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Es gibt viel zu tun! Die Umfrageergebnisse zur Entwicklung der Thüringer Gemeinschaftsschule (TGS)

Die AG TGS der GEW Thüringen führte eine Online-Umfrage zur Entwicklung von Gemeinschaftsschulen durch. Hier sind die wichtigsten Ergebnisse, die einen Rückschluss auf anstehende Aufgaben zulassen.

08.06.2016 - Kristina Argus im Namen der AG TGS

Die GEW betrachtet mit ihrem visionären Ziel „Eine Schule für alle“ die Gemeinschaftsschule als einen Schritt in die bildungspolitisch richtige Richtung. Deshalb arbeitet die AG TGS an Gelingensbedingungen für Gemeinschaftsschulen und will damit das Bildungsministerium (TMBJS) zum Überarbeiten gesetzlich hemmender Regelungen auffordern. Hier sollten wir auf offene Türen stoßen, denn genau dieses Ziel findet sich auch im Koalitionsvertrag. Bis jetzt scheint sich das Ministerium mit der stetigen, aber geringen Zunahme an TGS-Gründungen zufrieden zu geben. Aktuell 36 (Stand Mai 2016) staatliche und 18 private Gemeinschaftsschulen in Thüringen sind nicht das von der Koalition angestrebte„flächendeckende Angebot für längeres gemeinsames Lernen“, 25 weitere Schulen haben laut neuester Aussage der Bildungsministerin den Antrag auf Zulassung zur TGS gestellt. Solange in Thüringen Parteien in Regierungsverantwortung sind, die Interesse daran haben, dass sozial bedingte Bildungsbenachteiligung kompensiert wird, dass alle Kinder und Jugendliche bestmöglich entsprechend ihrer persönlichen Fähigkeiten gefördert werden und deshalb für den Ausbau von Gemeinschaftsschulen stehen, sollte die Legislaturperiode auch dazugenutzt werden.

An der von der Arbeitsgruppe TGS kürzlich durchgeführten anonymen Online-Umfrage zur Entwicklung von Gemeinschaftsschulen haben sich 76 Kolleg*innen aus 34 staatlichen TGS und aus allen Schulamtsbereichen, die an dieser Schulart arbeiten, beteiligt (siehe oben Grafik 1).

Wir möchten uns hiermit herzlich bei allen Kolleg*innen bedanken, die sich die Zeit genommen und den Fragebogen beantwortet haben. Die GEW Thüringen hat mit der Auswertung der Antworten viele Hinweise und Aufträge für die weitere gewerkschaftliche Arbeit erhalten. Im Folgenden möchten wir die Ergebnisse der Umfrage und die Schlussfolgerungen, die wir daraus ziehen, vorstellen.

Anlass für die Gründung der TGS

Hier bestätigte sich, was sich bei unseren verschiedenen Schulbesuchen bereits angedeutet hatte – inhaltliche und pädagogische Gründe überwiegen (siehe Grafik 2). 

Die Antworten spiegeln die unterschiedlichen Bedingungen der Schulstandorte wider. Von Schulen, die seit 20 Jahren reformpädagogisch arbeiten und seitdem auch längeres gemeinsames Lernen praktizieren, über Kommunen, die ein vielfältiges Angebot mit allen Schularten bieten möchten, bis zu Schulen, die eine Schließung aufgrund des Schulnetzplanes vermeiden wollten.

Initiatoren der TGS-Gründung

Mit unserer Frage nach den Initiatoren der TGS-Gründung zeigt sich,

  • dass bei 32,6% eine engagierte Schulleitung den Anstoß gegeben hat,
  • dass nur 13,0% der Schulträger ein Interesse hatten,
  • dass in einigen Fällen (sechs Antworten) die gewünschte Gründung einer TGS sogar auf Widerstand und Ablehnung bei Politik und Verwaltung stieß,
  • dass 14,5% der Teilnehmer*innen angaben, dass die Eltern die Einrichtung der TGS angeregt hatten, und
  • dass nur sehr selten die Schüler*innen selbst die Initiative ergriffen (3,6%).

