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Bildung für Kinder in Westbengalen

Die GEW-Stiftung Fair Childhood unterstützt in Indien mit Spendengeldern Projekte gegen Kinderarbeit. Das Ehepaar Brigitte und Bert Färber hat dafür gespendet und während einer Reise nach Indien das Projekt im westbengalischen Mohanpur besucht. Ihre Eindrücke haben sie in einem ausführlichen Bericht dokumentiert.

24.04.2015

Im Rahmen unserer Indienreise wollten wir gerne das von Fair Childhood (FC) unterstützte Projekt in der Nähe von Kalkutta besuchen. Auf Anfrage hatte uns Steffen Welzel, ehemaliges Vorstandsmitglied von FC, an den bei der Karl Kübel Stiftung (KKS) zuständigen Mitarbeiter, Herrn Tepel, verwiesen. Dieser hatte ein Empfehlungsschreiben an den Sekretär der indischen NGO Kajla Janakalyan Samity (KJKS), Herrn Swapan Panda, gerichtet, der auch sofort Kontakt zu uns aufnahm. (Herzlichen Dank an Herrn Tepel und Steffen Welzel!)

Am Donnerstag, 19. Februar 2015, fand auf Wunsch von Swapan Panda in unserem Hotel in Kalkutta ein zweistündiges Vorgespräch statt. Zwei Koordinatoren von KJKS, Sandip Kumar und Kamal Das begleiteten ihn. Die drei KJKS-Mitarbeiter sind extra aus verschiedenen Richtungen im Umland von Kalkutta mit Bus und Bahn angereist und begrüßen uns freundlich mit Blumensträußen.

Zu Beginn des Gesprächs wird beiderseits klargemacht, dass wir privat und nicht im Auftrag von KKS oder FC tätig sind. Wir werden über die Arbeit von KJKS allgemein informiert und erhalten einen Annual Report -2013-2014. Es folgt ein reger Informationsaustausch über das laufende Mohanpur-Projekt, aber auch über das Deutsche Bildungssystem u. ä.

Wie vereinbart, holt uns Swapan Panda am Dienstag, dem 24. Februar 2015, um 6:30 Uhr am Hotel mit einem Mietwagen samt Fahrer ab. Die Kosten hierfür tragen wir. Swapan Panda hat bereits eine längere Anfahrt hinter sich und ist um 3:00 Uhr aufgestanden. Er übergibt uns einen straff organisierten 12-Punkte-Plan für unseren bevorstehenden Projektbesuch, sowie einen Projektbericht für Juni – Dezember 2014. Wegen eines liegengebliebenen LKWs dauert die Fahrt 2 Stunden statt der vorgesehenen 1,5 Stunden.

Mohanpur Gram Panchayat umfasst sieben Dörfer im Distrikt 24 South Parganas. Unser Auto hält an einer kleinen Abzweigung auf der Hauptstraße. Hier erwartet uns schon Kamal Das mit einem weiteren Mitarbeiter, Monjit. Beide fahren mit einem Motorrad flott vor uns her, während wir uns in eine Autorikscha zwängen, um auf schmalster Straße, die keinen Autoverkehr zulässt, zu dem Dorf Kantakhali (-17, Pradip Naskar) zu gelangen. (Die Region Mohanpur besteht zu einem Großteil aus bewässertem / geflutetem Ackerland und die Zufahrtswege sind als Dämme angelegt.)

Erklärtes Ziel des Projekts ist die Realisierung des Rechts auf Bildung. Der Rights of Education Act ist zwar eine staatliche Aufgabe, aber in einer bitterarmen Region wie Mohanpur brauchen Kinder und ihre Familien dringend Unterstützung durch Nichtregierungsorganisationen (NGOs).

In Anwesenheit der Bürgermeisterin betreten wir unter Konfettiregen und obligatorischem Punkt auf die Stirn ein Klassenzimmer, -geschätzte 16 Quadratmeter- Mobiliar 1 Tisch, eine kleine Tafel, 1 Stuhl, eine ausgebreitete Zeltplane. Freudestrahlend begrüßen uns ca. 10jährige Kinder mit englischen Liedern, bengalischen Gedichten und Experimenten. Eine zweite Gruppe jüngerer Schüler folgt danach.

Durch die schmalen scheibenlosen Fensteröffnungen blicken neugierige Eltern- und Kinderaugen. Wir sind in einem der 10 Nachhilfezentren (Tution Support Centre), durch dessen Arbeit Kinder und Eltern Unterstützung erfahren, damit die Kinder erfolgreich und regelmäßig am Unterricht in Öffentlichen Schulen teilnehmen können.

Mit Rikscha und Auto fahren wir ins Gemeindehaus von Mohanpur, wo KJKS ein kleines Projektbüro unterhält. Bei einer kleinen Kaffeepause können wir an einer Wand eine Karte der Region mit eingetragenen Stützpunkten des Projekts und Bildern und Berichten von besonderen Ereignissen studieren.

Und wieder zwängen wir uns in eine Autorikscha, um über einen schmalen Damm zu dem Flecken Kantakhali-31 zu gelangen. Die letzten hundert Meter sind nur zu Fuß zu bewältigen. Wir haben das Gefühl am ärmsten Fleck der Region angelangt zu sein und es beschleicht uns ein Gefühl von Demut. Auf kleinstem Raum zwischen Bewässerungsgräben leben mehrheitlich muslimische Familien in sehr einfachen Bambushütten. Die Familien besitzen kein eigenes Land und verdienen ihr Geld als Tagelöhner und mit Stickereien und Verzierungen von teuren Seidensaris. Ein Sari ist 110cm breit und 5m lang. Er muss zumindest teilweise in einen Rahmen gespannt werden, der auf 4 niedrigen Pflöcken steht und fast den ganzen Raum einer Hütte einnimmt.

