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Fachkräftemangel an Kitas?Fachkräftesicherung, Aufwertung des Berufsfeldes und gebührenfreie Kindertagesbetreuung! In dieser Reihenfolge.

Studie zur Berechnungen der Nachfrage und des Angebotes an pädagogischem Personal in Perspektive 2030.

03.09.2020 - Nadine Hübener - Referentin für Bildung

Die im Arbeitsbereich Arbeit-, Industrie und Wirtschaftssoziologie der FSU entstandene Studie analysiert die Situation der Fachkräfteentwicklung bis zum Jahr 2030. Sie wurde vom Thüringer Landesförderverein Kindertagesstätten e.V. (TLfK e.V) gemeinsam mit den beiden Gewerkschaften GEW und Verdi in Auftrag gegeben.

Der TLfK e.V. war maßgeblicher Initiator des damaligen Volksbegehrens „Für eine bessere Familienpolitik“ und setzt sich seit Anbeginn für eine dem Bildungsanspruch in der frühkindlichen Förderung gerecht werdende Personalausstattung ein. Die beiden DGB-Gewerkschaften GEW und Ver.di waren ebenfalls Mitglieder des genannten Volksbegehrens und mahnten seit langem attraktivere und tarifrechtlich gesicherte Arbeitsbedingungen im Arbeitsfeld an. Andernfalls drohe ein hausgemachter, landes- und kommunalpolitisch zu verantwortender Fachkräftemangel.

Die Fachkräftesituation in Thüringer Kindertageseinrichtungen - digitale Pressekonferenz

Für diesen Beitrag in der tz haben wir Passagen der Studie genutzt, miteinander verbunden und neu strukturiert. Die zentralen Ergebnisse der Studie zur Fachkräftesituation in Thüringer Kindertageseinrichtungen lauten:

1. Die große Mehrzahl der Einrichtungen weist eine polarisierte Altersstruktur mit vielen jungen Kolleg*innen und vielen Erzieher*innen, die kurz vor der Rente stehen, auf. Das Fehlen der mittleren Alterskohorte (40-50 Jahre) resultiert wesentlich aus den Personalrückgängen in den 90er Jahren und hat Auswirkungen auf die Arbeitsorganisation, den Wissenstransfer und die krankheitsbedingten Ausfallzeiten.

Daten des statistischen Landesamtes zeigen, dass etwa jede zehnte Erzieher*in in der Altersgruppe 60+ ist und unmittelbar vor dem Renteneintritt steht.

Quelle: Onlinedatenbank des Thüringer Landesamtes für Statistik (2019)

Ein Teil der Interview-Partner*innen für die leitfadengestützen Interviews der Studie hat bereits die Erfahrung gemacht, dass „innerhalb kürzester Zeit relativ viele ausscheiden“ und das mit den steigenden Renteneintritten „Erfahrung, Konstanz, Durchhaltevermögen verloren“ gehen. Einigkeit besteht darüber, dass es die wenigsten Erzieher*nnen bis zum gesetzlichen Renteneintritt schaffen. Das tatsächliche Eintrittsalter vieler Kolleg*innen wird bei 62 bis 64 Jahren verortet. Als Ursachen werden die hohe Arbeitsbelastung und „viele Langzeiterkrankungen, vor allem Knie, Schulter, Rücken“ benannt. Die meisten Befragten wissen, dass die Bevölkerungsvorausberechnungen rückläufige Kinderzahlen prognostizieren. Sie gehen allerdings davon aus, dass sich die Nachfrage nach Kita-Plätzen regional sehr unterschiedlich entwickeln wird. Es wird angenommen, dass sie in den Ballungsgebieten und entlang der A4 stabil bleibt bzw. in einzelnen Regionen sogar weiter zunehmen wird.

Falsche Prognosen und damit Fehlplanungen in der Vergangenheit

Anders im ländlichen Raum, wo einige Akteur*innen zum Teil deutliche Rückgänge erwarten und diese vor dem Hintergrund von Rekrutierungsengpässen teilweise auch erhoffen. Manche Gesprächspartner*innen geben allerdings zu bedenken, dass sich in der Vergangenheit prognostizierte Geburtenrückgänge als falsch erwiesen haben und hieraus erhebliche Fehlplanungen resultierten. Zudem wird auf die steigenden fachlichen Anforderungen und die Notwendigkeit einer Verbesserung der Fachkraft-Kind-Relationen hingewiesen, was eine mögliche demografische Entlastung schnell kompensiert. Hinzu kommt, dass in einigen Ballungszentren voraussichtlich ein Ausbau an Kita-Plätzen notwendig ist. In diesem Zusammenhang wird auf Jena, Eisenach, Gera und vor allem auf Erfurt verwiesen, wo laut Bedarfsplanung des Jugendhilfeausschusses aktuell 500 Kita-Plätze fehlen.

