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FAQs zu sexueller Bildung

Antworten der Gesellschaft für Sexualpädagogik zu häufigen Fragen sexueller Bildung (Beitrag erschien in der tz Juni 2015)

01.06.2015

Führt Sexualpädagogik zu einer Sexualisierung von Kindern?

Nein, Sexualpädagogik bewirkt keine Sexualisierung von Kindern, sondern sie fördert ihre Kompetenz, mit vorhandenen sexuellen Gefühlen, Gedanken, Wünschen und Ausdrucksformen selbstbestimmt, verantwortlich und gewaltfrei umzugehen. […] Im Schulunterricht werden vor allem die Themen Schwangerschaftsverhütung und Prävention von Geschlechtskrankheiten behandelt. Kinder und Jugendliche wollen aber mehr wissen, weil verschiedene Formen der Sexualität in ihrer Alltagsrealität präsent sind. Über vieles möchten sie mit ihren Eltern oder Lehrkräften nicht sprechen, da es ihnen peinlich ist. Hier bieten externe Expert*innen, z. B. von pro familia, dem Sozialdienst katholischer Frauen, der Diakonie, der AWO oder Aufklärungsprojekten die Möglichkeit an, in einem geschützten Rahmen über die Fragen, Themen und Unsicherheiten, die die Jugendlichen haben, zu sprechen.

 

Was sind die Ziele von Sexualerziehung?

Zu den wichtigsten Zielen zählen Selbstbestimmung und Anerkennung. Sexualerziehung will zu einer selbstbestimmten Sexualität befähigen. Selbstbestimmt ist Sexualität dann, wenn eine Person selbst und frei von macht- oder gewaltvoller Beeinflussung entscheiden kann, wer ihr nahe sein darf, welche Berührungen als angenehm empfunden werden und welche nicht. Menschen sollen gestärkt werden, die lustvollen Seiten des Körpers, der Sinne und der Berührungen mit sich selbst und anderen zuzulassen. Dies ist wichtig, damit das Selbstwertgefühl und das Selbstbewusstsein wachsen können. Sexualpädagogik bestärkt und befähigt Menschen das auszudrücken, was sie möchten und was sie nicht möchten. Auf diese Weise gelingt es ihnen besser wahrzunehmen, was ihnen gut tut und was nicht.

Anerkennung meint, Menschen in ihrer Individualität persönlich zu achten, rechtlich zu unterstützen und sozial wertzuschätzen. Das bedeutet, dass Unterschiede zwischen Menschen anerkannt werden und keine Grundlage von Ausgrenzung oder Abwertung sein dürfen. Dies betrifft das Geschlecht, die Herkunft und eine Behinderung, aber auch die sexuelle Orientierung, wie z.B. Hetero-, Homo- und Bisexualität und die Geschlechtsidentität. Niemand darf aufgrund eines dieser Merkmale über weniger Rechte oder Anerkennung verfügen.

 

Welche Inhalte vermittelt Sexualerziehung?

Sexualpädagogik findet sowohl in schulischen als auch in außerschulischen Kontexten statt und reagiert zunächst auf Fragen der Kinder und Jugendlichen. Sie brauchen eine altersangemessene Aufklärung über körperliche und seelische Vorgänge. Dazu gehört, auch über sexuelle Vorgänge und Erfahrungen sprechen zu können und Wissen zu erhalten, um eigene Erlebnisse sowie ihr Umfeld besser einordnen zu können. Dies kann bedeuten, zu informieren und Gespräche darüber zu ermöglichen, wie Kinder entstehen und heranwachsen, dass jedes Kind besonders ist und ein Recht darauf hat, vor Abwertung und Ausgrenzung geschützt zu werden. In der Pubertät kommen andere Themen hinzu, z. B. wenn die erste Regelblutung einsetzt oder wenn sexuelle Bilder gesehen wurden, die verwirren. Manche Jugendliche wollen wissen, wie man sich im Internet vor Bloßstellung schützen kann, welche unterschiedlichen Familienformen es gibt oder was gleichgeschlechtliche Gefühle bedeuten und vieles mehr. Zudem vermittelt Sexualpädagogik, wie Beziehungen gelebt und Konflikte gelöst werden können.

 

Verwirrt oder „frühsexualisiert“ eine „Sexualpädagogik der Vielfalt"?