Am Boden sitzend wird die Arbeit verrichtet. Doch die Stickereien sind nicht der Grund unseres Besuches. Wir besichtigen neben der Wohn- und Arbeitshütte ein neu errichtetes Klohäuschen. Es ist eine traurige Tatsache, dass in Westbengalen immer noch 40 Prozent der Bevölkerung ihre Notdurft irgendwo im Freien verrichtet. Das ist unwürdig, unhygienisch und gefährlich. Dem soll eine landesweite Kampagne entgegenwirken. Es wurde ein Modell entwickelt, das möglichst wenig Kosten verursacht und die Regierung zahlt einen Zuschuss. Da die Haushalte noch nicht an eine Öffentliche Wasserleitung angeschlossen sind, gibt es keine automatische Spülung. Uns erinnert das an die Plumpsklos unserer Kindheit. Diese Toiletten werden u. a. vom Projektbudget mitfinanziert.

Wir treffen als nächstes im gleichen Ort die Mitglieder des Water- and Sanitation Committee (Watsan). Alle Gruppierungen sind darin vertreten, gewählt von der Dorfversammlung. Sie motivieren die Dorfbewohner Toiletten zu bauen und zu erhalten. Sie treiben voran, dass Wasserleitungen gelegt werden und klären auf in hygienischen Fragen.

In Dihinarayanai versammelt sich auf offener Terrasse, wo normalerweise Unterricht stattfindet, ein Elternkomitee. Sie loben den Lehrer für die Unterstützung ihrer Kinder durch Nachhilfe und Brückenkurse und wünschen sich noch mehr davon.

Die Zusammenkunft mit Lehrern einer Öffentlichen Schule mit der KJKS gut zusammenarbeitet, ist nicht so ergiebig. Da wir unseren Zeitplan nicht ganz einhalten konnten, kommen wir gerade in die Mittagspause, in der die Schüler ein von der Regierung gesponsertes Essen einnehmen. Zeit auch für uns ins Büro nach Mohanpur zurückzukehren und uns zu stärken.

Danach begeben wir uns ins Obergeschoss des Gemeindehauses zu einem Informationstausch mit den Mitgliedern der Kommunalen Selbstverwaltung, den Vertretern der einzelnen Dörfer von Mohanpur (Gram Panchayat). Sie setzen sich vehement für die Rechte der Dorfbevölkerung ein, wie die Diskussion deutlich macht.

Vor dem Gemeindehaus parkt die Mobile Bibliothek des Projekts: ein umgebautes Fahrrad. Der Aufbau besteht aus durchsichtigem Plastikglas, innen sind Regale, mit Büchern gefüllt. Schade, dass die Bücher bei der rumpeligen Fahrt in die Dörfer aus den Regalen rutschen. Das könnte noch verbessert werden.

In Mohanpur-I mit Rikscha angelangt, erfreut die Lehrerin einer Kindertagesstätte die Kleinen mit selbstgefertigten Lernspielen. Gleich gesellt sich noch eine Müttergruppe dazu, die aktiv mitarbeitet. Und wieder ein  heißer Ritt mit der Motorrikscha, diesmal  über eine Hängebrücke, die uns nicht alle gleichzeitig trägt. Wir gelangen nach Kaimabad, einem nicht ganz so armen Dorf, wie man an den rund um einen Dorfplatz gebauten Behausungen sieht. Den gleichen Weg wie wir hat vor uns die Mobile Bibliothek zurückgelegt. Ein Mädchen registriert in einem großen Buch die Ein- und Ausgänge der Bücher, die von den offensichtlich lesehungrigen Dorfbewohnern ausgeliehen werden.

Zurück im Büro sind alle 19 Mitarbeiter des Projekts versammelt, um mit uns zu diskutieren. Eine Mitarbeiterin will wegen des Problems der Kinderehen wissen, wie das bei uns in Deutschland geregelt ist. Der Sekretär stellt nochmals klar, dass wir private Besucher sind und der offizielle Besuch von „Helga“ aus Deutschland im Herbst erfolgt.

Wir bedanken uns für den umfänglichen Projektbesuch und ermuntern alle Mitarbeiter sich weiterhin so engagiert für die Projektziele einzusetzen. Geschenke werden ausgetauscht und um 17:15 Uhr starten wir durch nach Kalkutta wo wir wegen des starken Abendverkehrs erst um 19:30 Uhr eintreffen.

Der ausgezeichnet geplante und durchgeführte Projektbesuch gab Einblick in die äußerst vielschichtige Arbeit von KJKS in der Verbandsgemeinde Mohanpur. Die 10 Nachhilfezentren und 3 Brückenschulen helfen – mit sehr engagierten Lehrern in enger Zusammenarbeit mit Eltern-, Müttergruppen, Öffentlichen Schulen und der Gemeindeselbstverwaltung- Benachteiligungen auszugleichen, die Zahl der Schulabbrecher  erheblich zu reduzieren und so dem Recht auf Bildung zum Durchbruch zu verhelfen.

Der Erfolg bliebe aus, würden nicht auch die Lebensbedingungen der Dorfbewohner verbessert. So ergänzen umfangreiche Maßnahmen wie Toilettenbau, Trinkwasserversorgung, Hygieneaufklärung, Kampf gegen Kinderarbeit und Kinderehen u.v.m. in einem Netzwerk von Bürgerbeteiligung, Komitees und kommunaler Selbstverwaltung die Projektarbeit. Den 19 Mitarbeitern von KJKS und dem Sekretär Swapan Panda sei herzlich gedankt für die qualifizierte und ambitionierte Arbeit.

Text und Fotos: Brigitte und Bert Färber, April 2015

 

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