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Sichtbarkeit: Judentum in ThüringenErinnerung und Zukunft: Der Griff durch die Geschichte

„Neun Jahrhunderte jüdisches Leben in Thüringen“. So lautet das Motto unter dem das Themenjahr 2020/21 steht, das auf Anregung und in Abstimmung mit der jüdischen Landesgemeinde und den christlichen Kirchen ins Leben gerufen wurde. Ganz bewusst wurde hierbei der zeitliche Zusammenhang zum 1700-jährigen Jubiläum des Dekrets von Kaiser Konstantin an den Rat der Stadt Köln aus dem Jahre 321 hergestellt, so heißt es auf der Website des Freistaates. Das Dekret berechtigte – wohl aufgrund finanzieller Engpässe – die in Köln lebenden Juden zur Übernahme von Ämtern des städtischen Magistrats und ist der früheste Hinweise auf die Kölner jüdische Gemeinde. Dennoch eine positive Tendenz, bevor im Jahr 1424 die Juden des Kölner jüdischen Viertels „up ewige tzyden“ vertrieben wurden.

04.12.2020 - Jana Bonn - Referentin für Bildung

Die Anfänge: Jüdisches Leben in Thüringen

Zurück nach Thüringen: Die jüdische Besiedlung Thüringens begann vermutlich im 10. Jahrhundert, gesicherte Quellen liegen für das 12. und 13. Jahrhundert vor. Erste Erwähnungen beziehen sich auf damals bereits etablierte Gemeinden. Ein einzigartiges schriftliches Zeugnis ist der Text der Eidesformel für Erfurter Juden vom Ende des 12. Jahrhunderts, die auf die Existenz einer größeren jüdischen Gemeinde und auf bestehende Handelsbeziehungen schließen lässt. Die Juden wohnten damals in der Nähe der städtischen Handelszentren. Da es den Christen im Mittelalter nach kanonischem Recht verboten war, Geld zu verleihen und Zinsen einzunehmen und Juden das zunftgemäße Gewerbe nicht offenstand sowie der Ackerbau verboten war, mussten sie durch Handel, Pfandleihe oder Zins- und Wechselgeschäft ihren Lebensunterhalt verdienen.

Die Jüdische Gemeinde im Spätmittelalter in Thüringen

Im Laufe des 13. Jahrhunderts blühten die Gemeinden trotz wiederholter Übergriffe auf. Der mittelalterliche Antijudaismus war auch in Thüringen verbreitet. Ende des 13. Jahrhunderts gab es regelrechte Pogromserien, die sich von Stadt zu Stadt ausbreiteten. Die Erfurter Juden konnten 1303 durch die Zahlung einer hohen Geldsumme an den Stadtrat ihr Leben retten. Nach dem Pestausbruch 1349 eskalierten die Pogrome jedoch weiter: Nachdem man den Juden die Schuld an der Pestepidemie gegeben hatte, rief Markgraf Friedrich II. von Thüringen höchstpersönlich seine Untertanen zum Mord an den Juden auf. In Erfurt wurden damals 100 jüdische Bürger ermordet. Bei einem anschließenden Brandanschlag kamen weitere 900 Menschen ums Leben. Diese Pogromwelle erreichte auch weitere Städte Thüringens. Trotzdem siedelten sich schon wenige Jahre nach dieser Katastrophe wieder einzelne jüdische Familien in thüringischen Städten an. Maßgebend dafür waren wirtschaftliche Gründe, da die Städte die Einnahmen aus den Judensteuern brauchten und deshalb den Juden wieder die Tore geöffnet hatten. Die Stadt Erfurt bereitete diese Ansiedlung sogar planmäßig vor, so baute sie „Judenhäuser“ zur Vermietung (1355) und sogar eine Synagoge (1357). Mit der Zeit entwickelte sich aufs Neue eine blühende jüdische Gemeinde, die durch ein rabbinisches Schiedsgericht und Rabbiner-Synoden über die Stadtgrenzen hinaus Bedeutung erlangte. Die rechtliche Situation der Juden war allerdings deutlich schlechter als in der Zeit vor der Pest. Sie wurden mit hohen Abgaben, Sondersteuern und diskriminierenden Vorschriften belastet.

