GEW Thüringen
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Aufruf an die Gewerkschafter*innenEs reicht noch lange nicht!

100 Jahre Frauenwahlrecht werden 2019 in Deutschland – ja was eigentlich? – jedenfalls nicht gefeiert. Warum wir uns nicht zurücklehnen und ausruhen können.

02.12.2019 - Katja Nonn - Landesausschuss Diversity - Vertreterin im Bundesfrauenausschuss

Als ich im vergangenen Jahr die Frauenzukunftskonferenz der GEW in Berlin besuchte, hatte ich vor allem erwartet, mich dort mit Frauen über aktuelle Probleme und Lösungsansätze auszutauschen. Mir war klar, dass dieses Treffen sicher kein gemütliches Kaffeekränzchen werden würde. Trotzdem hatte ich gehofft, dass wir an einem Punkt wären, der für Frauen in Deutschland und weltweit bedeutet, dass wir weitgehend selbstbestimmt unseren Weg gehen können. Was ich stattdessen bekam, war ein nicht unerheblicher Schreck über die derzeitige Situation in Deutschland und weltweit.

Wir leben im Jahr 2019 und diskutieren ernsthaft in Deutschland über ein sogenanntes „Werbeverbot“ für Abtreibungen. Frauen, die sich öffentlich äußern, völlig egal zu welchem Thema, werden mittels Mord- und Vergewaltigungsandrohungen mundtot gemacht. Debatten über sexualisierte Gewalt an Frauen werden meist unsachlich und mit einer Schuldzuweisung an die Opfer geführt. Die Arbeit in deutschen Haushalten ist nach wie vor ungleich verteilt, das Einkommen ebenfalls. Altersarmut ist vor allem eins: weiblich.

Das Alles und noch viel mehr macht mich vor allem eins: Unfassbar wütend!

Aber woran liegt es, dass wir 100 Jahre, nachdem die ersten Frauen wählen und gewählt werden durften, immer noch solche Kämpfe führen müssen? Wenn wir auf unsere aktuelle Situation in Thüringen schauen, dann ließe sich hier ein wichtiger Grund finden. Wenn dieser Artikel erscheint, fanden die Landtagswahlen in Thüringen
bereits statt. Und auch wenn wir Frauen seit nunmehr 100 Jahren sowohl das aktive als auch das passive Wahlrecht haben, sind von den 499 Kandidat*innen, die sich zur Landtagswahl aufstellen lassen, gerade einmal 135 Frauen.

135 Frauen. Das sind lediglich 27,05 Prozent!

Und hier ist nicht garantiert, dass alle diese Frauen dieselbe Chance erhalten, in den Landtag einzuziehen. Somit müssen wir uns nicht wundern, wenn Themen wie KiTa-Plätze, körperliche Selbstbestimmung oder ungleich verteiltes Einkommen eher als „Gedöns“ abgetan und nachrangig behandelt werden.

Es hat sich dennoch viel getan in Deutschland und vor allem auch in Thüringen.

In der vergangenen Wahlperiode hatte der Landtag des Freistaats den höchsten Frauenanteil bundesweit. Die Auswirkungen waren deutlich spürbar. Einen Feiertag mehr für Familien, zwei beitragsfreie KiTa-Jahre, Verbesserungen in den Eingruppierungen der verschiedenen Bildungsberufe.

Doch es geht noch mehr, diese Errungenschaften reichen noch lange nicht aus. Wir als Gewerkschafter*innen müssen nun den neuen Landtag und die neue Regierung weiter kritisch begleiten. Wir müssen unseren Forderungen Nachdruck verleihen und unseren vielen Stimmen Gehör verschaffen. Wir sollten nicht zulassen, dass unsere Fortschritte wieder zurückgenommen werden. Denn dass dies möglich ist, zeigen aktuelle Beispiele weltweit, etwa in den USA.

Lassen wir es nicht so weit kommen.

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