, ebenso wichtiger Aspekt ist, dass die deutschen Hochschulen, die bisher relativ gleichwertig waren (mit Stärken und Schwächen in einzelnen Fächern) jetzt mit Nachdruck in eine Hierarchie gepresst werden sollen. Das bedeutet für alle, die im Exzellenzwettbewerb verlieren, massive Überbelastungen in der Lehre, während bei den wenigen Exzellenz-Gewinnern ironischerweise die ‚besten’ Forschenden in großem Umfang von der Lehre befreit und durch einen erweiterten Hofstaat von den Studierenden fern gehalten werden. Die Hierarchisierung schwächt aber nicht nur die Lehre, sie wird absehbar auch dazu führen, dass wohlhabende und gebildete Eltern ihre Kinder vermehrt an die ‚Spitzenuniversitäten’ schicken – also zu vergrößerter sozialer Ungleichheit. Die Universitäten in den USA oder in vielen Ländern Lateinamerikas geben hierfür ein deutliches Beispiel; der neue Wettbewerb schafft eine Art akademischen Feudalismus, in dem sozialer Status durch Hochschulbesuch weitergegeben wird. 

  • Warum ist mehr Geld nicht per se gut?

Die große Frage ist, ob es insgesamt wirklich mehr Geld gibt. Die Imboden-Kommission hat darauf hingewiesen, dass der jährliche Etat der gesamten Exzellenzinitiative immer noch stark unterhalb des Budgets einzelner nichtdeutscher Spitzenhochschulen liegt – er beträgt z. B. ein Siebtel des Jahresbudgets von Stanford und weniger als die Hälfte dessen, was die ETH Zürich ausgibt. Es geht also eher um Umverteilung (von unten nach oben) als um sehr viel mehr Geld. Wenn man bedenkt, dass die Lehrbelastung an deutschen Hochschulen seit Jahren steigt und dass die finanzielle Ausstattung pro Studienplatz kontinuierlich abnimmt, bekommt man ein gutes Bild von der Lage.

Das Kernproblem scheint mir zu sein, dass die Bildungs- und Hochschulpolitik fortgesetzt so tut, als könne man die Zahl der Studierenden stetig erhöhen, ohne entsprechend mehr für das Forschungs- und Lehrpersonal auszugeben. Studiengebühren wurden bei uns glücklicherweise verhindert, aber das heißt, dass man grundsätzlich andere Möglichkeiten suchen muss. In Skandinavien geht das bekanntlich. Die Exzellenzstrategie ist also weniger so zu verstehen, dass einige mehr Geld bekommen – das ist zwar der Fall, und sie machen nicht immer guten Gebrauch davon –, sondern dass von der Unterfinanzierung der meisten Hochschulen abgelenkt wird. Das berührt auch die Kernziele der Strategie. Man will ‚internationale Spitzenforschung’ haben, ohne dafür die geeigneten Bedingungen zu schaffen, eine vielfältige Forschungslandschaft mit verteilten Freiräumen fürs Nachdenken, Experimentieren und Diskutieren.

  • Warum kann Forschungsgeld, selbst wenn es allen Hochschulen zugute käme, eine bessere Grundfinanzierung nicht aufwiegen?

Zunächst wäre natürlich eine Gleichwertigkeit von Forschung und Lehre anzustreben; nur an der Forschungsfront kann man ja sehen, was heute wirklich zu lehren ist, und nur wer vermitteln kann, erfasst gewöhnlich klar die Forschungsprobleme. Das Problem besteht aber auch darin, dass man Geld nur noch in Wettbewerbsverfahren bereitzustellen scheint – eine seltsame Überstrapazierung des Marktprinzips, das im Zuschussbetrieb Hochschule sowieso nicht ernsthaft herrschen kann. Sogar die lobenswerten Initiativen zur Förderung kleiner und mittlerer Hochschulen sowie zur Schaffung von Nachwuchs-Dauerstellen, die BMBF und Länder im Schatten der Exzellenstrategie beschlossen haben, werden voraussichtlich diesem Prinzip folgen. Dahinter dürfte ein doppeltes Kalkül stehen. Einerseits erscheint die Vergabe von weiterem Geld automatisch legitimiert, wenn sich alle darum beworben haben und einige von Fachkommissionen als förderungswürdig gekürt wurden; anderseits braucht man dann eben insgesamt weniger Geld, als wenn alle etwas bekämen.

Die Etats der Initiativen für kleinere und mittlere Hochschulen sowie für neue Tenure-Track-Stellen (die einen besser berechenbaren Weg zur Professur eröffnen) betragen jeweils ca. ein Zehntel dessen, was für die Exzellenzstrategie bereitgestellt wird. Im Auftrag der GEW wurde errechnet, dass das bei den Tenure-Track-Stellen lange nicht reichen wird – um an der Lehrmisere etwas zu ändern, bräuchte man in den nächsten Jahren nicht bloß die geplanten 1000, sondern mindestens 5000 solcher Stellen. Sachlich ist das Prinzip Wettbewerb einfach verfehlt. Wenn wir eine neue Hochschulexpansion haben wollen (nach der statt etwa 30 % über 50 % eines Jahrgangs studieren), brauchen wir neue Dauerstellen in allen Bereichen, auch für die Nicht-Exzellenz, auch für die Hochschulen und Fachbereiche, die mit ihren Anträgen kein Glück haben, auch jenseits der Professur, auch in der Studiengangsorganisation und der Beratung Studierender. Dass sich fast alle Beteiligten in intellektuell höchst fragwürdigen Wettbewerben aufreiben, bei denen wenige gewinnen, nützt am Ende so gut wie niemandem – nicht einmal der blind auf neue Probleme zusteuernden Hochschulpolitik.

  • Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Marlis Bremisch

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