GEW Thüringen
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Versuch einer Zusammenfassung„Es ist eine starke Ohrfeige für die SPF,

deren Aufgabenfelder zu erweitern, ohne ihnen eine angemessene Wertschätzung zu gewähren.“ Das ist nur ein Zitat aus unzähligen Briefen, E-Mails und Telefongesprächen, die die GEW Thüringen in den letzten Wochen erreichten.

03.02.2021 - Kristina Argus, Andreas Heimann - Leitungsteam Referat Allgemein- und berufsbildende Schulen

Fast unbemerkt, weil von der alles beherrschenden Corona-Pandemie überlagert, wurde im Spätherbst die überarbeitete Thüringer Schulordnung (ThürSchulO) rückwirkend zum 01.08.2020 in Kraft gesetzt. In dieser wurden zahlreiche Anpassungen an das novellierte Thüringer Schulgesetz (ThürSchulG) vorgenommen, aber auch mal so nebenbei einschneidende Neuerungen oder besser Erweiterungen von Aufgabenbereichen der Sonderpädagogischen Fachkräften (SPF) festgeschrieben.

„Fast unbemerkt“? Nicht so von den betroffenen SPF, die nun seit geraumer Zeit ihren Unmut, Wut und Protest zu den Veränderungen in ihren Tätigkeitsfeldern auf verschiedenen Wegen und an verschiedenen Stellen mit Recht kundtun. Einige Äußerungen haben wir im Folgenden versucht zusammenzufassen.

Zu den Aufgaben im Gemeinsamen Unterricht (GU)

„Es hat sich in den letzten Jahren eingebürgert, dass die SPF im GU exakt die gleichen Aufgaben übernehmen muss wie ein Lehrer; vor allem, wenn sie alleine an einer Netzwerkschule eingesetzt ist. Dies erfolgt bei geringerer Vergütung und höherer Stundenzahl (30 FM *1,25 Umrechnungsfaktor zu 25 Lehrerwochenstunden *1,5).“„Zu den formulierten Aufgaben muss man wissen, das de facto im Gemeinsamen Unterricht sonderpädagogische Fördermaßnahmen (SPF) und Förderunterricht (FÖS-Lehrer) dasselbe sind.“

„Wie Sie sehen, hat die Sonderpädagogische Fachkraft mehr Auf-gaben als der FÖS-Lehrer im GU.“

Zu den Gutachten

„Vor einigen Jahren wurde allen SPF untersagt, Gutachten eigenständig und gerichtsverwertbar zu erstellen, da wir keine Qualifikation zum Erstellen solcher Dokumente besitzen. Nun wird diese Kompetenz sogar von sonderpädagogisch nicht ausgebildeten Heilerziehungspflegern verlangt.“

„Ich habe die Qualifikation, Gutachten zu schreiben. Das sieht aber bei meinen Kolleginnen nicht so aus. Es ist also die Frage zu klären, wann das Ministerium die SPF dafür qualifizieren will. Wir wollen gute Arbeit leisten und erwarten von unserem Arbeitgeber, dass er uns entsprechende Qualifizierungsangebote macht.“

„Wir erwarten spezifische Fortbildungen, in denen die Befähigung zum Fortschreiben von gerichtsverwertbaren Gutachten, Abschluss-gutachten und dem eigenständigen Erstellen von Förderplänen erworben werden kann.“

„Erst nach erfolgreichem Abschluss dürften diese SPF den Aufgabenbereich „Gutachtenfortschreibung“ übernehmen und sollten entsprechend der Anzahl der zu begutachtenden Kinder Abminderungsstunden erhalten.“

„Die wieder aufgenommene Aufgabe der Erstellung und Fortschreibung der Sonderpädagogischen Gutachten stellt hohe qualitative Anforderungen an die Sonderpädagogischen Fachkräfte. Sonderpädagogische Fachkräfte mit akademischen Fachabschluss sollten mindestens in die E11 eingruppiert werden.“

Zur Ferienbetreuung

„Sonderpädagogische Fachkräfte haben die Rolle der Ferienbetreuung an den Förderzentren übernommen, weil dort keine Erzieher beschäftigt sind. Sonderpädagogische Fachkräfte sind nicht für die Ferienbetreuung und die Ganztagsbetreuung außerhalb der Förderzentren zuständig.“

„Das Land Thüringen hat durch das ThILLM Erzieher im Bereich Inklusion fortgebildet. Diese Ausbildung sollte ausgeweitet werden, denn dann können die Personen, die für Hort und Ferienbetreuung zuständig sind, auch gezielt für die Kinder mit Förderbedarf da sein.“

Zur Vertretung

„Sonderpädagogische Fachkräfte sollten die vertretenen Unterrichts-stunden im Gemeinsamen Unterricht und am Förderzentrum als solche im Klassenbuch eintragen und sie als Unterricht honoriert bekommen.“

Zur Wertschätzung

„Seit Jahren fühlen wir uns wie Pädagogen zweiter Klasse und die billige Variante des Sonderpädagogen.“

„Eine Absenkung der Fördermaßnahmen auf 25 Stunden kann ich nur begrüßen, denn neben dem Schreiben von Förderplänen und Gutachten sind damit auch die erweiterte Teilnahme an Klassenkonferenzen und Elterngesprächen erforderlich.“

„Ich persönlich habe kein Problem mit der Aufgabe der Gutachtenerstellung, wenn dafür eine entsprechende Abgeltung angerechnet wird.“

„Es wird von uns erwartet, diese erweiterten Aufgaben ohne eine Wertschätzung (Abminderungs-/Arbeitszeit, Gehalt, ...) zu leisten.“

„Wir sehen in diesem erweiterten Arbeitsfeld eine höherwertige Tätigkeit, welche mit Abminderungsstunden oder einer Vergütung anerkannt werden muss.“

„Bitte setzen Sie sich dafür ein, dass ... die Arbeitsbedingungen für Sonderpädagogische Fachkräfte denen eines Förderschullehrers in Bezug auf Aufgabenfelder, Arbeitszeit und Entlohnung angeglichen werden.“

Einigkeit

So unterschiedlich die Ansichten zu den erfolgten Erweiterungen auch sein mögen, in einem sind sich fast alle SPF einig: Wenn Aufgaben neu hinzukommen oder erweitert werden, dann nur mit der entsprechen-den Anerkennung in Form einer höheren Eingruppierung und/oder der Absenkung der Fördermaßnahmen bzw. Abminderungsstunden, um Zeit für die erweiterten Aufgaben zu haben.

Nehmen wir Minister Helmut Holter bei einem seiner Lieblingssätze beim Wort: „Wir müssen uns ehrlich machen!“ Und mal ehrlich, ist das die Wertschätzung von der immer die Rede ist?

Sonderpädagogische Fachkräfte leisten täglich Hervorragendes an den Förderzentren und im Gemeinsamen Unterricht. Ohne ihr Engagement und die Bereitschaft auch zu unkomplizierten Lösungen, würde es an mancher Netzwerkschule düster aussehen. Und da empfinden die meisten von ihnen die Neuerungen der ThürSchulO für sie als „Schlag ins Gesicht“.

Da muss die GEW Thüringen den Minister mal ehrlich machen: „Es ist eine starke Ohrfeige für die SPF, deren Aufgabenfelder zu erweitern, ohne ihnen eine angemessene Wertschätzung zu gewähren.“