GEW Thüringen
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Für die eigenen Rechte einstehen

Interview mit dem wissenschaftlichen Mitarbeiter Karsten Gäbler zum Thema prekäre Beschäftigung an Thüringer Hochschulen

(aus tz 5/2014)

01.10.2014

Marlis Bremisch: Wissenschaftliche und künstlerische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Hochschulen nicht nur des Freistaats Thüringen sind zu einem sehr hohen Prozentsatz prekär beschäftigt. Ihre Arbeitsverträge sind fast immer befristet, häufig mit einer kurzen Laufzeit. Eine längerfristige Karriereplanung ist meist nicht möglich. Warum lassen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das gefallen?

Karsten Gäbler: „Gefallen lassen“ ist insbesondere am Beginn der wissenschaftlichen Laufbahn die falsche Beschreibung. Für fast alle NachwuchswissenschafterInnen stehen ja zunächst die Begeisterung für ein wissenschaftliches Themenfeld, für das eigene Forschungsprojekt und die Arbeit
mit Studierenden im Zentrum. Wissenschaft wird von kaum jemandem als ‚normaler’ Beruf wahrgenommen, sondern eher als ein Privileg – was sie in vielerlei Hinsicht ja auch ist. Dass man aber mit den klassischen Mitarbeiter-oder Drittmittelstellen schleichend zum Teil eines akademischen Prekariats wird, merken die Meisten erst dann, wenn die Vertragsverlängerung mal wieder zur Hängepartie wird, wenn Stellen einfach auslaufen, wenn Abhängigkeiten ausgenutzt werden, oder schlicht dann, wenn der erste Brief der Rentenversicherung ins Haus flattert und man schwarz auf weiß sieht, dass man (wenn überhaupt) kaum nennenswerte Ansprüche hat. Und der Preis dafür, dem Hochschulsystem den Rücken zuzukehren, erscheint immer höher, je mehr Lebenszeit man investiert hat.

MB: Was kann Jeder und Jede persönlich tun? Warum geht es aber nicht allein?

KG: Aufgrund der Struktur des deutschen Hochschulsystems mit seinem steilen Hierarchiegefälle zwischen ProfessorInnen und Mittelbau sind die Möglichkeiten zum individuellen Protest eher begrenzt – oder zumindest ziemlich risikoreich. Natürlich kann und sollte Jede_r versuchen, faire  Arbeitsbedingungen für sich ‚auszuhandeln’ oder durch Gespräche z. B. mit Studierenden konkrete Missstände öffentlich zu machen. Auch die Mitarbeit in Hochschulgremien oder den Personal- bzw. Betriebsräten kann kleine Fortschritte bewirken. Aber tatsächlich nachhaltiger Erfolg scheint mir nur dann möglich, wenn wir statt auf konkrete Einzelfälle auf strukturelle Mängel hinweisen. Das
geht aber nur, wenn sich die MitarbeiterInnen über möglichst viele Fächerkulturen hinweg vernetzen und die grundlegenden Probleme identifizieren bzw. gemeinsam benennen. Individuelle Klagen können EntscheidungsträgerInnen noch als Einzelfall abtun, wenn sich aber mehrere hundert MitarbeiterInnen gegen etwas zur Wehr setzen, dann kann niemand mehr ernsthaft behaupten, dass im Grunde ja alles in Ordnung sei.

MB: Wie und wo kann Vernetzung stattfinden?

KG: Vernetzung kann schon auf der Ebene einzelner Arbeitsgruppen und Institute stattfinden. Sie muss auch häufig gar nicht so sehr den ‚offiziellen’ Charakter gewählter Gremien haben (in denen ohnehin immer professorale Mehrheiten herrschen). Das Beispiel unserer Jenaer Mittelbau-Initiative zeigt, dass es zunächst einmal wichtig ist, gemeinsame Interessen ausfindig zu machen und an entsprechender
Stelle zu artikulieren. Nach oben hin sind der Zusammenarbeit dann kaum Grenzen gesetzt, bis hin
zu hochschulpolitischen Vernetzungstreffen auf Bundesebene. Natürlich kommt hier auch die GEW als Plattform ins Spiel, in der sämtliche Strukturen – von der lokalen bis zur Bundesebene – vorhanden sind.

MB: Warum darf man nicht nur auf Gesetzesinitiativen warten, sondern muss selbst aktiv  werden?

KG: Ich möchte nicht pauschal ‚die’ Politik kritisieren, aber Fakt ist, dass die gegenwärtigen Strukturen im Hochschul- und Bildungsbereich mit vielen Instanzen, die über Mittelvergabe und -verwendung entscheiden, ganz gut zupasskommen. Warum sollte für ein System, das ja zumindest
oberflächlich betrachtet noch gut zu funktionieren scheint, mehr Geld bereitgestellt werden? Warum sollte man Stellen entfristen, wenn man sich unter dem Deckmantel von „Personalflexibilität“ und „wissenschaftlicher Dynamik“ Kürzungsoptionen und Druckmittel offen halten kann? Dass die  Hochschulen aber schon seit vielen Jahren über ihre Verhältnisse leben können, ist einzig der Motivation und dem Engagement unzähliger WissenschaftlerInnen zu verdanken. Wenn wir darauf nicht selbst aufmerksam machen, werden die strukturellen Mängel auch in Zukunft auf den Rücken Einzelner ausgeglichen.