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Die GEW Thüringen zieht Bilanz zum Schuljahr 2015/16

14.06.2016 - GEW Thüringen

Ein sich verschärfender Personalmangel mit Folgen für die Beschäftigten, Schüler*innen und Eltern, dazu der aktuelle Stand beim Übergang der Horte in den Landesdienst - die GEW Thüringen zieht Bilanz zum abgelaufenen Schuljahr.

Es gibt einen sich verschärfenden Personalmangel an den Thüringer Schulen. Die Folgen dieses Personalmangels für die Beschäftigten und auch für die Schüler*innen und Eltern sind:

  • Abordnungen von Lehrer*innen sind keine Ausnahme mehr, sondern werden die Regel: die notwendige Konstanz in der Lehrer*innen-Schüler*innen-Beziehung wird erschwert,
  • Zeitabläufe können nicht eingehalten werden, eine Planungssicherheit für die Schulen ist nicht mehr gegeben,
  • Kürzung von Stundentafeln,
  • Kürzung der Angebote von Arbeitsgemeinschaften,
  • Kürzung der Stunden der notwendigen Beratungslehrer*innen,
  • Kürzung der Betreuung der Lehramtsanwärter*innen, Verschlechterung der Lehrer*innenausbildung,
  • Stundenausfälle aufgrund fehlender Vertretungsreserve,
  • Verschleierung von „Unterrichtsausfall“ durch Aufgabenaufsicht in einer 2. Klasse, Zusammenlegungen und weitere ähnliche Maßnahmen,
  • Verschlechterung der Arbeitsbedingungen der Lehrer*innen und damit absehbar eine weitere Steigerung der Langzeiterkrankungen.

Was muss passieren, damit sich die Situation für die Beschäftigten an den Thüringer Schulen und damit auch für die Schüler*innen und Eltern nicht weiter verschlechtert?

  • Das Anerkenntnis eines erhöhten Personalbedarfs incl. des Wegfalls des Stellenabbaupfades im Bildungsbereich.
  • Gute Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten schaffen, d. h.
    - die Schaffung einer Personalvertretungsreserve, die tatsächlich wirken kann, d. h. zunächst 4 % des Grundbedarfes, später dann Anlehnung an reelle Zahl der Langzeiterkrankten,
    - die Schaffung von unbefristeten Stellen für alle Beschäftigten an den Thüringer Schulen und entsprechende Einplanung als Stellen in den Thüringer Haushalt,
    - die Ermöglichung von (Alters-)Teilzeit,
    - eine Qualifizierungs- und Ausbildungsoffensive, d. h. Erhöhung der Ausbildungszahlen von Lehramtsanwärter*innen und der Nachqualifizierungsangebote,
    - die Schaffung von attraktiven Perspektiven durch Beförderung / Höhergruppierung bzw. durch einen Eingruppierungsvertrag für Lehrkräfte.
  • Gerechte Eingruppierung von Horterzieher*innen mit pädagogischem Hochschulabschluss. 

 

1. Entwicklung der Schüler*innenzahl in Thüringen

Quellen: Personalentwicklungskonzept von 2013, Statistisches Informationssystem Bildung   

SchuljahrAnzahl der Schüler*innen nach Prognose
des Personalentwicklungskonzepts 2013
Anzahl der Schüler*innen nach Thüringer Schulstatistik
2014/15233.830235.885
2015/16234.995237.518
2016/17236.341239.811
2017/18237.803241.963
2018/19239.186243.909
2019/20245.796
2020/21247.799

Erkennbar ist:

  • Es wurden im Personalentwicklungskonzept bereits steigende Schüler*innenzahlen angenommen.
  • Die Schülerzahlen sind in der Realität deutlich höher als in der Annahme angestiegen.
  • Bei angestrebter gleichbleibender Lehrer*innen-Schüler*innen-Relation bedarf es zusätzlicher Einstellungen (also mehr als die Summe der Abgänge) im Lehrer*innenbereich in gleicher Relation. 

 

2. Anzahl der Lehrer*innen an Thüringer Schulen

Quellen: Personalentwicklungskonzept von 2013, Statistisches Informationssystem Bildung

SchuljahrAnzahl der Lehrer*innen
an staatlichen Schulen in Thüringen
2011/1218.449
2012/1317.867
2013/1417.550
2014/1517.178
2015/1617.164
2016/1716.936
2017/1816.670
2018/1916.325

Erkennbar ist:

  • Die Anzahl der Lehrer*innen an den staatlichen Schulen in Thüringen hat in den letzten Jahren trotz steigender Schüler*innenzahlen stetig abgenommen.
  • Rechnet man statistische Effekte wie z. B. Freistellungsphasen, Abordnungen etc. heraus, dann bleibt festzustellen: die Lehrer*innen-Schüler*innen-Relation hat sich in den letzten Jahren somit verschlechtert.
  • Bei Einhaltung des Stellenabbaupfades im Bildungsbereich und bei Einhaltung der  beabsichtigten Einstellungen wird es eine weitere Verschlechterung der Lehrer*innen-Schüler*innen-Relation  geben.