Aufgrund steigender Renteneintritte müssen bis zum Jahr 2030 rund 40 % des pädagogischen Personals ersetzt werden. Aktuell arbeiten rund 14.500 Personen als pädagogisches Personal in Thüringer Kitas (ohne Leitungskräfte). Bis 2030 werden aufgrund von Renteneintritten in der erwartbaren Variante rund 6.000 neue Fachkräfte benötigt. Würden die Personalschlüssel auf ein Niveau angehoben werden, wie wir es fordern (1:3 bei den Unterdreijährigen und 1:7,5 bei den Überdreijährigen), würden rund 19.000 zusätzliche Fachkräfte gebraucht.

Quelle: Onlinedatenbank des Thüringer Landesamtes für Statistik (2019)

Gleichzeitig ist von 2015 bis 2019 die Zahl an Absolvent*innen, die an Thüringer Fachschulen eine Erzieherausbildung absolvieren, von 1.117 auf 795 gesunken. Weil auch in vielen anderen Branchen händeringend Nachwuchs gesucht wird, sind immer weniger junge Menschen bereit, die fünf Jahre lange und unvergütete Ausbildung zu absolvieren. Voraussichtlich werden bis 2030 etwa 7.000 Erzieher*innen in Thüringen ausgebildet.

Wachsende Konkurrenz um den wenigen Nachwuchs

Ein weiterer Grund, der für das rückläufige Angebot an Nachwuchsfachkräften benannt wird, ist, dass die Konkurrenz zu anderen Tätigkeitsfeldern wächst. Auch die Hilfen zur Erziehung und die Jugendarbeit sind typische Arbeitsfelder von Erzieher*innen, in denen seitens der Heimaufsicht, der Träger und der Einrichtungen ein akuter Personalmangel benannt wird. Zwar steht das Arbeitsfeld der Kitas beim Übergang von der Ausbildung in den Beruf an erster Stelle, allerdings berichten viele Gesprächspartner*innen, dass sich die Konkurrenz um Erzieher*innen verschärft hat. Dies betrifft vor allem Schulhorte und erzieherischen Hilfen, in denen die Nachfrage ebenfalls stark zugenommen hat. Bei der Bewertung der Fachkräftesituation sind die Übergangsquoten in andere Tätigkeitsfelder aus Sicht einer/s Referent*in in der Vergangenheit zu wenig berücksichtig worden: „Und darauf hat sich das Ministerium eben auch viele Jahre lang ausgeruht, dass sie gesagt haben
also von den Zahlen, was wir brauchen, das passt alles überein“.

Alle befragten Branchenakteur*innen nehmen war, dass sich die Rekrutierungsbedingungen deutlich verschlechtert haben. Besonders aus Trägersicht wird die Gewinnung und Bindung von qualifiziertem Personal als zentrale Herausforderung benannt. Dies betrifft insbesondere befristete Stellen, die aus Beschäftigungsverboten
und Langzeiterkrankungen resultieren. Ein Teil der Referent*innen und Kita-Leitungskräfte berichtet zudem von regulären Fachkraftstellen, die über längere Zeit nicht besetzt werden können. Gerade in strukturschwachen oder abgelegenen Regionen, aber auch in grenznahen Gebieten gestaltet sich die Rekrutierung schwierig.

