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Gastbeitrag: Die Sicht der PolitikdidaktikErfahrungslernen und Fach nicht gegen einander ausspielen – Sozialkunde stärken!

Die erkennbare Radikalisierung an den rechten, linken oder islamistischen Rändern, aber auch die verbreiteten abwertenden Einstellungen gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen sowie die Infragestellung der Demokratie als Regierungsform in der Bevölkerungsmitte stellen die bundesrepublikanische Gesellschaft vor große Herausforderungen. Wie kann die Schule dem begegnen, welche Rolle kommt dabei dem Fach Sozialkunde zu und wie sind dessen strukturelle Bedingungen in Thüringen?

01.04.2019 - Prof. Dr. Michael May - Lehrstuhl für die Didaktik der Politik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena

Um der mit diesen Phänomenen einhergehenden Polarisierung der Gesellschaft zu begegnen, sind Maßnahmen auf unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Ebenen gefragt. Als wichtige Bildungs- und Sozialisationsinstanzen müssen sich auch Schule und Unterricht dieser Herausforderungen stellen. Welchen Beitrag können sie leisten?

  • Gegen Radikalisierung und Demokratiedistanz gibt es in Schule drei Möglichkeiten

Traditionell werden in der Wissenschaft drei ‚Stellschrauben‘ diskutiert: Die Steuerung des Schulsystems, die Entwicklung der Einzelschulen und die Stärkung des einschlägigen politischen Fachunterrichts. Auf der Systemebene muss reflektiert werden, inwiefern schulische Selektions- und Allokationsmechanismen in die Herstellung von ungerechtfertigter Diskriminierung verwickelt sind. Angesprochen sind hier Diskriminierungseffekte, die durch das gegliederte Schulsystem, aber auch als unerwünschte Nebenfolgen im Rahmen inklusiver Schule produziert werden. Auch der systemischen Benachteiligung von Schüler*innen mit Migrationshintergrund bei der Notengebung, die in wissenschaftlichen Studien immer wieder festgestellt wird, muss begegnet werden. Die Ebene systemischer Steuerung ist deswegen wichtig, da Bildungsbemühungen für Demokratie und Menschenrechte von vornherein zum Scheitern verurteilt sind, wenn sie in einem Umfeld ungerechtfertigter Diskriminierungen erfolgen. Wie sollen Lehrkräfte ihre Schüler*innen authentisch dafür begeistern, wenn die (schulische) Realität wahrnehmbar davon abweicht?

Auf der Ebene der Schule als Organisation kommt es darauf an, Schüler*innen einen möglichst großen Erfahrungsraum für demokratische Mitbestimmung (z. B. SMW, Klassenrat) sowie eine wertschätzende und beschämungsarme Interaktion zu bieten. Es ist ein stabiler wissenschaftlicher Befund, dass Mitbestimmung und Interaktionsqualität dabei helfen, die Ausprägung gruppenbezogener Abwertungen und mitunter sogar rechtsextremistische Einstellungen zu mindern. Beides stärkt die Identität der Schüler*innen und verhindert somit die Aufwertung der eigenen Person durch die Abwertung anderer. Auf der Ebene des Fachunterrichts schließlich wird den Schüler*innen Gelegenheit und Unterstützung dabei geboten, sich auf der Basis von politischem Wissen und reflektierten Einstellungen über die zentralen Herausforderungen unserer Zeit ein politisches Urteil zu bilden. Die genuine Leistung des Fachunterrichts besteht darin, mikropolitisches Lernen im Nahraum der Schüler*innen mit einem Nachdenken über gesamtgesellschaftliche politische Regelungen  und Institutionen zu verbinden. Dies ist unabdingbar, weil es für die Wahrung der Demokratie beispielsweise nicht reicht, den befreundeten geflohenen Banknachbarn vor Krieg und Tod schützen zu wollen, dafür aber das Asylrecht – Menschenrechte hin, Menschenrechte her – in Frage zu stellen. Auch die Bedeutsamkeit des Konflikts und eines anspruchsvollen politischen Institutionengefüges, das den Konflikt zivilisiert, erschließt sich nicht von selbst. Diese Denkbewegung vom Nahraum zu allgemeinverbindlichen Regeln, vom Privaten zum Öffentlichen, von Solidarität unter Freunden zu Solidarität unter Fremden braucht Reflexionsräume und fachliches Lernen. Hierbei stehen der politischen Bildung eine große Bandbreite bewährter Methoden wie Fall- und Konfliktanalysen, Wertereflexion durch Dilemma-Unterricht oder Problemstudien zur Verfügung.

