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Zur aktuellen Situation in ThüringenBildung unterm Brennglas

Im Grunde kann man dieser Tage jeden Kommentar neu schreiben, so schnell dreht sich der Entscheidungskreisel in Corona-Zeiten. Dieser hier ist vom 17. Mai, die Druck- und Produktionszeiten unserer Zeitung machten es notwendig.

25.05.2020 - Kathrin Vitzthum - Landesvorsitzende

Als quasi von jetzt auf gleich die Kindergärten und Schulen schlossen, waren wohl viele der Meinung, bis zu den Osterferien wäre alles geklärt und man könne danach wieder einsteigen. Doch mit jedem Tag, mit jeder neuerlichen Verordnung zur Eindämmung der Pandemie verdichteten sich die Hinweise, dass das Hochfahren der Systeme nach dem Lockdown die eigentliche Herausforderung sein würde. 

Gut eingespieltes System wurde sichtbar

Jetzt wird sichtbar, wie gut im Grunde das System organisiert ist, bei aller Kritik im Detail. Familien können in normalen Zeiten auf ein gut ineinandergreifendes System vertrauen, dass ihnen Lohnerwerb ermöglicht bei zugleich guter Betreuung und Bildung ihrer Kinder. Der Lockdown zeigt, dass in Krisenzeiten Familien häufig auf sich selbst zurückgeworfen sind, in Kurzarbeit gehen müssen oder ins Homeoffice, dass sie Urlaub aufbrauchen sollen, wenn die Entgeltfortzahlung nicht mehr greift. Von allen diesen Folgen sind auch viele unserer Mitglieder betroffen und wir haben in den letzten Wochen unser Bestmöglichstes versucht, die wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns abzumildern.

Die Sparpolitik in den Bildungseinrichtungen machte es noch schlimmer

Die Pandemie hat aber noch etwas gezeigt: Die unerfüllten Forderungen nach mehr Personal in den Kindergärten und Schulen, nach besserer digitaler Ausstattung, nach funktionstüchtigen Gebäuden machten den Umgang mit Distanzunterricht und auch das Hochfahren noch schwieriger als sie es sowieso schon waren. Wer sich ohne Dienstrechner und klare Datenschutzregeln ins digitale Klassenzimmer bewegen wollte, musste häufig selbst herausfinden, wie es wohl am besten geht. Das hat einerseits viel Kreativität freigesetzt, andererseits aber zu Entgrenzung und Überforderung geführt. Hier hätten stringente und aufeinander aufbauende Fort- und Weiterbildungen geholfen, die aber aufgrund des beständigen Unterrichtsausfalls oftmals nicht genehmigt wurden. Und wer geglaubt hat, die Thüringer Hochschulen wären längst überwiegend digital unterwegs, musste ebenso feststellen, dass dies eher ein Wunschgedanke war.

Neue Arbeitszeitregelungen müssen her

Im Brennglas ist auch zu beobachten, dass die Arbeitszeit von Lehrkräften, aber auch von Sonderpädagogischen Fachkräften und Lehrbeauftragten auf der falschen Annahme beruht, dass der Unterricht respektive die Fördermaßnahme die einzig wahre Bemessungsgrundlage ist. Wir wissen von vielen unserer Mitglieder, dass Distanzunterricht eine andere Vorbereitungszeit und vor allem eine intensivere Nachbereitung notwendig machen. Individuelle Rückmeldungen im Distanzunterricht bedeuten für die Lehrkräfte unzählige E-Mails und/oder Telefonate oder andere Formen der Kommunikation. Diese Tätigkeiten sind aber in keiner Arbeitszeitverordnung erfasst. Wir werden in den nächsten Wochen und Monaten dieses Thema nicht mehr aus der Hand geben. Es dringend geboten, hier Lösungen zu finden.

Entsteht ein neuer Blick auf den Bildungsbereich?

Die Pandemie wird die Bildung verändern. Ich bin mir sicher, dass sich durch das Engagement vieler unserer Kolleginnen und Kollegen der Blick auf Betreuung und Bildung geändert hat - für sie selbst, aber auch für die Kinder und Jugendlichen sowie deren Eltern. Auch die Politik sollte verstanden haben, dass das Bildungssystem seine offenen und durch falsches Sparen entstandenen Wunden gezeigt hat. Und es sollte klar geworden sein, dass besser heute als gestern die Probleme der Ausstattung mit notwendigen Ressourcen gelöst werden müssen. Wenn diese Krise etwas Gutes hatte, dann dies: Keiner kann mehr sagen „Das haben wir nicht gewusst“. Die mangelnden Investitionen der vergangenen Jahre und das Festhalten an der Schwarzen Null führten auch in Thüringen zu einem System, das nicht in der Lage ist, Bildungsungerechtigkeiten aufzulösen. Es wird leider oftmals am Leben vorbei betreut und gelehrt und stattdessen auf Abschlüsse und Prüfungen fokussiert.

Was ich Euch Kolleginnen und Kollegen wünsche 

Ich wünsche Euch, dass Ihr in den kommenden Wochen Gelegenheit habt, die Erfahrungen zu verarbeiten, miteinander ins Gespräch kommt und Euch gut für das nächste Schul-, das nächste Kitajahr und das kommende Semester vorbereiten könnt. Ich wünsche Euch, dass Ihr nicht mehr ad hoc entscheiden müsst, was geht und was nicht. Ich wünsche Euch, dass Ihr in Euren Kollegien Konzepte entwickeln könnt, wie Bildung und Erziehung in der neuen Normalität aussehen können. 

Wir bleiben dafür an Eurer Seite und freuen uns auf Rückmeldungen, wie wir Euch noch besser unterstützen können.