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Es braucht mehr Medienkompetenz!

Marcus Heyn, Sprecher der AG LSBT*I* der GEW, über Hasskommentare und Gewalt im Netz, die für Kinder und Jugendliche längst Normalität sind.

01.06.2018 - Marcus Heyn - Sprecher der AG LSBT*I* der GEW

Seit der Social-Media-Revolution Ende der 1990er Jahre wird der Umgang mit Nachrichten und das Miteinander im Netz immer bedeutsamer. Nicht zuletzt Meldungen über  Manipulation von Wählerstimmen und das demokratiezersetzende Potential von Fake News zeigen die negativen Auswirkungen, die die digitale Kommunikation mit sich bringen kann. Deshalb wird immer öfter und immer lauter die Herausbildung von Nachrichten- oder Medienkompetenz im Netz gefordert. Dass unter anderem Facebook Anfang dieses Jahres seine AGB aktualisiert und mehr Transparenz zugesichert hat, geht nicht allein auf den Missbrauch privater Daten zur Beeinflussung des US-Wahlkampfes  zurück. Das Netzwerkdurchsuchungsgesetz, kurz NetzDG, hat daran einen ebenso entscheidenden Anteil. Seit dem 1. Januar 2018 werden soziale Netzwerke zur aktiven Bekämpfung von Hass, Hetze und illegalen Inhalten angehalten. Deren Löschung soll innerhalb von 24 Stunden erfolgen, ansonsten drohen Geldstrafen. Volksverhetzung, Hate Speech und Cyber-Mobbing soll damit Einhalt geboten werden. Auch auf EU-Ebene wird seit Längerem über ein Gesetz zur Bekämpfung von Hass und Urheberrechtsverletzungen im Netz nachgedacht. Doch juristische Sanktionen helfen nicht allein, um kompetent mit Inhalten im Web 3.0 umzugehen. Auch Nutzer*innen  und die institutionelle Bildung sind gefragt, Nachrichten- und Medienkompetenz auszubilden.

  • Unerreichbare Aktualität von Schulbüchern

Schulbücher greifen bereits immer öfter den Umgang mit neuen Medien sowie Gewalt im Netz auf – doch können auch diese nur bedingt auf aktuelle Entwicklungen Bezug  nehmen: Der inzwischen landläufige Begriff der Fake News etwa taucht bisher in so gut wie keinem Lehrwerk auf, da er noch ziemlich jung ist (erfreuliche Ausnahmen bilden die Lehrbücher „Politik erleben“ der Westermann-Verlagsgruppe). Doch ist es eine wichtige Schlüsselkompetenz, die Wahrhaftigkeit von Informationen überprüfen zu können. Die OECD spricht hier von global skills, die in künftigen PISA-Untersuchungen berücksichtigt werden sollen. Denn die neue Form der Öffentlichkeit ermöglicht es, dass  jeder Mensch alles in den digitalen Äther schleudern kann – unabhängig von Pressecodices, sorgfältiger Recherche oder redaktioneller Kontrolle. Mitteilungen jeder Art können  so rasant vervielfältigt, verfälscht und instrumentalisiert werden, sie besitzen das Potenzial der rasanten Verselbständigung. Die einen bezeichnen dies als Demokratisierung öffentlicher Kommunikation, andere als „Triumph der Schwarmdummheit“ (Martin Spiewak). Nicht außer Acht gelassen werden darf dabei, dass soziale Netzwerke als kommerzielle Einrichtungen das Bestreben haben, dass sich ihre User so lange wie möglich auf ihrer Seite aufhalten. Gelockt werden diese u. a. durch polarisierende, skurrile  oder populäre Inhalte. Die Boulevardisierung von Nachrichteninhalten ist die notwendige Folge. Informationen werden somit mit dem Fokus auf das human interest mithilfe von  Algorithmen und social bots auf jede*n Nutzer*in zugeschnitten. Fertig ist die personifizierte Filterblase.