100 Jahre später kam es zu einer weiteren Katastrophe für die Juden in Thüringen. Durch die Hetzpredigten des Franziskaners Capestrano in Erfurt und Jena (1452) wurde eine weitere Serie von Pogromen ausgelöst. Nach und nach wurden die Juden aus den thüringischen Städten vertrieben. Die Stadt Erfurt erhielt 1458 vom Mainzer Bischof die Bestätigung, dass die Juden „auf ewige Zeiten“ ausgewiesen waren. Die Vertriebenen flohen damals nach Osten in das viel gastfreundlichere Polen. Mit dieser Vertreibung war die mittelalterliche jüdische Kultur in Zentral- und Nordthüringen ein weiteres Mal ausgelöscht. Lediglich im südlichen Thüringen konnte ein Landjudentum bis ins 20. Jahrhundert überleben. Es ist etwas Besonderes, dass sich bis heute viele Jahrhunderte zurückreichende Zeugnisse jüdischen Lebens erhalten haben und ein vielfältiges jüdisches Erbe so sichtbar wird.

Die Katastrophe: Die Shoah und Thüringen

Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts konnten sich wieder jüdische Bürger in Thüringen niederlassen und neue Gemeinde gründen; immer noch unter sehr erschwerten Bedingungen, wie sich am Beispiel der Stadt Erfurt zeigen ließe. Der Bau einer Synagoge im Jahr 1840 zeigt, dass sich hier eine Gemeinde herausgebildet hat. 1930 gab es in Thüringen insgesamt 27 jüdische Kultusgemeinden.

Während der Zeit des Nationalsozialismus erlitten die Thüringer Juden das gleiche schreckliche Schicksal wie ihre Glaubensgenossen im ganzen Land. Viele jüdische Männer wurden verhaftet und ins nahe gelegene Konzentrationslager Buchenwald verbracht. Durch die Firma „Topf & Söhne“ ist Thüringen, ist Erfurt auf’s Engste mit der Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten an den europäischen Juden und Jüdinnen verbunden. Ohne die bereitwillige Unterstützung des Erfurter Konzerns wäre die Shoah so nicht möglich gewesen. In den zahlreichen erhaltenen Dokumenten lässt sich eindeutig das umfassende Wissen über die Nutzungsabsicht der Verbrennungsöfen nachweisen. Dass es sich nicht mehr um Krematoriumsöfen handelte, lag offen. Rekonstruieren lässt sich über Briefwechsel der Firma und der Lager-SS auch die Bereitschaft und Skrupellosigkeit der Weiterentwicklung der Verbrennungsöfen. Dies führte intern zu einem technischen Wettstreit zwischen Kurt Prüfer und seinem Vorgesetzten Fritz Sander, der technische Zeichnungen in seiner Freizeit anfertigte. Von Angst oder pressierendem Zwang durch SS kann keine Rede sein. Das Unternehmen verhielt sich durchweg selbstbewusst in dieser „Geschäftsbeziehung“ und mahnte ausstehende Beträge selbstbewusst an, verhandelte ohne Zugeständnisse über den Einsatz der Beschäftigten vor Ort. Im Konzentrationslager Auschwitz waren Monteure der Firma immer wieder über mehrere Monate vor Ort und im Bilde. Dabei handelte es sich in der Firma weder bei Leitung noch bei Angestellten um überzeugte Nationalsozialisten, wie sich belegen lässt.

Wenige Tage vor Redaktionsschluss fand das Gedenken an die Novemberpogrome des Jahres 1938 statt. Im Zuge der Novemberpogrome 1938 wurde die Große Synagoge zu Erfurt (vgl. Abbildung I) vollkommen zerstört. Erst später, zur Zeit der DDR, wurde ein neues Gotteshaus errichtet. Gewalt gegen Juden gab es schon vor dem 9. November 1938.

„Bis dahin haben Boykotte, Berufsverbote, Nürnberger Rassegesetze und andere Schikanen Juden das Hierbleiben bereits unerträglich gemacht. Mit dem 9. November 1938 begann die systematische Arisierung Deutschlands. Umso wichtiger ist es, dass wir auch heute aufmerksam sind und modernen Formen des Antisemitismus, gerade auch dem israelbezogenen Judenhass, entschlossen entgegentreten“,

betont der DIG-Präsident Uwe Becker.

