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Eine neue Sprache des Erinnerns

Die Deutsch-Israelischen Gewerkschaftsseminare von GEW und Histadrut Hamorim haben eine lange Tradition. Im Zentrum steht dabei stets der Umgang mit dem Holocaust. Am Seminar im Juli in Berlin nahmen überwiegend junge GEW Mitglieder teil.

30.07.2013 - Franz Dwertmann

Fotos: Katharina Kaminski

Am vorletzten Tag des 26. Deutsch-Israelischen Gewerkschaftsseminars erschien auf Werbetafeln in Berlin unübersehbar und spektakulär der Aufruf „Spät, aber nicht zu spät! Operation last Chance II“. Mit dieser Plakataktion wollte das Simon-Wiesenthal-Zentrum die letzten noch lebenden Nazi-Kriegsverbrecher jagen. Eine pietätlose Kopfgeld-Aktion oder eine aufrüttelnde und notwendige Publicity? Solche Fragen konnten offen und kontrovers erörtert werden, weil die Begegnung der 35 Pädagoginnen und Pädagogen vom 22. – 26. Juli 2013 in Berlin in einer ungewöhnlich zugewandten Atmosphäre stattfand und sich im Laufe der Woche ein Klima des Vertrauens entwickelt hatte.

Umgang mit dem Holocaust

Das lag vor allem an den TeilnehmerInnen selbst, die große Bereitschaft zu persönlichem Austausch und direkter Kommunikation mitgebracht hatten. Diesmal waren besonders viele junge Kolleginnen und Kollegen dabei, vor allem aus Deutschland. Seit fünf Jahrzehnten veranstalten die israelische Lehrergewerkschaft Histadrut Hamorim und die GEW im zweijährigen Rhythmus in Israel und in Deutschland solche Seminare. Unterstützt werden sie vom Bildungs-und Förderungswerk der GEW und von der Friedrich-Ebert-Stiftung, in deren Tagungszentrum in Berlin das diesjährige Seminar stattfand. Dass die Veranstaltung mitten im bunten Berlin platziert war, tat ein Übriges zur guten Atmosphäre dazu. Nach Seminarschluss durften Deutsche und Israelis regelmäßig nachmittags und abends in den unterschiedlichen Stadtteilen Berlins ein vielfältiges Programm mit lokalen und gastronomischen Akzenten erleben.

Dies entsprach durchaus dem Motto der Veranstaltung: „Eine neue Erinnerungskultur schaffen“. Es wurde betont, dass der Holocaust zwar eine immerwährende Erinnerungsaufgabe bleibe, dass aber die Sprache des Erinnerns sich zu verschiedenen Zeiten und für neue Generationen ändern werde und ändern müsse. Das betrifft die Aufarbeitung in der Schule, aber auch die Begegnung zwischen Menschen aus Deutschland und Israel. Es äußert sich in neuen kommunikativen Begegnungsformen wie bei solchen Seminaren oder im Aufgreifen neuer gemeinsamer Erfahrungen der jeweiligen Lebenswirklichkeiten, ob in Stadtteilerkundungen oder im Einbeziehen neuer Partner.

Vielfältige Ansätze

In den Vorträgen, Gruppenarbeiten und Diskussionen fand sich dieser thematische Auftrag vielfältig wieder: Wie kann man mit heutigen Jugendlichen in KZ-Gedenkstätten pädagogisch angemessen arbeiten? Welche neuen Zugänge der Erinnerungsarbeit ermöglichen die Online-Medien? Kann man im Musikunterricht ungewöhnliche emotionale Eindrücke erfahrbar machen? Wie können wir Einzelschicksale darstellen und mit allgemeinen Einsichten in die Mechanismen des Holocaust verbinden, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt?

Man konnte und wollte trotz oder gerade wegen der positiven Atmosphäre Kontroversen nicht aussparen. Aber niemand verspürte das Bedürfnis, bei schwierigen Themen Recht behalten zu wollen. Das galt für die Beurteilung der deutsch-israelischen Beziehungen in der Nachkriegszeit oder für die unterschiedliche Sicht auf gesellschaftliche Entwicklungen in Palästina zwischen jüdischen Israelis und Vertretern der arabischen Minderheit in der israelischen Gewerkschaftsdelegation. Ungewöhnlich offen sprach der Gesandte der israelischen Botschaft die unterschiedlichen deutschen und israelischen Wahrnehmungen des Palästinakonfliktes und widersprüchliche und problematische Entwicklungen in Israel an.

Besondere Verantwortung von Lehrern

Immer wieder gab es auch bewegende Momente im Laufe dieses Seminars: Wenn persönliche Geschichten aus den Familien von TeilnehmerInnen erzählt wurden oder Recherchen zu ungewöhnlichen Biografien vorgestellt wurden. Bewegend auch die gemeinsamen Besuche im Haus der Wannseekonferenz und in der Gedenkstätte Sachsenhausen sowie die Gedenkzeremonie dort. Und für uns deutsche Teilnehmer immer wieder beeindruckend das historische Bewusstsein, die politische Klarheit und das persönliche Engagement, mit dem der Leiter der israelischen Delegation, Avraham Rocheli, die besondere Verantwortung der LehrerInnen beschwor und auch Optimismus für die deutsch-israelischen Beziehungen zum Ausdruck brachte. Begründet sieht er diesen in den vielfältigen Auseinandersetzungen mit dem Holocaust in der Bundesrepublik Deutschland und dem großen Engagement vieler Menschen und Einrichtungen in Deutschland gegen Rassismus, was auch zum Verständnis für die schwierige Situation Israels beitrage.

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