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Einer, der nicht wegschaut - Interview mit GEW-Mitglied Burkhard Durner

Burkhard Durner ist Lehrer für Sport, evangelische Religion und Ethik am Staatlichen Dr.-Sulzberger-Gymnasium in Bad Salzungen. Im Auftrag des Bundespräsidenten Joachim Gauck erhielt er am 15.03.2016 aus den Händen von Ministerpräsident Bodo Ramelow den Bundesverdienstorden. Hier spricht er über die Gründe für diese Auszeichnung, über sein Engagement und was er sich von Schule wünscht:

16.06.2016 - Michael Kummer

  • In der Urteilsbegründung werden Sie als überzeugter Demokratbeschrieben, der sich Verdienste im Kampf gegen den Rechtsextremismusin Schule und Sportverein erworben hat. Warum ist das wichtig für Sie?

Vertrauensperson, Gewerkschafter und Demokrat zu sein, ist das, was man von jedem Lehrer und Erzieher erwarten sollte. Zum einen in der Verantwortung für die Kinder und Jugendlichen, aber auch um seinen festen Platz in der Gesellschaft zu haben, Flagge zu zeigen bei Veranstaltungen von Neonazis und den rechtspopulistischen Parolen derAfD. Durch Projekttage, Workshops, Friedensgebete und klare Positionierung der Lehrer im Unterricht soll den Schülern Mut gemacht werden für eine politische Streitkultur. Sie sollen nicht wegschauen beim täglichen Rechtsextremismus und Fremdenhass. Das ist unser politischer Auftrag trotz allem politischem Desinteresse vieler Elternhäuser und dadurch logischerweise auch deren Kindern. Leider waren und sind einzelne ehemalige Schüler nach ihrer Schulzeit Neonazis geworden.Während der Schulzeit (Ende der 90er Jahre) gab es bereits Anzeichen, und ich versuchte in Gesprächen, sie von diesem gefährlichen Weg abzubringen. Seit dieser Zeit tat ich alles gegen den wachsenden Extremismus, führte Gespräche und organisierte Veranstaltungen mit Politikwissenschaftlern und Kommunalpolitikern, denn die Behörden waren auch zu dieser Zeit noch auf dem rechten Auge blind.

  • Innerhalb Ihrer Schule machen Sie sich für das Schulprojekt „Schulen ohne Rassismus – Schulen mit Courage“ stark. Warum war es Ihnen vor acht Jahren ein wichtiges Anliegen, diesen Titel zu bekommen?

Den Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ zu bekommen, ist vorwiegend ein organisatorischer Vorgang. Ihn aber mit Inhalt und Leben zu füllen und nicht nur mit einem jährlichen Projekttag abzutun, ist uns gelungen. Zum Beispiel organisierten wir 2015 mit dem Begleitausschuss für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit eine Aufführung des Theaters Potsdam „Mit Tötungsdelikten ist zurechnen“ für die Regelschulen und Gymnasien der Region. Über 300 Jugendliche erlebten eine zeitnahe und authentische Inszenierung mit der Grundaussage,dass über 200 ausländische Mitbürger seit der Wende von Neonazis und Terroristen ermordet wurden. Dazu kommen noch die NSU-Opfer.

  • Sie haben bereits über 30 internationale Sportjugendtreffen in Bad Salzungen organisiert, aber seit 1997 gibt es auch „Workcamps“. Was verbirgt sich hinter dem Namen „Workcamp“?

Bis 1996 führten wir ca. 30 Jugendtreffen auf bilateraler Basis durch, die vorwiegend sportlich geprägt waren. Ab 1997 begannen wir auf multilateraler Ebene mit dem ersten Workcamp in Kreisau. Jedes Workcamp hatte sein eigenes Motto. So hieß das VIII. Workcamp 2014 „Über Länder- und Glaubensgrenzen hinweg“. Ziel war, aus allen Weltreligionen 170 junge Menschen nach Bad Salzungen einzuladen. Selbst aus Indonesien und Russland reisten Jugendliche an.

Zum IX. Workcamp 2016 mit dem Thema „Welche Farben hat unsere Welt?“ kommen wieder Jugendliche aus Indonesien, Polen, Ungarn, Litauen,Tschechien und erstmalig Asylsuchende aus Afghanistan, Syrien,Irak und Somalia zu uns. Da wir diese Workcamps aus finanziellen Gründen nur alle zwei Jahre durchführen können, kommen wir 2018 zum Doppeljubiläum, einmal 10 Jahre „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ und das X. Internationale Workcamp.

Das Internationale Workcamp Bad Salzungen hat sich von deutschlandweit 33 eingereichten Projekten um den in Aachen vergebenen Jugendkarlspreis als Sieger durchgesetzt und tritt nun gegen die 27 Landessiegerder EU um den Europäischen Jugendkarlspreis an. Welch schöner Erfolg für alle, die jemals an einem Workcamp teilgenommen haben. Aber ebenso wichtig sind die Mitbürger und Kollegen, die diese Jugendtreffen unterstützt und gefördert haben, wie u. a. unser GEW-Kreis- und Landesverband. Danke und eine weiterhin gute Zusammenarbeit.

  • Was wünschen Sie sich für die Thüringer Schulen und Schüler?

Ich wünsche mir, dass mehr Schulen sich als „Schulen ohne Rassismus– Schulen mit Courage“ engagieren, dass demokratische Wahlen für Schüler ab dem 16. Lebensjahr möglich sind, dass es Jugendparlamente in Kommunen und Kreistagen gibt und vor allem dass es ein neues Unterrichtsfach gibt: Demo(kratie). Darin könnte es um Demokratie, Diktatur und andere Gesellschaftsformen; um die Verfassung und andere Gesetzestexte; um die Geschichte der Deutschen; um die Freund-Feind-Bilder; um die Fehler der westlichen Welt u. v. m. gehen.

  • Vielen Dank.
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