Sinkende Qualität der Bewerber*innen

In der Mehrzahl der Fälle berichten die Gesprächspartner*innen, dass sie zwar „die meisten Fachkraftstellen noch gedeckt (bekommen), aber mit anderen Qualitäten“ und „nicht mehr nach Wunschvorstellung“. „Rein rechnerisch geht es sich noch aus“, allerdings sinkt das Niveau der Bewerber*innen bei zugleich steigenden fachlichen Anforderungen. Während man in der Vergangenheit aus einer Vielzahl an Interessent*innen auswählen konnte, ist man heute „teilweise froh, wenn man eine gute Bewerbung hat“. Ein/e Referent*in erzählt beispielhaft die Geschichte einer Einrichtung in einer ländlichen Region, die auf eine unbefristete Stelle nur zwei Bewerbungen bekommen hat, darunter eine auf einer Postkarte (A5). Eine Kita- Leitungskraft berichtet, dass es auf die letzten zwei Stellenausschreibungen jeweils nur eine Bewerberin gab und die habe man „dann auch nehmen müssen“. Nahezu alle Gesprächspartner*innen beklagen das insgesamt sinkende Niveau von Fachschulabsolvent*innen und Praktikant*innen. Zugleich wachsen die Ansprüche der Nachwuchsfachkräfte an gute Arbeits- und Entlohnungsbedingungen. „Unter unbefristet geht bei uns gar nichts mehr“, so eine Kita-Leitung im Gespräch.

Als Ursache des sinkenden Ausbildungsniveaus wird die veränderte Arbeitsmarktsituation benannt und darauf verwiesen, dass die Fachschulen im Zuge rückläufiger Bewerber*innenzahlen die Eintrittsbarrieren gesenkt haben. Die „Schulen nehmen Leute, die nicht geeignet sind, aber keiner sagts ihnen“, kritisiert beispielsweise
eine Mitarbeiterin im Bereich der koordinierenden Fachberatung. Einige Referent*innen berichten überträgerinterne Ranglisten und das bestimmte Fachschulen, darunter vor allem Privatschulen,bei der Rekrutierung gemieden werden. Teil des Problems ist, dass auch die Fachschulen unter Fachkräfteengpässen leiden. Die stellv. Abteilungsleiterin der Abteilung Soziales an einer großen Thüringer Berufsschule berichtet im Gespräch, dass in den nächsten fünf Jahren 20 der aktuell 35 Lehrkräfte ausscheiden und „es kommt wenig nach, was passt“.

Auch aufgrund einer hohen Arbeitsbelastung und einer vergleichsweise geringen Entlohnung falle die (Neu-)Besetzung von Berufsschullehrerstellen schwer.

Gute Arbeitsbedingungen als Erfolgsgarant

Viele Interviewpartner*innen nehmen war, dass aufgrund der verbesserten Arbeitsmarktchancen, die Personalfluktuation zugenommen hat. Folgerichtig profitieren Einrichtungen, die besonders gute fachliche oder bauliche Rahmenbedingungen aufweisen und/oder höhere Löhne als der Durchschnitt zahlen. In den Gesprächen mit kommunalen Trägern und freien Trägern, die nach TVÖD zahlen, wurden weder Rekrutierungsengpässe noch eine hohe Fluktuation als Herausforderungen benannt.

Auf den ersten Blick gilt daher: Solange mindestens 85 % der ausgebildeten Erzieher*innen in Thüringen verbleiben, deckt die Absolvent*innenzahl rein rechnerisch den Fachkräftebedarf ab. Davon ist aus oben benannten Gründen nicht auszugehen. Zudem gilt: Bereits heute gibt es Fachkräfteengpässe.

2. Hinzu kommt, dass es in den alten Bundesländern aufgrund von Geburtenanstiegen, Zuwanderung und wachsenden Betreuungsquoten eine stark steigende Nachfrage und große Engpässe an pädagogischem Personal gibt. Weil die Personalschlüssel deutlich besser und die Löhne erheblich höher sind, ist von steigenden Abwanderungszahlen auszugehen. Besonders in ländlichen und in grenznahen Regionen gibt es in Thüringen bereits heute zum Teil große Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen.

Die Statistik der Bundesagentur für Arbeit zu Entgelten nach Berufen ermöglicht einen Ländervergleich der Bruttomonatsentgelte (Median) für den Berufszweig Erzieher*innen / Sozialpädagog*innen / Heilerziehungspfleger*innen: Im Dezember 2017 war das Einkommensniveau in Sachsen und Sachsen-Anhalt auf einem ähnlichen Niveau wie Thüringen (rund 3000 €), wohingegen die Entgelte in Bayern, Niedersachsen und Hessen 10-15 % höher lagen. Insgesamt verdienen die betrachteten Berufsgruppen in den neuen Ländern rund 11 % weniger als in den alten Ländern, bei einer zugleich höheren durchschnittlichen Wochenarbeitszeit.