Nicht immer steht das ganze Kollegium dahinter, hier haben wir einen geringeren Wert von 26,8%. (Dies spiegelt sich auch in der Antwort auf die Frage, ob es Versetzungswünsche von Kolleg*innen gab, die das Konzept einer TGS nicht mittragen wollten, wider. Von 56 Teilnehmer*innen*innen beantworteten 39,2% diese Frage mit „ja“.) Die Anmeldezahlen an den TGS zeigen, dass zwar viele Eltern das Angebot zum längeren gemeinsamen Lernen ihrer Kinder gern annehmen, aber selten von sich aus Interesse signalisieren. Die fehlende Initiative der Kommunen und die ablehnende Haltung gegenüber Gemeinschaftsschulen sind sicher in einzelnen Fällen auf Parteipolitik zurückzuführen.

Unterstützung vom Bildungsministerium bzw. ThILLM

Interessant ist die Einschätzung, was die Unterstützung seitens des Ministeriums bzw. des ThILLM betrifft (siehe Grafik 3). Die Mehrheit der TGS profitieren von der Unterstützung. Deutlich wurde beim Abgleich mit anderen Antworten, dass weitaus weniger Probleme an den Schulen zu verzeichnen sind, die fachliche und organisatorische Unterstützung in Anspruch genommen haben. An diesen Schulen ist das Interesse aller Beteiligten an einer TGS-Gründung größer, die Anzahl von Versetzungswünschen ist um die Hälfte geringer, es gibt weniger Probleme kooperierende Grundschulen bzw. Gymnasien und es werden neue pädagogische Konzepte (insbesondere Rhythmisierung und Differenzierung) als Verbesserung für die Schüler gesehen. Außerdem ist hier die Zufriedenheit der Kolleg*innen mit der Schulentwicklung überwiegend mit sehr gut und gut beurteilt worden.

Kooperationspartner

Einige benachbarte Grundschulen sehen durch das Zusammengehen mit einer TGS für sich Probleme bzw. Schwierigkeiten (= 14,5% der Teilnehmer*innen). 16,1% der Kolleg*innen bestätigten bei einer weiteren Frage, dass bisher keine kooperierende Grundschule gefunden werden konnte. In erster Linie möchten kleine Grundschulen in ländlichen Gebieten ihren Standort behalten. Mehrfach genannt wird die Sorge der Schulleitung an Grundschulen, dass ihr Posten überflüssig wird. Weiterhin werden unterschiedliche Ansichten zum pädagogischen Konzept als Problem gesehen. Das Finden eines kooperierenden Gymnasiums gestaltete sich in einigen Fällen als schwierig, aber durchführbar (8,8% von 60 Teilnehmern). 11,3% der Teilnehmer gaben an, bisher kein kooperierendes Gymnasium gefunden zu haben.

Bei einigen Schulen stellte sich nicht die Frage, da sie schon seit vielen Jahren eine gymnasiale Oberstufe besitzen, andere möchten eine eigene Oberstufe aufbauen. Ein Eingreifen des Ministeriums, um ein Gymnasium zuzuordnen, gab es laut Fragebogen jedoch nur einmal. Es wurde angegeben, dass angesprochene Gymnasien eine zu hohe Belastung der Beschäftigten in Folge einer veränderten Schülerschaft und der damit notwendigen starken Förderung befürchten. Weiterhin werden fehlende Räumlichkeiten bzw. der notwendige Schülertransport als hinderlich angesehen.

Arbeitsbelastung

Sehr ausführlich begründeten die 61 Teilnehmer*innen den aus ihrer Sicht höheren Arbeitsaufwand (siehe Grafik 4) an einer TGS:

  • Mehr Vorbereitung für Differenzierung bzw. Individualisierung (Haupt-, Real-, Gymnasialniveau, Förderschüler*innen und Migrant*innen),
  • Teamabsprachen,
  • Sitzungen,
  • fächerübergreifenden und Projektunterricht,
  • Jahrgangsmischung,
  • Ganztagsbetreuung,
  • Elternarbeit,
  • Aufbau der Oberstufe,
  • Bürokratie,
  • Öffentlichkeitsarbeit,
  • Schulentwicklung

Eingruppierung

Zu dieser Thematik liegt der GEW eine Petition einer TGS vor. Diese und das Antwortschreiben der GEW-Landesvorsitzenden Katrin Vitzthum sind hier nachzulesen. Die Unzurfriedenheit mit den unterschiedlichen Bezahlungen für die gleiche Arbeit an einer TGS geht aus Grafik 5 hervor. 