Fachunterricht ist wichtig, um die uns umgebende gesellschaftliche und politische Realität zu verstehen, hat aber auch Effekte auf Einstellungen. Je höher politisches Wissen und Urteilskompetenz, zu deren Anbahnung Fachunterricht einen wichtigen Beitrag leistet, desto seltener treten Einstellungen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit auf.

  • Die Umsetzung der drei Stellschrauben in Thüringen

Bildungspolitik, die wirksam Demokratiebildung voranbringen will, muss jede der drei ‚Stellschrauben‘ im Blick haben. In Thüringen hat es mit der Einführung der Thüringer Gemeinschaftsschule eine Entwicklung gegeben, die das gegliederte Schulsystem nicht abschafft, aber ergänzt. Die Evaluationen legen nahe, dass die Gemeinschaftsschule positive Effekte auf die wahrgenommene Schülermitbestimmung und die  schulische Interaktionsqualität hat – zumindest aber, je nach Schultyp, keine negativen. Diese Umsteuerung in Richtung gemeinsames Lernen findet ihren Fortgang in der aktuellen Stärkung eines inklusiven Schulwesens. Auf der Ebene der Schule als Organisation hat Thüringen eine gesetzliche Stärkung der Schülermitbestimmung vorgenommen, die sich mit dem neuen Schulgesetz vermutlich fortsetzt. Es reicht allerdings nicht aus, lediglich gesetzliche Rahmen zu schaffen; die Umsteuerung zu mehr Schülermitbestimmung muss fachlich auf vielen Ebenen begleitet werden. Auch liegen Evaluationen und Einblicke in die tatsächlich gelebte Schülermitbestimmung in Thüringen nicht vor. Das Land ist vor allem durch Projekte bemüht, demokratische Schulentwicklung zu fördern („Thüringen 19_19“), wobei sich Experten einig sind, dass projektartiges Engagement in eine dauerhafte Steuerung überführt werden muss.

  • Beim Fachunterricht ist Thüringen das bundesdeutsche Schlusslicht

Es gibt also auf den Ebenen der systemischen Steuerung und der Organisationsentwicklung einige Erfolge, auch wenn noch vieles zu tun bleibt. Im Bereich des fachlichen Lernens ist die Lage in Thüringen dagegen durchweg als mangelhaft einzuschätzen. Der Freistaat ist in diesem Bereich von den Entwicklungen in der Bundesrepublik abgehängt und bildet nach einer Studie der Universität Bielefeld das Schlusslicht der  politischen Bildung. Die mit der KMK-Präsidentschaft von Minister Helmut Holter angekündigte Stärkung der Demokratiebildung hat zumindest auf das Fach keine positiven Auswirkungen gehabt und scheint momentan im Sande zu verlaufen, weil Demokratiebildung nach Auffassung des Ministers als Querschnittsaufgabe in vielen Fächern erfolgen soll. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Die Erfahrungen mit Querschnittsthemen zeigen indes, dass diese nur dann erfolgreich das Schulprofil prägen, wenn sich zufällig engagierte Lehrkräfte finden. Dies wird in Thüringen beispielsweise an den Evaluationen des Kursplans Medienkunde deutlich. 

Sozialkunde als Kernfach der politischen Bildung bleibt in Thüringen marginalisiert. Es setzt mit dem 8. Jahrgang an Regelschulen und dem 9. Jahrgang an Gymnasien viel zu spät ein und ist das Fach mit dem geringsten Anteil an der Stundentafel Thüringens (1,2 Prozent am Gymnasium, 1,5 Prozent an der Regelschule). Auch im Bundesvergleich liegt Thüringen damit ganz weit hinten. In der Regel wird das Fach mit einer Wochenstunde unterrichtet. Jede Lehrkraft weiß, welch Mühsal Ein-Stunden-Fächer bedeuten. Es fehlt Zeit an allen Ecken und Enden und mühsam aufgebaute Denkräume werden für eine ganze Woche wieder  geschlossen – wenn nicht sogar noch ein Feiertag o. ä. dazwischen kommt. Lernzeit ist jedoch entscheidend für den Wissens- und Kompetenzaufbau. Die Marginalisierung eines Faches in der Stundentafel hat auch Konsequenzen für die Reputation des Faches und die durch das Fach repräsentierten Themen. Wie soll man Schüler*innen und Eltern vermitteln, dass Demokratie und Menschenrechte bedeutsam sind, wenn das Kernfach für diese Themen im Schulalltag kaum wahrnehmbar ist? Sozialkunde wird sicherlich immer ein ‚kleines Fach‘ bleiben, aber meine Schulerfahrungen aus Niedersachsen und Thüringen zeigen deutlich, dass ein besser ausgestattetes Fach, wie wir es in Niedersachsen vorfinden (Platz 4 im Ranking), deutlich positive Auswirkungen auf den wahrgenommenen Stellenwert politischer Bildung hat. Wir brauchen deshalb in Thüringen politische Bildung ab der 5. Klasse in allen Schulformen mit zwei Stunden pro Woche sowie eine gut ausgebaute Oberstufe mit Leistungskursen. Sachsen macht momentan vor, was möglich ist, wenn es einen entsprechenden politischen Willen gibt.