Die in der BA-Statistik abgebildeten Lohnunterschiede zeigen sich auch mit Blick auf die kollektivrechtlichen Regelungen der freien Träger in den einzelnen Bundesgebieten. Ein Vergleich zwischen Wohlfahrtsverbänden in Thüringen, Bayern, Hessen und Niedersachsen macht die zum Teil erheblichen Einkommensdifferenzen innerhalb der freien Träger deutlich. Konkret sind in der nachfolgenden Tabelle die Jahresbrutto-Entgelte für Erzieher*innen mit etwa drei Jahren Berufserfahrung abgebildet. Die Auflistung zeigt, dass die Entgeldunterschiede zum Teil erheblich ausfallen können:

Unabhängig von den benannten Unterschieden, fällt die Zufriedenheit der pädagogischen Fachkräfte mit ihrer Entlohnung bundesweit gering aus. Eine Sonderauswertung des DGB-Index Gute Arbeit zeigt auf, dass 69 % der befragten Erzieher*innen ihr Einkommen mit Blick auf die eigene Arbeitsleistung gar nicht oder nur in geringem Maße für angemessen erachten. Dass demgegenüber nur rund ein Drittel (32 %) aller befragten Lehrer*innen ihre Entlohnung als unangemessen bewertet, verwundert nicht angesichts der erheblichen Einkommensunterschiede zwischen beiden Berufsgruppen.

Ein Teil der interviewten Branchenakteur*innen verweist darauf, dass soziale Dienstleistungen generell unterbezahlt sind. „Diese Frauenberufe werden einfach schlechter bezahlt und schlechter angesehen. Und gerade im Elementarbereich ist es einfach so, das wird als Frauensache und Kinderkram angesehen“, äußert beispielsweise eine Erzieherin im Gespräch. Eine Fachreferentin erachtet vor allem die Hochschulabsolvent*innen und Heilpädagog*innen für unterbezahlt, befürchtet aber bei unterschiedlichen Eingruppierungen einen „Krieg in den Teams“. Viele Befragte betonen, dass die Löhne in der Vergangenheit gestiegen sind und man vom eigenen Einkommen auch ohne Probleme den Lebensunterhalt bestreiten könne. Mit Blick auf die hohe Verantwortung und die gesellschaftliche Bedeutung des Erzieher*innenberufes wird das Lohnniveau dennoch häufig als unangemessen bezeichnet.

„Für das Geld arbeite ich nicht!“

Besonders Kita-Leitungskräfte verweisen auf ihre herausfordernden Aufgabenprofile und die deutlich höheren Einkommensmöglichkeiten in Lehrer*innenberufen. Nahezu einstimmig kritisiert werden die erheblichen Tarifunterschiede zwischen den Trägern. Eine Erzieherin berichtet von Bewerbungsgesprächen, bei denen ihr 600 bis 800 Euro brutto weniger angeboten wurden. „Und ich habe denen dann gesagt: ‚Das war sehr nett, das Gespräch, aber Leute, für das Geld arbeite ich nicht‘. Ich bin 30 Jahre im Job und ich bin echt hoch qualifiziert“.

Als Treiber dieser Entwicklung wird die geringe Finanzkraft der Kommunen identifiziert, was bei der Vergabe von Einrichtungen zu einer Bevorzugung der besonders günstigen Träger führt. Die freien Träger leiden einerseits unter dieser Entwicklung, halten diese andererseits aber auch durch Unterbietungswettbewerbe und Konkurrenzkämpfe in Gang. Die Teamleiterin eines freien Trägers, der als einer der wenigen Träger in Thüringen nach TVÖD entlohnt, berichtet, dass man aufgrund der höheren Personalkosten immer wieder Probleme bei der Beantragung neuer Einrichtungen habe. In der Folge expandieren in Thüringen die Träger mit den geringsten Löhnen am stärksten, wie ein/e Fachreferent*in schildert.

3. Ohne politische Gegenmaßnahmen werden sich die bereits heute bestehenden Engpässe in Perspektive 2030 zu einer deutlichen Mangelsituation ausweiten. In der Folge drohen nicht nur Schließungen und Versorgungsengpässe, sondern vor allem eine Verschlechterung der Betreuungsqualität.

Auf Grund des Personalmangels und der hohen Ausfallzeiten liegen die Fachkraft-Kind-Relationen schon jetzt zum Teil unterhalb der gesetzlichen Vorgaben. Diese wiederum liegen deutlich unterhalb dessen, was zahlreiche Experten überhaupt als Voraussetzung für gelingende frühkindliche Bildungs- und Entwicklungsprozesse benennen.

