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Evaluation statt Tests

Die GEW lehnt auf Durchschnittswerte abzielende Leistungstests ab. Ein Bildungsmonitoring müsste jede Schule in die Lage versetzen, individuelle wie kollektive Lernfortschritte regelmäßig zu evaluieren, sagt Schulexpertin Ilka Hoffmann.

06.12.2016 - Ilka Hoffmann, Leiterin des GEW-Vorstandsbereichs Schule

"Man kann nur verbessern, was man messen kann", so das Credo von Andreas Schleicher, dem Leiter der Bildungsabteilung der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Dieses Credo machen sich auch Bildungspolitiker in Deutschland zu eigen und nennen die regelmäßigen auf Durchschnittswerten und Stichproben beruhenden internationalen und nationalen Vergleichsuntersuchungen "Bildungsmonitoring". Natürlich nutzen auch wir die gewonnenen Daten für die politische Argumentation, sie bestätigen doch das, was wir schon lange wissen: Dass trotz geringfügig besserer Schülerleistungen der Bildungserfolg nach wie vor von der sozialen Herkunft der Kinder und Jugendlichen abhängt. Bei jeder neuen Test-Runde, so auch jetzt wieder bei der aktuellen Studie des Instituts für Qualitätsentwicklung in der Bildung stellen die Autorinnen und Autoren fest, dass die Stadtstaaten schlechter abschneiden als die Flächenländer.

Konservative, die weitgehend an separierenden Schulstrukturen festhalten wollen, zeigen regelmäßig mit dem Finger auf Bremen und Berlin und verweisen auf deren angeblich "leistungsfeindliche" Experimente mit integrativeren Schulformen. Zuweilen unterliegen Politiker auch vereinzelt dem Reflex, allein die Lehrkräfte für mangelhafte Leistungen der getesteten Schülerschaft verantwortlich zu machen.

Die besonderen pädagogischen Herausforderungen durch soziale Notlagen vieler Familien und die hohe Zahl eingewanderter Kinder und Jugendlicher in den Städten blendet Politik dagegen weitgehend aus. Bringt uns das weiter? Sind wirksame Maßnahmen für die Bildung von Kindern und Jugendlichen aus psychosozial benachteiligten und einkommensschwachen Familien ergriffen worden? Nein! Die Bildungsforschung misst weiter eine "Bildung", die sich damit begnügt, gewisse Standards in bestimmten Fächern zu erzielen. Und: Man versucht, anhand durchschnittlicher Leistungswerte auf das Bildungsniveau eines Landes zu schließen. Das aber ist genauso wenig aussagekräftig, als wenn man die Armut in Deutschland anhand der Durchschnittseinkommen der Bevölkerung messen würde.

Bildung lässt sich nicht in Durchschnittswerten messen

Anders ausgedrückt: Was nützt es einem Wohnungslosen, wenn das Jahreseinkommen in Deutschland im Schnitt bei etwa 35 000 Euro liegt? Gar nichts. Das ist eine Messlatte, die nichts über die tatsächliche gesellschaftliche Spaltung in Deutschland aussagt – die sich auch auf Bildungseinrichtungen und -biografien auswirkt.

Bildung findet in höchst unterschiedlichen Schulen und Schulformen statt. Und sie hat dann Erfolg, wenn alle Kinder und Jugendlichen in ihrer jeweils spezifischen Lern- und Lebenssituation Fortschritte machen, wenn sie Partizipation und Selbstwirksamkeit erleben sowie im Alltag erfahren, was Zugehörigkeit und Demokratie bedeuten. Und wenn Bildung ihnen dazu verhilft, sinnvolle Ziele für ihr Leben zu entwickeln – und Pädagoginnen und Pädagogen sie unterstützen, diese zu realisieren.

Das, was Bildung für die Gemeinschaft und den einzelnen Menschen ist, lässt sich nicht in Zahlen und Durchschnittswerten erfassen. Qualität von Bildung misst sich daran, ob jeder Einzelne an allgemeinen Bildungsangeboten teilhaben kann.

Ein echtes Bildungsmonitoring müsste deshalb jede Schule in die Lage versetzen, individuelle wie kollektive Lernfortschritte ebenso wie das Schulklima regelmäßig zu evaluieren. Hier ist die Wissenschaft gefragt, Instrumente gemeinsam mit den Schulen zu entwickeln und die Lehrkräfte dabei methodisch zu begleiten.

Politik ist gefragt, die Rahmenbedingungen (Zeit, Freiräume, personelle und materielle Ressourcen) dafür zu schaffen. Auf Durchschnittswerte von Leistungstests können wir getrost verzichten.

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