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Verein Digitalcourage vergibt Big Brother Awards„Das ist Dressur statt Bildung“

Nach der Vergabe des Big Brother Awards weisen das Leibniz-Institut für Wissensmedien und die Universität Tübingen Kritik an ihren EEG- und Eyetracking-Forschungen zurück. Auch die GEW diskutiert Algorithmen und Learning Analytics in der Bildung.

01.10.2020

Der Verein Digitalcourage hat der Firma BrainCo sowie dem Leibniz-WissenschaftsCampus Tübingen (WCT) den Big Brother Award 2020 in der Kategorie Bildung verliehen. BrainCo bekommt den Negativpreis für ihre EEG-Stirnbänder, die mittels Gehirnstrommessung angeblich die Konzentration von Schülerinnen und Schülern messen können. Der Konzentrationsgrad wird von einer LED auf dem Stirnband angezeigt und per Funk an den Lehrerrechner übermittelt. In USA und China wird diese Technik bereits in Klassenzimmern eingesetzt. Der ebenfalls ausgezeichnete Leibniz-Wissenschaftscampus Tübingen, erprobt ähnliche EEG-Stirnbänder auch in Deutschland, kombiniert mit Eyetracking. „Das ist Dressur statt Bildung“, kommentierte der Verein Digitalcourage. 

Lernverhalten vollständig überwachen

Den beteiligten Forscherinnen und Forschern des Leibniz-Instituts für Wissensmedien (IWM) und der Universität Tübingen wird unter anderem vorgeworfen, an einer Technik zu arbeiten, die eine vollständige Überwachung des Lernverhaltens von Schülerinnen und Schülern im Unterricht mit Hilfe von EEG und Eyetracking ermögliche. Zudem werde die Rolle von Lehrerinnen und Lehrern abgewertet.

„Eine Kontrolle des persönlichen Verhaltens oder eine bildbasierte Emotionserkennung zu Zwecken der Erfolgs- oder Leistungsprognose– ob in Klassenzimmern oder Hörsälen – lehnt die GEW ab.“

IWM und Universität Tübingen wiesen die Vorwürfe in einer Stellungnahme zurück. „Es gab und gibt an beiden Einrichtungen keine Forschungsprojekte, die auf eine Totalüberwachung und Dressur von Schülerinnen und Schülern im täglichen Unterricht abzielen“, sagte die Direktorin des Leibniz-Instituts, Ulrike Cress. Der Rektor der Universität Tübingen, Bernd Engler, betonte: „Ziel unserer Universität ist es, angehenden Lehrerinnen und Lehrern das notwendige Rüstzeug für guten Unterricht an die Hand zu geben. Dazu aber ist es wichtig zu verstehen, wie guter Unterricht gelingen kann.“ 

Auch das GEW-Bundesforum „Bildung in der digitalen Welt“ diskutiert derzeit einen Antrag zu Algorithmen und Learning Analytics im Bildungsbereich. Dieser enthält den Satz:„Eine Kontrolle des persönlichen Verhaltens oder eine bildbasierte Emotionserkennung zu Zwecken der Erfolgs- oder Leistungsprognose– ob in Klassenzimmern oder Hörsälen – lehnt die GEW ab.“

Seit dem Jahr 2000 werden in Deutschland die Big Brother Awards an Firmen, Organisationen und Personen verliehen, die in besonderer Weise und nachhaltig die Privatsphäre von Menschen beeinträchtigen sowie persönliche Daten verkaufen oder gegen ursprüngliche Interessen verwenden. Die Big Brother Awards sind ein internationales Projekt: In bisher 19 Ländern wurden gefährliche Machenschaften für Menschen und Demokratie mit diesen Preisen publik gemacht.