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DJI-Kinder- und Jugendmigrationsreport 2020 Bildungsnachteile bleiben trotz Erfolgen

Kinder mit Migrationshintergrund bekommen seltener einen Kitaplatz, und Jugendliche mit Migrationsgeschichte verlassen die Schule häufiger ohne Abschluss. Die GEW tritt dafür ein, strukturelle Benachteiligungen zu beenden.

25.06.2020

Obwohl ein Großteil der zweiten und dritten Migrationsgeneration zunehmend Erfolg in Schule und Ausbildung hat, haben Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem im Vergleich zu jungen Menschen ohne Migrationshintergrund auch weiter Nachteile. Das zeigt der DJI-Kinder- und Jugendmigrationsreport 2020, für den das Deutsche Jugendinstitut (DJI) amtliche Statistiken und repräsentative Surveys auswertete, um zu analysieren, mit welchen Herausforderungen das Aufwachsen migrantischer Kinder und Jugendlichen hierzulande verbunden ist. 

Mehr als ein Drittel aller Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen unter 25 Jahren in Deutschland hat einen Migrationshintergrund (34 Prozent im Jahr 2017). In vielen westdeutschen Ländern liegt ihr Anteil inzwischen bei rund 40 Prozent; in manchen Großstädten hat jedes zweite Kind eine Zuwanderungsgeschichte. 

Der Report beschreibt das Aufwachsen in der Familie, den Bildungsinstitutionen sowie Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe. Verglichen werden junge Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, aber auch die verschiedenen Migrationsgenerationen: Nur gut ein Viertel (26 Prozent) der unter 25-Jährigen mit Migrationshintergrund ist selbst nach Deutschland zugewandert und gehört damit der ersten Generation an. Knapp drei Viertel (73 Prozent) sind hier geboren und leben bereits in der zweiten oder dritten Generation im Land.

Außerdem thematisiert der Report den familialen Alltag und die Freizeitgestaltung migrantischer Kinder und Jugendlicher sowie ihren Erwerb von schulischen und beruflichen Qualifikationen im Bildungssystem. Ein eigenes Kapitel widmet sich den besonderen Lebensbedingungen von geflüchteten Kindern und Jugendlichen sowie den für diese Gruppe relevanten Angeboten der Kinder-und Jugendhilfe.

Weniger Kitaplätze für Kinder mit Migrationshintergrund

Knapp ein Drittel der Kitakinder zwischen drei Jahren und dem Schuleintritt hatte laut DJI-Report im Jahr 2018 einen Migrationshintergrund. 67 Prozent davon sprechen zu Hause vorwiegend eine andere Sprache als Deutsch. Mehr als jedes fünfte Kind dieser Altersgruppe erlernt Deutsch also als Zweitsprache – mit steigender Tendenz vor allem in den Stadtstaaten und Ballungsräumen. „Die Kita ist damit der zentrale Ort, an dem diese Kinder Deutsch lernen“, sagt DJI-Direktor Thomas Rauschenbach.

Kinder mit Migrationshintergrund gehen jedoch immer noch deutlich seltener in eine Kita als Gleichaltrige ohne Migrationshintergrund (20 Prozent gegenüber 41 Prozent). Laut DJI-Kinderbetreuungsstudie (KiBS) aus dem Jahr 2017 gaben 22 Prozent der Familien mit Migrationshintergrund an, keinen Platz für ihr unter dreijähriges Kind bekommen zu haben. Bei den Familien ohne Migrationshintergrund waren es dagegen nur zehn Prozent.

Forderungen der GEW

Die GEW verlangt, neben dem allgemeinen Kita-Ausbau mehrsprachige Informationen für Eltern bereitzustellen und sie bei der Suche nach einem Betreuungsplatz zu unterstützen. Zudem müssten bürokratische Hürden bei der Platzbeantragung und Ausstellung von Kitagutscheinen abgeschafft werden.

Darüber hinaus mahnt die Bildungsgewerkschaft an, Sprachbildung nicht auf das Erlernen der deutschen Sprache zu reduzieren. Stattdessen setzt sie sich für Konzepte zur durchgängigen Sprachbildung ein, welche die mehrsprachigen Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen fördern. Dazu gehört die Ausweitung des Bundesprogramms „Sprachkitas“ auf alle 40.000 Einrichtungen der frühkindlichen Bildung und Betreuung – mit entsprechender Ressourcenausstattung für integrative Konzepte. 

„Die GEW tritt dafür ein, die strukturelle Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund endlich zu beenden. Diskriminierungssensible Schulentwicklung und interkulturelle Elternarbeit sind ebenso dringend notwendig, wie die Lehrkräfteausbildung und die Curricula auf inklusive und diversitätsbewusste Lehrinhalte und Didaktiken auszurichten“, sagte die Vorsitzende Marlis Tepe.

Mehr Kinder wechseln aufs Gymnasium

Der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund, die von der Grundschule aufs Gymnasium wechseln, steigt derweil von Generation zu Generation: Während 22 Prozent der selbst zugewanderten, ersten Migrationsgeneration ein Gymnasium besuchten, waren es in der zweiten und dritten bereits 35 Prozent im Vergleich zu mehr als 40 Prozent der Kinder ohne Migrationshintergrund. 

Bei den Schulabschlüssen der 18- bis unter 25-Jährigen mit Migrationshintergrund gibt es ebenfalls positive Entwicklungen: So verließen im Jahr 2017 junge Erwachsene der zweiten und dritten Generation viel seltener die Schule ohne Abschluss (4 Prozent) als die der ersten Migrationsgeneration (13 Prozent) – aber immer noch häufiger als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler ohne Migrationshintergrund (2 Prozent).

Dass Migrantinnen und Migranten der zweiten und dritten Generation im Bildungssystem immer noch schlechter abschneiden als Menschen ohne Migrationshintergrund ist laut DJI-Analyse vor allem auf nachteilige Herkunftsmerkmale zurückführen, beispielsweise niedrigere Bildungsabschlüsse der Eltern, eine andere Familiensprache als Deutsch und eine schlechtere finanzielle Lage der Familie. Der Migrationshintergrund selbst sei oft gar nicht der ausschlaggebende Faktor. „Um ihnen gleichwertige Chancen in Bezug auf Bildung, Teilhabe und Lebensverhältnisse zu gewähren, sind mehr politische Maßnahmen gefragt, die unabhängig von der nationalen Herkunft auf einen Ausgleich familiärer Risikolagen abzielen“, fordert DJI-Expertin Susanne Lochner.

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