  • Besorgniserregendes Mediennutzungsverhalten

Vor diesem Hintergrund erscheint das inzwischen gut untersuchte Mediennutzungsverhalten von Studierenden und Schüler*innen besorgniserregend. Die TU Dresden fragte 2017 Lehramtsstudierende nach ihren bevorzugten Nachrichtenquellen und ermittelte, dass häufig als erste Quelle die sozialen Medien genannt werden, während Zeitungen etwa nur von 20 Prozent der Befragten gelesen würden. Ein Fünftel bildete sich sogar einzig und allein über Informationen, die ihnen von Facebook, Google oder Freund*innen in ihre Filterblase gespült werden. [1]

Gleichzeitig hält sich laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2017 der Enthusiasmus für den Einsatz neuer Medien in der Gruppe der Studierenden in Grenzen. Von allen befragten Fachgruppen waren zukünftige Lehrkräfte am wenigsten aufgeschlossen gegenüber digitalen Medien. [2] Das überrascht, wenn man bedenkt, dass diese die  nächste Generation auf die Wirklichkeit vorbereiten wollen. Die spielt sich bei Kindern und Jugendlichen immer öfter im Netz ab. Gemäß der KIM-Studie, einer Untersuchung des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen von 2016, nutzt bereits jede*r Sechs- bis Siebenjährige das Internet. „Mit zunehmendem Alter steigt der Anteil bis auf 90 Prozent bei den Zwölf- bis 13-Jährigen an (8-9 Jahre: 60 %, 10-11 Jahre: 75 %).“ Fast jede*r fünfte Acht- bis Neunjährige besitzt ein eigenes Smartphone, bei den 10- bis 11-Jährigen ist es beinah jede*r zweite, bei den Zwölf- bis 13-Jährigen etwa 61%. [3]

  • Digitale Medien als Bestandteil des Alltags

Für Kinder und Jugendliche sind digitale Medien demnach ein wichtiger und selbstverständlicher Bestandteil ihres Alltags. Von der Quantität der Mediennutzung darf aber nicht auf die Medienkompetenz geschlossen werden. Eine Untersuchung der Stanford Graduate School of Education kam zu dem Ergebnis, dass ein Großteil der Jugendlichen Nachrichteninhalte nicht von Werbebotschaften unterscheiden kann. Außerdem unterschätzen sie oft die Risiken und Folgen ihres Handelns im Netz. Dass sie darüber hinaus mit Hasskommentaren oder unangemessenen Inhalten in Berührung kommen, ist eine Folgeerscheinung der Nutzung neuer Medien. Laut einer FORSA-Umfrage von 2017 wurden 94 Prozent der 14- bis 24-Jährigen bereits mit Hasskommentaren konfrontiert, nur 30 Prozent meldeten diese aber. [5]

  • Medienkompetenz bisher nicht im Fokus von Schule

Die Nutzung digitaler Medien sowie der Umgang mit diesen ist deshalb ein wichtiges Thema in der Bildung. Doch werden diese noch immer viel zu wenig in Schulen eingesetzt. Zunächst liegt dies an der unzureichenden Infrastruktur, die einen spontanen Einsatz neuer Medien im Unterricht verhindert. Deutschland schneidet diesbezüglich im internationalen Vergleich schlecht ab. [4]

Auch stehen manche Pädagog*innen neuen Medien ablehnend gegenüber, nicht zuletzt aus Angst, dass die Schüler*innen versierter mit diesen umgehen können. Für einen sichereren Umgang mit digitalen Medien müssen diese als Inhalte in die Aus- und Weiterbildung integriert werden. Doch noch immer gilt auch in Thüringen: „Wenn ein Student will, kann er in seinem gesamten Studium und im Referendariat um die Arbeit mit neuen Medien herumkommen.“ [4]

 


Zu den Studien:
[1] TU Dresden (2017): Reuters Institute Digital News Survey.
[2] Bertelsmann Stiftung (2017): Monitor Digitale Bildung. Die Hochschulen im digitalen Zeitalter.
[3] Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2016): KIM-Studie. Kindheit, Internet, Medien.
[4] Landesanstalt für Medien NRW (2010): Medienkompetenz in der Schule. 
[5] Forsa (2017): Hate Speech. 

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