Die Jüdische Landesgemeinde zur Zeit der DDR

Nach dem Kriegsende 1945 kehrten 127 Überlebende aus dem Lager Theresienstadt nach Thüringen zurück, davon 15 nach Erfurt. Tausende waren für immer verschwunden. Dazu kamen etwa 400 Überlebende aus der Breslauer Gegend, die als Shoah-Überlebende die ehemaligen deutschen Gebiete verlassen mussten. 1946 wurde der Landesverband Thüringen gegründet, zu dem die Gemeinden Erfurt, Eisenach, Jena und Mühlhausen gehörten. In der Erfurter Gemeinde begann man auf Initiative des damaligen Vorsitzendes Max Cars schon bald mit Planungen für den Bau einer neuen Synagoge, die dann tatsächlich als einziger Synagogen-Neubau der DDR am 31. August 1952 eingeweiht werden konnte. Die neue Synagoge sollte zwar errichtet werden, aber lediglich als bescheidener Sakralbau und an die umliegenden Wohngebäude angepasst sein (vgl. Abb. II). Die Einweihung der Synagoge erfolgte durch den Stellvertretenden Ministerpräsidenten der DDR Dr. Otto Nuschke (CDU) und den Landesrabbiner der Jüdischen Gemeinden in der DDR Martin Riesenburger. Die Gesellschaft verstand die neue Synagoge als berechtigten Versuch der Entschädigung für die 1938 an gleicher Stelle zerstörte Synagoge.

Bald jedoch wurde das Wiederaufblühen des jüdischen Lebens erneut unterbrochen. Nach dem Slansky-Prozess in Prag flohen sehr viele Thüringer Juden über Westberlin ins Ausland. Infolge der durch die stalinistischen Verfolgungen ausgelösten Fluchtwelle von 1953/54 verlor der Thüringer Landesverband 38 Prozent seiner Mitglieder. Zuvor hatte es auch in Thüringen Durchsuchungen und Verhaftungen unter den Gemeindemitgliedern gegeben. Danach wurden die Gemeinden Eisenach, Gera, Jena und Mühlhausen geschlossen und Erfurt wurde zum Sitz der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen.

Mit dem Tod Stalins im Frühjahr 1953 endete die tödliche Gefahr. Aber nur ein Teil der Juden war in Thüringen geblieben. Sie beteten in der neuen Erfurter Synagoge, die nun zu groß schien. Die Mitgliederzahl der überalterten Gemeinde nahm allmählich ab, so dass im Wendejahr 1989 die Gemeinde nur noch 25 Mitglieder besaß.

Prof. Dr. Reinhard Schramm, heutiger Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde und früherer Direktor des Landespatentzentrums Thüringen berichtet,

„dass Juden und Jüdinnen als Bürger der DDR wie alle anderen Bürger behandelt wurden. Das betraf sicher auch die Überwachungspraktiken des Staates. Unsere geringe Anzahl im Vergleich mit aktiven Christen bedeutete für den herrschenden Atheismus keine Gefahr. Das Leid der Juden in der NS-Zeit wurde nicht verschwiegen, aber in der Opferhierarchie wurden Juden betont hinter den Widerstandskämpfern eingeordnet. Schmerzlich für uns Juden war die Behandlung Israels. Sie war in ihrer Wirkung antisemitisch. Unsere innere Bindung zu Israel begründete Misstrauen seitens des Staates, andererseits schien es auch Verständnis zu geben. Endlich wachsender Respekt gegenüber Juden und unseren kleinen Gemeinden verspürten wir ab Mitte der 80er Jahre. Selbst zu Israel schien sich die Haltung etwas zu ändern. 1988 wurde unser Gemeindevorsitzender Herr Raphael Scharf-Katz anlässlich der zahlreichen Veranstaltungen im Zusammenhang mit dem 50. Jahrestag der „Reichskristallnacht“ von der DDR-Regierung mit dem Orden „Stern der Völkerfreundschaft“ ausgezeichnet. Herr Scharf-Katz bekannte sich in jedem Gottesdienst zu Israel. Da auch in der DDR-Zeit unsere Gottesdienste öffentlich zugänglich waren, war seine hörbare Solidarität mit Israel in der Öffentlichkeit bekannt.“

Heute: Erinnerung und Zukunft

Im Jahr 1989 gehörten der Jüdischen Gemeinde nur noch 25 Mitglieder an. Die Existenz der Gemeinde wurde letztlich nur durch Flüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion gerettet. Im Jahr 2002 war sie bereits wieder auf 580 Mitglieder angewachsen. Nach 2002 brach die Migrationswelle aus der ehemaligen Sowjetunion ein. Gegenwärtig zählt die jüdische Landesgemeinde Thüringen ca. 700 Mitglieder.

