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Gastbeitrag zum Jenaer ModellEin erfolgreiches Konzept der Lehrerbildung in den Problemen der Coronakrise

Grundlinien des Jenaer Modells, seine Vorzüge und aktuellen Entwicklungen

07.06.2021 - Prof. Dr. Matthias Perkams,Professor für Philosophie - Vorsitzender des Lehrerbildungsausschusses

An der FSU Jena bereiten sich angehende Lehrkräfte durch ein Staatsexamensstudium auf ihren künftigen Beruf vor. Drei Prinzipien sind hier von Beginn an maßgeblich gewesen, aus denen konsequente Folgerungen gezogen wurden:

  • Lehrkräfte müssen zwei Fächer beherrschen sowie mit den didaktischen Grundlagen dieser Fächer sowie des Lehrerberufs im Allgemeinen vertraut sein. Hierzu ist eine konstante Ausbildung über mehrere Jahre in allen drei Bereichen erforderlich.
  • Angehende Lehrkräfte müssen früh mit der Praxis ihres Wunschberufs (Kontakt mit Kindern und Jugendlichen, Vermittlung von Wissen) in Berührung kommen. Aus diesem Grund ist zum einen ein Eingangspraktikum eine wichtige Voraussetzung für den Lehrerberuf. Zum anderen soll der langjährige studentische Wunsch erfüllt werden, in einem frühen Praxissemester, vor der Mitte des Studiums, die eigene Fähigkeit zur schulischen Arbeit testen zu können.
  • Neben studienbegleitenden Prüfungen sind auch Abschlussprüfungen von Bedeutung, um zu verhindern, dass die Studierenden nur für den Moment lernen. Daher umfasst das Jenaer Modell nach wie vor ein Staatsexamen, das ca. 40 % der Endnote ausmacht.

Nach wie vor überzeugen diese Grundlinien die an der Lehrerbildung in Jena Beteiligten in hohem Maße: Die Lehrenden schätzen die Möglichkeit, das fachliche, fachdidaktische und allgemein pädagogische Wissen über fünf Jahre lang systematisch aufzubauen, die Studierenden begrüßen die Möglichkeit früher und intensiver Praxiserfahrung. Wie viele Gespräche bestätigen, zieht das Jenaer Modell bis heute Studieninteressierte aus ganz Deutschland zu ihrer Ausbildung nach Thüringen und gibt so dem Freistaat eine gute Möglichkeit, diese als Lehrkräfte für Gymnasien und Regelschulen zu gewinnen.

Gelitten hat die Attraktivität dieses Modells durch die von der Landesregierung verfügte Einschränkungen von Fächerkombinationsmöglichkeiten: Wer eine Kombination wie Latein und Geschichte studieren will, wird fürderhin einen anderen Ort wählen und somit vermutlich auch nicht Lehrkraft in Thüringen werden. Ein generelles Problem, das auch die zukünftige Situation an den Schulen betrifft, stellt gegenwärtig die stark absinkende Zahl der Studierenden im Lehramt Regelschule dar. Offenbar erweist sich die Schulform Gymnasium für viele angehende Studierende als deutlich attraktiver – ein Problem, dem schwer zu begegnen ist: Denn wie könnte man der Wahlentscheidung der Beteiligten selbst entgegentreten?

Aktuell wird das Jenaer Modell im Detail etwas umgestaltet, denn es wird durch die Schaffung von drei zusätzlichen pädagogischen Professuren weiter gestärkt: Sie sollen eine bessere Vorbereitung aller Lehramtsstudierenden in den Feldern Inklusion, Digitalisierung und Beratung von Schulen ermöglichen. Damit ergeben sich nicht nur neue Möglichkeiten, sondern auch die Gelegenheit, die aktuellen Strukturen auf den Prüfstand zu stellen und weiter zu optimieren. Die an der Lehrerbildung Beteiligten – Studierende wie Lehrende – in Jena sind voller Vorschläge und Ideen, diesen Prozess sinnvoll zu gestalten.