Zufriedenheit mit der Entwicklung

Insgesamt schätzen die Kolleg*innen die Entwicklung ihrer Gemeinschaftsschule mit 19,6% als sehr gut, 41,1% als gut, 30,4% als zufriedenstellend und 5,8 % als schlecht ein. Am zufriedensten mit der Entwicklung sind die Kolleg*innen im Schulamtsbereich Mitte (vorwiegend „sehr gut“ und „gut“) und Ost (vorwiegend „gut“). In den Bereichen Nord und Süd dominiert die Bewertung „gut“ bis „zufrieden“, im SSA West wird die Situation meist als „zufriedenstellend“ bewertet.

Interessant ist der Zusammenhang zwischen Gründungsanlass und Zufriedenheit mit der Schulentwicklung. An Schulen, die das längere gemeinsame Lernen als Anlass für die Gründung genannt haben, wurde die Zufriedenheit mit der Schulentwicklung deutlich besser eingeschätzt. Schulen, die nicht in erster Linie aus pädagogischen Gründen, sondern aufgrund des Schulnetzplanes eine TGS gegründet haben, sind mit der Entwicklung ihrer Schule dagegen weniger zufrieden.

Bei der Auswertung wurde außerdem ein positiver Zusammenhang zwischen kommunalen Interessen, geeigneten räumlichen und sächlichen Voraussetzungen sowie der Zufriedenheit der Kolleg*innen mit der Entwicklung der Schule festgestellt.

Forderungen an das Bildungsministerium

Trotz überwiegend positiver Einschätzungen der Kolleg*innen gibt es noch eine Vielzahl von Unsicherheiten und Schwierigkeiten. In einer der Fragen baten wir um Nennung von Wünschen bzw. Forderungen an das Bildungsministerium für die weiteren Entwicklung der TGS. Hier die meistgenannten Antworten:

  • Verbesserung der personellen Ausstattung durch Neueinstellungen ausgebildeter Fachlehrer*innen*innen, Sozialpädagog*innen, Sonderpädagog*innen, Erzieher*innen in Vollzeit,
  • sächliche Ausstattung dem Bedarf anpassen, Geld für Ausstattung an die Kommunen,
  • höheren Arbeitsaufwand anerkennen (Anrechnungsstunden für Mehraufwand),
  • Verwaltungsaufwand minimieren,
  • gleiches Geld für gleiche Arbeit, Beförderungen und Höhergruppierungen,
  • Unterrichtsverpflichtung angleichen,
  • neue Arbeitszeitmodelle,
  • Altersteilzeitmodelle,
  • Lehrer*innen*innengesundheit,
  • zügige Funktionsstellenbesetzung,
  • Ausbildung der Lehrer*innen*innen anpassen (= Lehramt Gemeinschaftsschule einrichten),
  • praxisnahe Fortbildung,
  • Lehrpläne auf Umsetzbarkeit überprüfen,
  • mehr eigenverantwortliche Entscheidungen zulassen,
  • Stärkung der Akzeptanz der TGS in der Öffentlichkeit.

Zu den einzelnen Schwerpunkten wurde bereits eine Vielzahl konkreter Umsetzungsvorschläge gemacht. 

Resümee

Im Ergebnis der Umfrage bleibt festzustellen, dass der Start und die Entwicklung einer TGS auch mit verschiedensten Ausgangsbedingungen erfolgreich gestaltet werden kann. Dazu ist es jedoch notwendig, dass seitens des Arbeitgebers die Voraussetzungen geschaffen werden, die eine Umsetzung der Konzepte in hoher Qualität ermöglichen. Die Gemeinschaftsschule wird an ihren Ergebnissen gemessen werden, den Vergleich mit anderen Schularten bestehen und an Akzeptanz in der Gesellschaft gewinnen – oder eben nicht.

Um aber die Motivation und das hohe Engagement der Kolleg*innen an den TGS zu erhalten, bedarf es insbesondere einer Verringerung der Arbeitsbelastung, mehr Wertschätzung und Abschaffung der Ungleichheiten zwischen den Lehrkräften. Hier muss die Landesregierung endlich aktiv werden, wenn sie ihren Koalitionsvertrag ernsthaft erfüllen will.

Die GEW Thüringen wird sich weiterhin einmischen, denn es geht um gute Bildung und gute Arbeitsbedingungen an Thüringer Schulen. Unter anderem plant die AG TGS im Herbst ein Fachgespräch mit Politiker*innen, Lehrer*innen, Schüler*innen und Eltern zur weiteren Gestaltung der Gemeinschaftsschule. Alle Interessierten seien dazu schon heute herzlich eingeladen!

Wer Kontakt zur AG TGS aufnehmen möchte oder Nachfragen zur Umfrage hat, wendet sich bitte

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