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Aus dem Arbeitsleben einer SPFFördern UND Unterrichten: Warum nicht?

Eine Sonderpädagogische Fachkraft, kurz SPF genannt, macht was genau? Hier berichtet eine anonym bleibende SPF, die an einer großen Grundschule tätig ist, über ihren Arbeitsalltag, über die Freuden und die Schwierigkeiten und darüber, dass sie trotz Lehrbefähigung offiziell nicht unterrichtet, dies aber dennoch tut. Anerkennung ihres Arbeitgebers dafür?

03.02.2021 - Anonym (der richtige Name ist der Redaktion bekannt) - SPF an einer Grundschule in Thüringen und verantwortlich für die Förderung in acht verschiedenen Klassen der Klassenstufe 1 und 2.

Jeder kennt mich an der Schule! Wenn ich in eine Klasse komme und meine Kollegin fragt, wer gern Unterstützung durch mich erhalten möchte, dann melden sich oft mehr als die Hälfte der Kinder. Sie kennen mich, denn ich komme regelmäßig zwei- bis dreimal pro Woche zu festgelegten Zeiten in ihre Klasse und unterstütze alle beim Lernen.

Das kann oft ganz verschieden sein, manchmal sitze ich länger neben einem Kind und erkläre ihm leise flüsternd die Aufgabenstellung oder ich ändere diese Aufgabenstellung ad hoc in eine leichtere oder ich gehe mit diesem Kind bzw. einer kleinen Lerngruppe für einige Zeit aus dem Raum, um individueller zu fördern. Dabei nehme ich meistens die Kinder mit, die einen pädagogischen Förderplan haben. Dieser Plan soll dem Klassenleiter, den Eltern und mir helfen, die Stärken des Kindes zu fördern und in kleinen Schritten die nächsten Ziele abzustecken, um sie erreichbar zu machen. Ab und an kontrolliere ich auch die Kinder, die schnell im Lernen sind und gute Leistungen erbringen und hake ihre Aufgaben ab oder beantworte ihre Fragen. Ich möchte vermeiden, dass bestimmte Kinder stigmatisiert und andere bevorzugt werden. Und genau deshalb sage ich auch, dass ich allen Kindern beim Lernen helfe.

Kommunikation mit dem Kind, den Kolleg*innen und den Eltern ist elementar

Dafür sitze ich oft gemeinsam mit der entsprechenden Lehrkraft zusammen, um möglichst konkrete Ziele zu finden. Das dient letztlich dazu, das Kind richtig einzuschätzen und daraus die geeigneten Maßnahmen festzulegen. Zusätzlich bin ich meist bei dem entsprechenden Elterngespräch anwesend, um mich einerseits als Bezugsperson des Kindes vorzustellen und andererseits den entwickelten Pädagogischen Förderplan zu besprechen. Oft ergibt sich aus diesen Förderplänen, dass die Kinder zusätzlich zu ihrer regulären Stundentafel und meiner zwei- bis dreimaligen Unterrichtsbegleitung pro Woche eine möglichst individuelle Förderung benötigen.

Was geschieht in den Förderstunden?

Für diese Förderung lade ich mir die entsprechenden Kinder in kleine, möglichst homogene Lerngruppen am Nachmittag ein. In diesen Förderstunden baue ich ein vertrauensvolles Verhältnis zu meinen Förderkindern auf und versuche, mir ein möglichst genaues Bild von den Problemen jedes einzelnen Kindes zu machen. Danach biete ich entsprechende Übungen, Spiele und oder gutes Material an, um zum einen durch kleine Erfolgserlebnisse das Selbstbewusstsein zu steigern und zum anderen das Kind in seinem persönlichen Lernprozess voran zu bringen. Das alles ist oft viel kleinschrittiger als es Lehrer*innen im Unterricht realisieren könnten und bedarf einer ganz individuellen Begleitung, um Erfolg zu haben. Die fünfte und sechste Stunde ist für mich als auch für die Kinder ziemlich herausfordernd, denn nachdem ich mich bereits vier Stunden auf den Unterrichtsstoff sowie gleichzeitig auf die Fördermöglichkeiten konzentriert habe, werde ich nun zum Hauptakteur. Ich muss die Pause nutzen, um mich voll auf die Vorbereitung der Fördermaßnahme zu konzentrieren.

Die meisten Kinder lieben diese Stunden und ich auch, denn ich tue das gern und es macht meinen Beruf für mich so unendlich wertvoll. Hier erfahre ich die vielen kleinen und großen Aha-Erlebnisse, die Dankbarkeit und die Freude der Kinder. Das individuelle Fördern könnte und sollte einen deutlich größeren Stellenwert haben. Wenn ich die Anzahl der Förderstunden aus meiner Zeit am Förderzentrum mit den heutigen Möglichkeiten an einer Grundschule vergleiche, dann fühlt es sich für viele Kinder als viel zu wenig an.

Hilfe für die Eltern bei den unterschiedlichsten Förderzielen

Auf Wunsch der Eltern versorge ich diese mit zusätzlichen Materialien für das häusliche Üben. Es nutzt dem kleinen Jungen oder dem Mädchen überhaupt nichts, wenn Mama und Papa ihn oder sie immer dieselben Matheaufgaben rechnen lassen, aber noch gar keine Vorstellung vom Zahlenraum (Zuordnung von Menge und Zahl) vorhanden ist. Dieses Kind benötigt ganz andere Übungen und genau das teile ich nicht nur der/dem Klassenlehrer*in mit, sondern auch den Eltern. Beide sind meist sehr dankbar für meine Tipps und Hinweise.