Das Jenaer Modell in der Coronakrise

Die Coronakrise, die alle Sektoren der Gesellschaft stark betrifft, macht auch vor dem Jenaer Modell nicht halt. Schon für die universitäre Lehre stellte sich im Sommersemester 2020 die Herausforderung, sie kurzfristig auf Online-Lehre umzustellen. Jetzt, im Sommersemester 2021, lässt sich festhalten, dass dies auf rein akademischer Ebene weitgehend funktioniert. Dank Videokonferenzen über Zoom und der Möglichkeit, die Studierenden zu lesender und schriftlicher Eigenarbeit anzuleiten, lässt sich hier didaktisch vieles erreichen.

Trotzdem bleiben gravierende Probleme bestehen, sehen sich doch viele Studierende stark auf sich selbst bzw. auf ihr unmittelbares Umfeld zurückgeworfen, auf ihre WG oder gar – wenn sie Jena verlassen haben – auf ihre Familie. Daneben werden sie – vielleicht noch stärker als die Lehrenden – durch die allgemeine Situation sowie durch Krankheitsfälle in Freundeskreis und Familie belastet. Psychische Probleme und, damit einhergehend, eine Verlangsamung des Studienfortschritts sind unausweichliche Folgen. Die Studienberatungen der verschiedenen universitären Fächer werden zum Anlaufpunkt für eine Fülle studentischer Sorgen und Fragen und tun ihr Bestes, dem damit verbunden Ansturm Herr zu werden und für persönliche Gespräche zur Verfügung zu stehen. Einige Fächer haben daher die Beratungskapazitäten deutlich ausgeweitet.

Spezifisch von der Pandemie betroffen sind aber die Praxisphasen des Jenaer Modells: Je nach Öffnung der Schulen vor Ort kann das Praxissemester nur ein-geschränkt oder gar nicht durchgeführt werden. Die Stunden, die als Eingangspraktikum für angehende Lehramtsstudierende erforderlich sind, können eben-falls nicht erbracht werden, weil z.B. Kitas teils geschlossen sind und verbandliche Jugendarbeit nicht stattfindet. Das Jenaer Zentrum für Lehrerbildung (ZLB) entwickelt in Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium und den Schulen geeignete Antworten: Es setzt sich da-für ein, dass Studierende im Praxissemester die Schulen betreten und am Unterricht teilnehmen dürfen, und es reduziert die Zahl der erforderlichen Praxisstunden. Auf diese Weise können alle Studierenden zumindest die formal notwendigen Praxisleistungen erbringen und ihr Studium fortsetzen, auch wenn die faktische Schulerfahrung im Moment nicht gewährt werden kann. Als Ausgleich wird geprüft, ob den betroffenen Studieren-den nach Ende der Pandemie freiwillige Praxisphasen angeboten werden können. Beträchtliche Probleme stellen sich auch bei den Abschlussarbeiten für solche Studierende, die Kinder zu betreuen haben: Solange die Kitas geschlossen sind, ist für diese ein regelmäßiges und konstantes Arbeiten nicht möglich. Hier setzt sich das ZLB für eine großzügige und unbürokratische Verlängerung der Abgabefristen ein sowie für eine Öffnung des Kita-Notbetriebs für die Betroffenen.

Ein Fazit

Es lässt sich festhalten: Lehrerbildung ist dann erfolgreich und zeitgemäß, wenn ein gut durchdachtes Modell auch in schwierigen Situationen mit Engagement und Offenheit betrieben wird. Die traditionellen Charakteristika guter Lehrpersonen – ein breites Fachwissen, die Fähigkeit, bei seiner Vermittlung zu begeistern, und menschliche Zugewandtheit zu Kindern und Jugendlichen – bleiben das Hauptziel der universitären Ausbildung. Zu ergänzen sind Ideen und Elemente, welche den angehenden Lehrkräften helfen, überzeugende Antworten auf die sich jeweils aktuell stellenden Probleme zu finden. Und nicht zuletzt gilt es, den Geist der Kritik und Diskussionsfreude, welcher gute Wissenschaft beseelt, so an die jungen Menschen weiter zu geben, dass sie unsere Schulen als Zentren demokratischer, wertorientierter Bildung zu gestalten lernen. Die Beteiligten am Jenaer Modell werden heute und in Zukunft bemüht sein, sich den stets neu auftauchenden Problemen zu stellen und ihre Arbeit in engagierter Weise weiterzuentwickeln.