 

3. Personalvertretungsreserve und Langzeiterkankungen an Thüringer Schulen

Quellen: Personalentwicklungskonzept von 2013, Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport

Personalbedarf für Vertretung nach Personalentwicklungskonzept von 2013Befristete Arbeitsverhältnisse als Personalvertretung im Schuljahr 2015/16Akutelle Anzahl von langzeiterkrankten Lehrer*innen, Stand Januar 2016
585100770

Erkennbar ist:

  • Von den 2013 im Personalentwicklungskonzept vereinbarten 4% Personalvertretungsreserve, die sich später an der reellen Zahl der Langzeiterkrankten orientieren soll, sind gerade einmal 0,68% umgesetzt.
  • Die 100 Stellen Personalvertretung reichen bei Weitem nicht aus, um die langzeiterkrankten Lehrer*innen zu vertreten: es gibt bisher keinen Effekt der Personalvertretungsreserve an den Schulen zu bemerken.
  • So viele langzeiterkrankte Lehrer*innen sind ein deutlicher Hinweis auf schlechte Arbeitsbedingungen und auf eine Überalterung der Lehrer*innenschaft.

 

4. Zunehmende Überalterung der Thüringer Lehrer*innenschaft

Quelle: Statistisches Informationssystem Bildung 

AlterSchuljahr
2005/06
Schuljahr
2010/11
Schuljahr
2016/16
Summe22.36119.14717.164
22001
23101
241325
25161453
262926100
274048146
284362121
294466189
306259176
318360167
329890171
3317486138
3424469140
3536187120
36399101119
37578123144
38636200126
3978628094
40776395110
41959424117
42913595148
43983643229
44971803314
45861778429
46907954448
47855891615
48984979655
491034944809
501116841780
511069894954
521052847888
531044958959
549941007929
559781084838
568831039883
576971039818
58548936915
59383708969
60239472881
61230274628
62175156453
636573215
643739129
651034
66013
67001
68001
72001

Erkennbar ist:

  • Der Altersdurchschnitt der Thüringer Lehrer*innen hat sich in den letzten 10 Jahren drastisch erhöht und liegt derzeit bei Mitte 50 – eine vorausschauende Personalplanung ist das nicht und wird auf dem Rücken der Kolleg*innen und auch der Schüler*innen und Eltern ausgetragen.
  • Ältere Arbeitnehmer*innen werden zwar nicht öfter krank als jüngere, aber sie sind länger krank. Das liegt an schlechten Arbeitsbedingungen (z. B. die mangelhafte räumliche wie sächliche Ausstattung der Schulen, fehlende Arbeitsplätze für die Lehrer*innen), aber es fehlt auch an Angeboten für (Alters-)Teilzeit. In der Folge kommt es zu einer solch hohen Zahl an Langzeiterkrankungen.
  • 500 Einstellungen sind Ersatzeinstellungen und kein zusätzliches Personal. Durch Altersteilzeit und Altersabgänge sind schon jetzt rund 1.300 weniger Lehrer*innen an den Schulen.
  • Die Ersatzeinstellungen von 500 Lehrer*innen in den Jahren 2014, 2015 und 2016 wirken sich bisher kaum auf die Altersverteilung der Thüringer Lehrer*innen aus.
  • Schon mit dem Schuljahr 2016/17 kann der Bedarf nicht vollständig mehr gedeckt werden.
  • Zusätzliche Herausforderungen wie Inklusion, die Integration der Kinder von Geflüchteter sind weiterhin nicht gelöst und wurden bisher nicht oder kaum  angegangen.

 

5. Die Bewerber- und Nachwuchssituation

Die Situation zum Halbjahr des Schuljahres 2015/16 (01.02.2016):

Es wurden 197 Einstellungen vorgenommen. Mehr als die Hälfte dieser 197 Einstellungen erfolgten allerdings über Stellenwandlungen, d. h. es fehlt an geeigneten Bewerber*innen und dann wird diese Stelle mit einer/m Lehrer*in mit einer anderen Fächerkombination eingestellt. Das löst das Bedarfsproblem an der jeweiligen Schule natürlich nicht. Und es verweist darauf, dass die Zahl der Mangelfächer immer größer wird (Musik, Kunst, Sprachen und zunehmend auch naturwissenschaftliche Fächer).