Daten des statistischen Bundesamtes zeigen, dass der Personalschlüssel in Thüringer Kitas besonders niedrig ist. In Gruppen mit Kindern unter 3 Jahren ist eine Bezugsperson für 5,5 Kinder zuständig, wohingegen es bundesweit 4,2 und in Bayern beispielsweise 3,7 Kinder sind. Auch in Gruppen mit Kindern im Alter von 2 bis unter 8 Jahren liegt der Personalschlüssel in Thüringen mit 1:10,7 deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 1:8,4 (Statistisches Bundesamt 2018).

Eine Kita-Leitung schildert, dass es früher normal gewesen ist, dass „17 bis 19 Kinder von einer Fachkraft betreut werden“. Allerdings erforderte dies eine „Kollektiverziehung“, die weder mit dem Bildungsplan noch mit den eigenen fachlichen Konzepten vereinbar ist. Eine andere Leitungskraft wünscht sich mehr Ressourcen „für die Kleingruppenarbeit oder die Eins-zu-Eins-Betreuung“ und betont, dass gerade Kinder mit einem schwierigen häuslichen Umfeld „manchmal mehr als nur 16 Kinder und einen Erzieher“ brauchen. Hinzu kommt, dass es aufgrund der hohen Ausfallzeiten, die in der Regel weit über der gesetzlich vorgesehenen Quote von 15 % liegen, „oftmals gar nicht möglich ist, den gesetzlich geforderten Mindestpersonalschlüssel in der Betreuung der Kinder zu erfüllen“. Mehrere Befragte berichten, dass besonders in den Randöffnungszeiten die Mindestpersonalschlüssel unterschritten werden. Eine häufig benannte Ursache ist, dass bei der Berechnung der Schlüssel neun Stunden Betreuungszeit zugrunde gelegt werden, die Einrichtungen jedoch gesetzlich verpflichtet sind, zehn Stunden zu öffnen und häufig auch elf oder sogarzwölf Stunden geöffnet haben.

Bürokratie frisst die Ressourcen auf

Der enorme bürokratische Aufwand, der bei der monatlichen Anpassung der Personalschlüssel entsteht, wird von nahezu allen Gesprächspartner*innen kritisiert. Neben den Ausfallzeiten müssen die im Jahresverlauf schwankenden Kinderzahlen und die Verschiebung der Altersgruppen der Kinder berücksichtigt werden. „Ich sitze nur für eine Kindertageseinrichtung ein bis zwei Tage an meiner Personalplanung, um jedes Kind, jeden Monat einzutakten, um zu gucken, wie alt ist es denn, was kommt für ein Faktor an Personal für den Monat hinten raus, und dann einen Durchschnitt daraus zu bilden“. Eine andere Referentin führt aus: „Es geht ja bis vier Stellen nach dem Komma der Personalschlüssel (…). Das ist schon ein Riesenaufwand das hinzubekommen. Das ist das Erste. Das zweite ist, dass wir manchmal die Personalschlüssel für den Monat auch erst im laufenden Monat gemeldet bekommen. Wenn ich dann von der Planung abweiche, habe ich schon ein Problem“.

Weil man häufig nicht in der Lage sei, die Planungsabweichungen (z. B. aufgrund von Langzeiterkrankungen oder Schwangerschaftsausfällen) im laufenden Monat auszugleichen, verschenke man erstens Geld an die Kommunen und müsse sich zweitens auch noch gegenüber dem Ministerium rechtfertigen, so die Bereichsleiterin. Für die Beschäftigten resultieren aus der Anpassung der Personalschlüssel wiederum hohe Flexibilitätsanforderungen. Um diese zu gewährleisten, werden häufig Grund- oder Sockelarbeitsverträge vergeben, wobei Teilzeitarbeit der Normalfall ist. „Das heißt wir haben immer wieder das Problem, dass wir die Kollegen so flexibel halten müssen, dass wir mit den Stunden, je nachdem wie die Geburtsdaten der Kinder sind, in den Monaten hoch und runtergehen“. Statt monatlicher Neuanpassungen plädiert die Gesprächspartnerin für Jahres-Mindestpersonalschlüssel, bei denen Schwankungen über das Jahr ausgeglichen werden können. Ein weiterer, von verschiedenen Akteur*innen benannter Verbesserungsvorschlag, betrifft die Abschaffung altersspezifischer Personalschlüssel. Stattdessen wird für eine Unterteilung in zwei Gruppen (Unter-Dreijährige und der Über-Dreijährige) plädiert.