Die Förderziele können dabei sehr verschieden sein - so vielfältig, wie unsere Kinder nun einmal sind. Von Problemen mit der Arbeitsorganisation, Konzentration, Ausdauer über Probleme beim Aufgabenverständnis, soziale Problematiken, nicht altersgerechte Entwicklung, mangelnde Wahrnehmung, nicht ausreichend entwickelte Feinmotorik über Verhaltensproblematiken, kognitive Beeinträchtigungen bis hin zu geistiger Behinderung, nicht altersgerechte sprachliche Entwicklungen, Sehstörungen, Hörprobleme u.v.m. haben wir in unseren Klassen die vielfältigsten Bedarfe von Kindern, die es zu unterstützen und zu fördern gilt.

Pausen dienen der Absprache, nicht der Erholung

Viele Grundschullehrer*innen sind einfach nur froh und erleichtert, wenn ich, die Sonderpädagogische Fachkraft, in der Tür zum Klassenraum stehe, um sie/ihn zu unterstützen, die Kinder im Unterricht zu fördern oder zusätzliche Förderung anbiete. Voraussetzung für ein gutes Gelingen ist das regelmäßige und genaue Absprechen und der ständige Kontakt zwischen mir und der/dem entsprechende*n Klassenlehrer*in. Für diese notwendige Kommunikation nutzen wir im Übrigen fast ausschließlich unsere Pausen, denn innerhalb des Unterrichts oder nach der fünften/sechsten Stunde geht das einfach nicht – erst Recht nicht am Montag, wenn wir nach dem Unterricht Dienstberatung haben. Die dort stattfindenden Teamberatungen dienen den Absprachen der Lehrer*innen einer Klassenstufe untereinander und sind oftmals randvoll mit inhaltlichen Fragen. In der Folge all dieser zeitlichen Engpässe komme ich morgens sehr zeitig in die Schule, um mich noch vor Beginn des Unterrichts abzusprechen und Materialien bereit zulegen. Dafür stehen mir Vor- und Nachbereitungszeit zur Verfügung.

Lehrbefähigung vorhanden, aber es darf nicht Unterricht heißen

Wenn mehrere Lehrer*innen erkrankt sind, klopft die Schulleitung am Morgen öfter an meine Tür und bittet mich, als Notlösung eine Klasse zu übernehmen. Das mache ich auch gern und ich weiß, dass ich nur gebeten werde, wenn es nicht anders geht. Da ich regelmäßig in den Klassen 1 und 2 bin, stehe ich sehr gut im Stoff und komme deshalb als Vertretung sehr gut in Frage.

Aber wie bitte schön soll ich ad hoc eine Fördermaßnahme für eine ganze Klasse in fünf Minuten vorbereiten? Das ist unmöglich. Wen genau fördere ich in dieser Stunde und mit welchem Ziel? Natürlich könnte ich bei allen Kindern einfach mal die Wahrnehmung schulen und ein Spiel zur optischen Differenzierung für alle anbieten. Oder ich könnte die Feinmotorik fördern und lasse ein Bild malen oder ich fördere die sprachliche Entwicklung aller mit einem Erzählkreis. Aber anstatt einer pauschalen Maßnahme für alle wäre doch die Fortführung des Unterricht besser, oder? Noch dazu die Kolleg*innen oftmals dafür sorgen, dass die zu behandelten Inhalte vorliegen. Meine Kolleg*innen sind sehr froh und vertrauen mir in Bezug auf das Unterrichten, denn schließlich bringe ich eine Lehrbefähigung für zwei Fächer mit. Und ob ich unterrichte oder nicht: Eine solche Vertretungsstunde wird pauschal als Fördermaßnahme und damit als Unterrichtsausfall gezählt. Ob das seitens des Bildungsministeriums so gewünscht ist, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass ich über diese Missachtung meiner Leistung und unnötig mangelnde Wertschätzung meiner Arbeit ziemlich traurig bin.

Stark veränderte Arbeitsweise durch Corona

Inzwischen ist es jedoch ein absolutes Tabu, in allen Klassen zu Gange zu sein. Corona macht das leider unmöglich. Nun stehe ich bei Schulbetrieb einer nur kleinen, festgelegten Anzahl von Klassen zur Verfügung, die ich im Unterricht begleite: In den Zeiten des Unterrichts zu Hause, unterstütze ich zum Teil die Absicherung der Notbetreuung aber ich arbeite auch mit Kindern aus den festgelegten Klassen, die in der Notbetreuung sind und stärkere Hilfe und Unterstützung bei der Bewältigung ihrer Tagesaufgaben benötigen. Dazu gehe ich mit einer kleinen Gruppe in einen separaten Raum und unterstütze so individuell, wie es mir mit vier bis fünf Kindern möglich ist. Denn in den Gruppen der Notbetreuung arbeiten am Vormittag zum Teil viele Kinder, von Klasse 1 bis Klasse 4 und fast jeder an einer anderen Aufgabe. Da kommt der/dem Horterzieher*in bzw. Lehrer*in, die/der die ganze Gruppe hat, meine Unterstützung gerade recht und die Kinder genießen die individuelle Zuwendung sowieso.