Gerade anlässlich des Themenjahres „900 Jahre jüdisches Leben in Thüringen“ muss sich der Blick, an der Vergangenheit geschult, auf die Gegenwart richten: Es gibt jüdisches Leben in Thüringen. Es ist bei aller Greuel wichtig, die lebendige Gegenwart zu fassen, zu unterstützen und dabei jeglichen Versuch einer Schlussstrichmentalität zu unterbinden. Zu den positiv wahrgenommenen Entwicklungen gehören laut Gemeinde Museen, Ausstellungen, die jüdisch-israelischen Kulturtage, der Yiddish Summer, ACHAVA. Bei alledem darf aber kein musealer Eindruck des Judentums entstehen.

Die Spannung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, manchesmal schwer zu ertragen, muss von der Gesellschaft ausgehalten werden, um der Geschichte Verantwortung angedeihen zu lassen. Das sieht so auch Reinhard Schramm:

„Die Shoah darf nicht vergessen werden, aber es müssen die jüdischen Leistungen in Religion, Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft im Mittelpunkt stehen. Wir möchten in den nächsten Jahrzehnten an die Leistungen und Erfolge der Juden für unsere deutsche Heimat anschließen, die einst durch Nationalsozialismus und Shoah so furchtbar brutal unterbrochen wurden.“

Schramm hofft parallel zu einer weiteren positiven wirtschaftlichen Entwicklung Thüringens auf den Zuzug von Juden nach Thüringen und auf die Rückkehr junger Juden, die Thüringen mangels Arbeitsplatzes verlassen haben. Das würde zu Ausbau und verstärkter Nutzung der jüdischen Einrichtungen führen und automatisch zu einer größeren Sichtbarwerdung jüdischen Lebens.

Ministerpräsident Ramelow nahm in seiner Eröffnungsrede zum Themenjahr einige herausragende jüdische Persönlichkeiten aus Thüringen in den Blick. Er nannte den Staatsrechtler Eduard Rosenthal, der die Thüringer Verfassung formulierte. Rosenthals Verfassungsentwurf wurde am 12. Mai 1920 vom Thüringer Landtag angenommen. In Artikel 1 wird die Verfasstheit als Freistaat festgeschrieben. Genannt wurden auch Emil Klein, Professor der Medizin an der Universität Jena und Wilhelm Peters, Professor für Psychologie, der sich aktiv gegen die Rassenpropaganda stellte, Oscar Tietz, der sein erstes Kaufhaus in Gera eröffnete sowie die Unternehmensgründer Moses und Löb Simson, ohne die die Simson Schwalbe eine andere wäre. Auch auf kleinere mittelständische Unternehmer, wie Bernd Prager aus Apolda, Harry Herrmann aus Nordhausen, Max Bernstein aus Ellrich, einem bedeutenden Stifter und Mäzenen, ging Remalow ein. Genannt wurde auch Felix Auerbach, Professor für theoretische Physik an der Universität Jena, Mäzen der Jenaer und der Weimarer Kunstszene in der Weimarer Republik, des Jenaer Kunstvereins und des Bauhauses. So viele Namen wären zu nennen. So viel wäre noch zu schreiben.

Eines aber wird deutlich: Jüdische Geschichte ist nicht allein eine Geschichte von Verfolgung und Mord. Jüdische Geschichte ist Bestandteil der deutschen Geschichte. Und: Wir müssen nicht in die Vergangenheit reisen, um auf engagierte Juden und Jüdinnen zu stoßen: Wir sehen Herrn Schramms Engagement, nicht nur in der Leitung der Jüdischen Gemeinde sondern auch in mehr als 15 Jahren unermüdlichen Lesungen und Gesprächen mit jungen verurteilten rechten Straftätern. Ausgangspunkt hierfür war der Brandanschlag mit zwei Molotowcocktails am 20. April 2000 auf die Synagoge in Erfurt. Auf die Frage, warum er mit Rechten spreche, lautet seine Antwort:

„Weil ich den festen Glauben habe, dass ich etwas bewirken kann.“

Darüber darf man nicht vergessen: Gegen Antisemitismus müssen wir alle aufklären und vorgehen. Es ist wichtig, dass wir uns gemeinsam gegen Antisemitismus einsetzen. Das ist keine allein jüdische Aufgabe. Das ist eine Pflicht aller! 

Mein besonderer Dank gilt dem Vorsitzenden der Jüdischen Landesgemeinde, Herrn Prof. Dr. R. Schramm, Herrn Rabbiner A. Nachama, Frau Ulbricht und Frau I. Halapina.