Teil des Problems ist, dass die Einrichtungen versuchen, die benannten Problemlagen unter allen Umständen abzufedern, um nicht zu einer Verschlechterung der Situation der Klient*innen beizutragen. Beispielsweise führt ein/e Referent*in aus, dass der hohe Personalnotstand in der Regel nicht kommuniziert wird und Schließzeiten nur selten verkürzt werden: „Das erzeugt natürlich Unmut, aber da ist eine Hemmschwelle da, die Maßnahmen zu ergreifen und das auch umzusetzen. Und es ist einfach auch so, dass die Fachkräfte Bindungen eingehen mit den Kindern, mit den Familien. Wir sehen häufig auch die Notlagen in denen die sind und versuchen, denen alles recht zu machen und da wirklich familienunterstützend tätig zu sein. Und das führt dazu, dass eben dadurch auch nicht alles ans Licht kommt, was tatsächlich in der Praxis los ist“.

Vor dem Hintergrund einer veränderten Arbeitsmarktsituation ist es fraglich, ob Erzieher*innen auch zukünftig bereit sind, nach dem Motto Allgemeinwohl vor Eigenwohl zu handeln. Viele Gesprächspartner*innen berichten, dass die Ansprüche der jüngeren Generation an gute Arbeitsbedingungen und an eine Vereinbarkeit von Arbeit und Leben gestiegen sind.

4. Wie die vorliegende Studie zeigt, ist eine gute Kindertagesbetreuung wünschenswerter Weise gebührenfrei, bedarf aber zunächst der Fachkräftesicherung und einer Aufwertung des Berufsfeldes.

Diese Teilziele sind eine notwendige Voraussetzung, um den Beruf attraktiv zu machen, damit die gute Infrastruktur und die hohen Betreuungsquoten in Thüringen verstetigt werden können. Zugleich kann nur so eine Betreuungsqualität gewährleistet werden, die tatsächlich dem Anspruch gerecht wird, Erziehung und Bildung im Kleinkindalter als eine sehr wichtige gesellschaftliche Aufgabe zu definieren.

Die Auftraggeber der Studie sehen angesichts der pädagogischen Herausforderungen, der demographischen Fakten und der Fachkräftesituation dringenden Handlungsbedarf für die Landes- und Kommunalpolitik. Noch in der laufenden Legislaturperiode ist eine Novellierung des Thüringer Kindergartengesetzes und die
Berücksichtigung in den Haushalten des Landes und der Kommunen erforderlich.

Die Vorsitzende des TLfK e.V., Bettina Löbl, schlussfolgert:

„Man muss keine Hellseherin sein um vorherzusagen, dass sich die Lage in den Kindergärten dramatisch zuspitzen wird. Wenn immer weniger Erzieher*innen zur Verfügung stehen, müssen Öffnungszeiten verkürzt und im schlechtesten Fall Kindergärten geschlossen werden.“

Kathrin Vitzthum, Landesvorsitzende der GEW, betont:

„Anhand der Studie wird deutlich, dass zu den Arbeitsbedingungen von Erzieherinnen und Erziehern auch deren Entgelte gehören. Zur Sicherung sowohl des aktuellen als auch eines zukünftigen Fachkräftebedarfs bedarf es einer materiellen Aufwertung des Berufes. In Thüringen lässt sich dies am stärksten durch die Anwendung von guten, das bedeutet am TVöD orientierten, Tarifverträgen realisieren. Gerade die Corona-Krise zeigt, dass Beschäftigte und Einrichtungen unter dem Schutz von Tarifverträgen besser durch schwere Zeiten kommen als andere.“

Die Geschäftsführerin von ver.di Thüringen, Corinna Hersel, sagt dazu:

„Durch die Studie wird offenbart, dass Thüringen in den nächsten Jahren Anstrengungen unternehmen muss, um den aktuellen wie auch zukünftigen Fachkräftebedarf zu erfüllen. Die Ausbildungsplätze und Studienangebote für Fachkräfte müssen erhöht und die Ausbildung attraktiver gestalten werden. Dafür müssen Gebühren und das Schulgeld abgeschafft, die staatlichen Berufsschulen gestärkt, die praxisintegrierte Ausbildung und ihre tarifliche Vergütung flächendeckend eingeführt und Möglichkeiten eines qualifizierten Quereinstiegs eröffnet werden.“