Trotz der Notwendigkeit der Schaffung von deutlich mehr Ausbildungsplätzen und damit auch eines zusätzlichen Studienseminars werden weiterhin pro Jahr nur ca. 500 Lehramtsanwärter*innen in den Vorbereitungsdienst aufgenommen. Das betirfft insbesondere den Regelschulbereich und den Bereich Förderpädagogik. Die konsequente Umsetzung einer inklusiven Schule bedeutet, dass an jeder Schulart Förderschulpädagog*innen tätig sein müssen, derzeit werden von den ca. 500 Lehramtsanwärter*innen aber gerade einmal 30 in diesem Bereich ausgebildet bzw. Ausbildungstellen geschaffen.

Besondere Probleme bereitet die Steuerung von Fächerkombinationen für die Lehrämter im Sekundarschulbereich. Zwar gibt es einen ersten Versuch der Steuerung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, die Effekte sind aber erst in 4 bis 5 Jahren zu erwarten.

Untätigkeit des Bildungsministeriums trotz zunehmender Verschärfung des Problems:

  • Auch drei Jahre nach dem Abschluss des Personalentwicklungskonzepts hat das Bildungsministerium immer noch keine Verhandlungen mit der GEW Thüringen zum Schwerpunkt Lehrer*innenbildung aufgenommen.
  • Es gibt keine  Maßnahmen zur Qualifizierung (z. B. ein drittes Schulfach oder Angebote für eine Nachqualifizierung). Das betrifft alle Bereiche von Schulpersonal: Lehrer*innen, Erzieher*innen und Sonderpädagogische Fachkräfte.

 

6. Ende des Modellprojektes „Weiterentwicklung der Thüringer Grundschule“

Einschätzung zur Rücküberführung der Horterzieher*innen in den Landesdienst:

Bei einem Verbleib in der Kommune haben wir befürchtet, dass die Ausgestaltung der Horte, die Entwicklung zum Ganztag und die Einbindung in kommunale Strukturen abhängig geworden wäre von der Finanzkraft der Kommunen. Zudem wäre mit der Kommunalisierung die Möglichkeit der Abgabe an Freie Träger entstanden mit all den Folgen, die wir im Kindertagesstättenbereich beobachten können. Die pädagogische und organisatorische Einheit von Grundschule und Grundschulhort sichert gleiche Arbeits- und Ausgangsbedingungen und stellt damit Bildungsgerechtigkeit auf Dauer her.

Die im Modellprojekt entwickelte Zusammenarbeit mit kommunalen Akteuren und die dabei gesammelten Erfahrungen können und müssen in die zukünftige Entwicklung der Ganztagsschule in Thüringen einfließen.

Mit der Unterzeichnung der Personalüberleitungsverträge durch alle 21 betroffenen kommunalen Schulträger sieht die GEW Thüringen den Weg für einen geordneten Betriebsübergang nach § 613a geebnet. Ziel muss jetzt sein, die noch offenen Fragen der Eingruppierung für qualifiziertes Personal mit Hochschulabschluss schnellstmöglich zu klären, um das neue Schuljahr gut beginnen zu können. Für nicht-qualifiziertes Personal, das aus den Kommunen übergeht sowie bereits im Landesdienst beschäftigt ist, müssen zeitnah Nachqualifizierungen angeboten werden. Die Kinder in den Grundschulhorten werden nicht nur beaufsichtigt und betreut, sondern auch in ihren individuellen Stärken und Schwächen gefördert. Das setzt in höherem Maße Abstimmungsprozesse und pädagogisches Fachwissen voraus.

Unsere Forderungen für den Hortbereich lauten daher:

  • Die Horterzieher*innen mit einem pädagogischen Hochschulabschluss müssen ebenso wie die staatlich anerkannten Erzieher*innen in die Entgeltgruppe E 8 des TV-L (Tarifvertrag der Länder) eingruppiert werden und nicht wie Kinderpfleger*innen in der E 5 bezahlt werden.
  • Es muss Nachqualifizierungsangebote für nicht-qualifiziertes Personal geben.
  • Die Einstellungen sind bedarfsgerecht und tatsächlich nach der Verwaltungsvorschrift des Bildungsministeriums bei einem Betreuungsschlüssel von 1:20 vorzunehmen.
  • Die Beschäftigungsumfänge sind nach dem realem Bedarf anzuheben.
  • Es muss endlich eine konsequente Entwicklung der Ganztagsschule und die Sicherstellung zusätzlicher Ressourcen zur Rhythmisierung und Gestaltung des gemeinsamen Unterrichts im Ganztag geben. 
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