Nein, eine „Sexualpädagogik der Vielfalt" dient weder der Verwirrung noch der „Frühsexualisierung“ von Kindern und Jugendlichen. Sie zielt vielmehr auf einen selbstbestimmten, gewaltfreien und anerkennenden Umgang mit den vorhandenen sexuellen Gefühlen, Gedanken, Fähigkeiten und Wünschen. Dabei arbeitet sie - wie jede (Sexual)Pädagogik - stets zielgruppenorientiert und altersangemessen. […] Kindern und Jugendlichen Informationen zu verweigern, nach denen sie fragen, verwirrt sie mehr, weil sie mit ihren Fragen oder ihrem Halbwissen allein gelassen werden. Demgegenüber hilft Wissen, Eindrücke, Gefühle oder Erfahrungen besser einzuordnen. Dies gilt beispielsweise für eine Körperaufklärung, die Veränderungen in der Pubertät besser verstehen lässt oder für die Wahl des geeigneten Verhütungsmittels, aber auch wenn es darum geht pornografische Bilder einzuordnen.

 

Sind Sexualerziehung, Arbeit gegen Diskriminierung und gegen sexualisierte Gewalt nicht völlig verschiedene Themen?

Sexualität ist ein wesentlicher Bestandteil der Persönlichkeit. Sie umfasst das Verhältnis zum eigenen Körper und zum Geschlecht. Zudem hat sie auch Auswirkungen auf die Liebes- und Lebensweisen von Menschen. Die pädagogische Begleitung beim Thema Sexualität lässt sich daher nicht künstlich in Körperaufklärung, Moralerziehung, Geschlechtserziehung, Anti-Diskriminierung und Prävention von sexuellen Übergriffen aufteilen. Die Bearbeitung dieser Themen bildet zusammen eine ganzheitliche Sexualpädagogik. Gerade deshalb ist Sexualerziehung von der KMK nach dem fächerübergreifenden Prinzip und von den einzelnen Bundesländern in Richtlinien verankert worden. Manche Kinder und Jugendliche werden gerade wegen ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Geschlechtsidentität oder ihres Geschlechtsausdrucks diskriminiert und sind gewalttätigen Übergriffen ausgesetzt. Sie brauchen die Unterstützung und die Begleitung aller Lehrkräfte, Eltern und ggf. von Beratungseinrichtungen. Daher ist Sexualpädagogik auch Anti-Diskriminierungsarbeit. Bestandteil einer jeden sexualpädagogischen Arbeit ist die Auseinandersetzung mit Vielfalt und die Auseinandersetzung mit individuellen Grenzen, mit gesellschaftlichen Machtstrukturen und sexualisierter Gewalt. Sexualpädagogik ist in diesem Sinne immer Gewaltprävention, denn sie zielt auf die Stärkung von Kindern und Jugendlichen (Henningsen/ Beck 2014). Kinder und Jugendliche sollten ihre eigenen Gefühle, ihre eigenen Grenzen und die der anderen wahrnehmen können und wissen, was sie wollen bzw. was sie nicht wollen.

 

Ab welchem Alter sollte man Kinder mit dem Thema Sex konfrontieren?

Die Sexualpädagogik konfrontiert Kinder und Jugendliche nicht mit Sexualität, sondern sie ermöglicht es ihnen altersangemessen, zielgruppenorientiert und wertschätzend mit sich selbst, ihren Fragen und dem, was sie in ihrer Lebenswelt wahrnehmen, selbstbestimmt umzugehen. Kinder kommen - meist durch Gleichaltrige oder Medienkonsum - sehr früh mit verschiedenen Themen in Berührung und stellen sich Fragen: Conchita Wurst gewinnt den Eurovision-Song-Contest, der Ex-Kapitän der deutschen Fußballnationalmannschaft, Thomas Hitzlsperger, outet sich als Homosexueller, im Kindergarten erzählt ein Kind davon, dass es zwei Mütter hat. Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt existieren, sie sind im Leben von Kindern und Jugendlichen schon früh präsent.

 

Wollen sich alle 12- oder 13-Jährige so detailreich mit dem Thema auseinandersetzen? In dem Alter beginnt das Interesse an Sexualität doch erst zaghaft.

[...] Die pädagogische Praxis zeigt, dass einige Kinder und Jugendliche Fragen zu Themen wie sexuelle Praktiken, Sexspielzeug oder BDSM haben. Meist nicht in dem Sinne, dass sie selbst mit solchen Sachen Umgang haben oder sie für sich für wesentlich halten. Aber solche Details tauchen als Begriff oder Bild z. B. im Internet auf und fließen in Gespräche unter Jugendlichen ein. Studien zufolge haben ca. zwei Drittel der Jugendlichen zwischen elf und 17 schon Erfahrung mit Pornografie gemacht (Klein 2015). Dies wirft bei den Jugendlichen Fragen auf. Manche Jugendliche bringen solche Themen in den Unterricht mit und andere nicht. Grundsätzlich gilt: Die individuellen Grenzen der Kinder sind zu achten. Alle Methoden beruhen auf Freiwilligkeit. Es muss niemand über sich selbst sprechen oder etwas tun, was sie oder er nicht möchte. [...]

 

Die ungekürzte Fassung der FAQs siehe: www.gsp-ev.de/index.php

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