  • Nur 45 Prozent der Sozialkunde-Lehrerinnen und -lehrer sind als solche ausgebildet

Die Marginalisierung des Faches zeigt sich indes auch im Einsatz von Lehrkräften. Allen Lehrkräften, die sich politischer Bildung annehmen, ist großer Respekt und Anerkennung dafür auszusprechen, dass sie sich
dieser Herausforderung stellen. Dass im Schuljahr 2014/15 in Thüringen von den 774 Lehrkräften an allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen, die Sozialkunde unterrichteten, 421 keine Lehrbefähigung
für das Fach vorweisen konnten, macht allerdings die bildungspolitische Aufgabe deutlich. Der anstehende Generationenwechsel in den Lehrer*innenzimmern muss auch genutzt werden, um ausgebildete
Sozialkundelehrkräfte an die Schulen zu bringen. Dies ist besonders wichtig, weil die Tätigkeit politischer Bildner*innen anspruchsvolle Professionalisierungsprozesse voraussetzt.

Politische Bildner*innen können qua Arbeitsauftrag politisch nicht neutral sein, aber auch nicht parteilich. Sie sind an die Grund- und Menschenrechte gebunden, müssen aber den demokratischen Streit abbilden. Schwierigkeiten treten auf, wenn im Unterrichtsalltag zentrale demokratische Prinzipien oder Menschenrechte selbst in Frage gestellt werden. Hier gilt es, die demokratischen und menschenrechtsorientierten Standards des Professionsauftrages mit den eigenwilligen Wegen der Urteilsbildung und mitunter sogar Abwehrreaktionen der Schülerschaft zu balancieren. Aus professioneller Sicht ist hierfür die pauschale Rede von den „Grenzen der Kontroversität“ ebenso unbrauchbar wie ein „Anything Goes“. Sozialkundelehrkräfte müssen dann situationsangemessene Entscheidungen treffen. Um dies leisten zu können, reichen politisches  Interesse, Zeitungslektüre und auch eine demokratische „Haltung“ nicht aus. Vielmehr braucht es in allen Phasen der Lehrerbildung gründliche Vorbereitung auf diese Herausforderung.


Literatur zur Vertiefung

  • Hermann Josef; Hahn-Laudenberg, Katrin (2016) (Hg.): Das politische Mindset von 14-Jährigen. Ergebnisse der International Civic and Citizenship Education Study 2016. Münster, New York: Waxmann, S. 135–160.
  • Hedtke, Reinhold; Gökbudak, Mahir (2018): Ranking Politische Bildung 2017 Politische Bildung an allgemeinbildenden Schulen der Sekundarstufe I. Bielefeld (Working Paper, 7).
  • Kleine Anfrage 236, 6. Wahlperiode; Drucksache 6/573. Online hier abrufbar (zuletzt geprüft 19.02.2019)
  • May, Michael (2016): Die unscharfen Grenzen des Kontroversitätsgebots und des Überwältigungsverbots. In: Benedikt Widmaier und Peter Zorn (Hg.): Brauchen wir den Beutelsbacher Konsens? Eine Debatte der politischen Bildung. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.
  • Wolling, Jens; Berger, Priscila (2018): Die Vermittlung von Medienkompetenz in allgemeinbildenden Schulen. Zentrale Ergebnisse eines Evaluationsprojekts. Ilmenau: Universitätsverlag.


Angaben zur Person:

Prof. Dr. Michael May ist Inhaber der Professur für Didaktik der Politik an der FSU Jena. Dort ist er geschäftsführender Direktor des Zentrums für Lehrerbildung und Bildungsforschung (ZLB) sowie Direktoriumsmitglied des Zentrums für Rechtsextremismusforschung, Demokratiebildung und gesellschaftliche Integration (KomRex). Zudem unterrichtet er ehrenamtlich Sozialkunde an einer Thüringer Gemeinschaftsschule.

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